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Aus der Stadt Ohne Rezept zum Physiotherapeuten
Hannover Aus der Stadt Ohne Rezept zum Physiotherapeuten
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00:24 11.12.2015
Von Gabi Stief
„Der Arzt stellt die Diagnose, aber die Behandlung findet beim Therapeuten statt“: Ralf Kusch hätte nichts dagegen, Dauer und Intensität der Therapie selbst bestimmen zu können. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover Allgemein

Ralf Kusch weiß, wie man den Schmerz aufspürt. Seine Hand wandert über Schulter, Hals und Nacken des Patienten; sie verharrt, drückt, streicht. Oft täuscht der Schmerz, oft blinkt er wie eine Alarmlampe an der falschen Stelle. Osteopathie ist die Kunst, diese Täuschung aufzudecken und den „Fehler“ zu ergründen. Ralf Kusch ist Osteopath.

Von Haus aus ist er Physiotherapeut - aber in den vergangenen 25 Jahren hat der Praxisinhaber aus Kirchrode nie aufgehört, sich fortzubilden und zu spezialisieren. Aus Leidenschaft. Denn wer zahlt schon einen sechsstelligen Betrag für Fort- und Weiterbildung und verbringt jedes dritte Wochenende in Seminaren und auf Kongressen, wenn ihn der Beruf langweilt? „Wir sind die Einzigen im Gesundheitssystem, die dem Patienten länger als zehn Minuten zuhören“, sagt Ralf Kusch. „Der Arzt stellt die Diagnose; aber die Behandlung findet erst beim Therapeuten statt.“ Die Arbeitsteilung ist unstrittig. Bislang.

Einige Krankenkassen, Berufsverbände und Politiker würden die Verantwortung gern neu verteilen. Bis Jahresende wird in Berlin und Brandenburg und demnächst wohl im Saarland getestet, was dabei herauskommt, wenn der Kassenpatient auch ohne ärztliches Rezept oder mit einer Blankoverordnung die Praxis des Physiotherapeuten aufsuchen darf. Die Befürworter des sogenannten Direktzugangs ohne Umweg über den Hausarzt sind überzeugt, dass der Physiotherapeut die nötige Kompetenz besitzt, um autonom zu entscheiden, was sein Patient braucht. Und sie erwarten, dass Mehrfachuntersuchungen beim Arzt entfallen, weniger Medikamente verschrieben werden und weniger Krankheitstage anfallen - kurzum: Dass die Krankenkassen sogar Geld sparen. Die Gegner fürchten dagegen, dass viele Physiotherapeuten die neue Freiheit nutzen könnten, mehr Massagen zu verordnen als nötig - aus wirtschaftlichem Interesse oder Inkompetenz.

Droht eine Revolution? Nicht, wenn man Ralf Kusch fragt. Er kennt sich nicht nur mit verkrampften Muskeln und verklebten Faszien aus. Er kennt auch die mitleidigen Blicke seiner europäischen Kollegen. „Deutschland gilt als Entwicklungsland“, sagt er. Was hierzulande gerade getestet wird, ist andernorts seit Langem gängige Praxis. Der norwegische Physiotherapeut darf im Gegensatz zum deutschen nach entsprechender Weiterbildung nicht nur Medikamente verschreiben und eine Röntgenuntersuchung verordnen, er kann seine Patienten sogar krankschreiben. In Großbritannien, Irland, den Niederlanden und Schweden gehört der Direktzugang zur Regelversorgung, mit nachweislich hoher Behandlungsqualität. In Deutschland ist es vom Glück abhängig, ob der Patient den „richtigen“ Therapeuten findet. Qualitätskontrolle? Ein Wunschtraum.

Ralf Kusch meint, die Gründe für die mangelnde Wertschätzung seines Berufsstands zu kennen. „Im deutschen Gesundheitssystem dominiert die hochtechnisierte Medizin; die Geräte müssen ausgelastet werden.“ In den Neunzigerjahren gab es Anlass zur Hoffnung. Aus der Krankengymnastin mit dem Image einer Turnschwester wurde ganz offiziell das Berufsbild der Physiotherapeutin. Doch der neue Name für die sogenannten Heilmittelerbringer änderte nichts an der Bezahlung. Ein Berufseinsteiger verdient heute im Schnitt 2000 Euro brutto; und dies nach einer dreijährigen Ausbildung zumeist an einer Privatschule, die jeden Monat ein Schulgeld von 300 bis 500 Euro verlangt. Der Fachkräftemangel in der Branche könnte die Gehälter hochtreiben - doch der Preis, den die Praxis von der Kasse für jede Behandlung bekommt, ist limitiert.

Kerstin Waldvogel-Röcker hätte gern Medizin studiert. Doch am Ende hat sie sich für die Physiotherapie entschieden, ohne auf eine akademische Bildung zu verzichten. Nach der schulischen Ausbildung hat sie neben dem Job in einer Wellness-Praxis an einem der neuen Physiotherapie-Studiengänge in Hildesheim ihren Masterabschluss gemacht. Mittlerweile, nach zehnjähriger Ausbildung, betreibt sie zusammen mit Klaus Waldvogel zwei Praxen in Waldheim und Waldhausen - spezialisiert auf Lymphdränage. Sie kennt sich in ihrem Fach besser aus als so mancher Arzt.

„Es gibt immer wieder ärztliche Fehldiagnosen“, erzählt sie. „Manchmal wird zu viel, manchmal zu wenig verordnet.“ Ab und an wünscht sie sich, dass der Arzt, dem Patienten rät, abzunehmen oder zum Psychiater zu gehen, statt ihn zur Massage zu schicken. „Wir schreiben zwar Therapieberichte für den Arzt, aber sie werden häufig nicht gelesen.“ Kerstin Waldvogel-Röcker ist überzeugt, dass sich eine höhere Eigenständigkeit der Physiotherapeuten positiv für den Patienten auswirken würde.

Nicht alle Kollegen denken so. Mehr Eigenständigkeit bedeutet mehr Verantwortung für den Patienten. Viele schreckten davor zurück und versteckten sich lieber hinter der ärztlichen Diagnose, meint Kerstin Waldvogel-Röcker. Sie würde gern als Erstes über die Dauer einer Behandlung selbst entscheiden dürfen. „Alles Weitere muss man sehen.“ Eins sei sicher: Der Bedarf an Physiotherapie steigt.

Ralf Kusch arbeitet nebenbei als Dozent in der Weiterbildung. In den Seminaren versucht er, die jungen Leute für den Beruf zu begeistern. Kaum eine andere Gruppe im Gesundheitswesen habe so viele Entwicklungschancen - ob im Sport, in der Reha, in der Kindertherapie oder als Gesundheitsberater in Unternehmen. Auch an neuen Herausforderungen fehle es nicht, sagt Kerstin Waldvogel-Röcker. Kürzlich hat sie muslimischen Frauen Wassergymnastik anbieten wollen - die Therapie musste jedoch abgesagt werden, weil den Frauen im Schwimmbad eines Seniorenheims nicht garantiert werden konnte, dass sie vor Männerblicken geschützt sind.

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