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Aus der Stadt MHH-Chirurg transplantiert ganze Gelenke
Hannover Aus der Stadt MHH-Chirurg transplantiert ganze Gelenke
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00:15 29.05.2016
Von Bärbel Hilbig
MHH-Chirurg Christian Krettek hat Nicole Leutz ein Kniegelenk aus einer Organspende transplantiert. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Der Wunsch von Nicole Leutz klingt ganz schlicht. Die 27-Jährige freut sich auf einen Stadtbummel, darauf, wieder ohne Schmerzen selbst zu gehen. Für die junge Frau ist das alles andere als selbstverständlich. Als Folge eines zehn Jahre zurückliegenden Verkehrsunfalls hatte sich die komplette Knorpelschicht an ihrem Knie abgelöst. Damals war sie vom Motorrad gestürzt, als ein Autofahrer ihr die Vorfahrt nahm. Zahllose Arztbesuche und mehrere Operationen halfen nicht weiter. „Wenn ich mich zu viel bewegt hatte, schwoll das Knie an und ich konnte mich ein paar Tage lang gar nicht mehr bewegen.“ Unter der Haut konnte sie dann manchmal wandernde Stückchen ertasten, die sich von ihrem Knie gelöst hatten.

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MHH-Chirug Christian Krettek zeigt ein Modell des Transplantats.

„Ich stand jetzt vor der Entscheidung, mit den Schmerzen zu leben oder ein künstliches Kniegelenk zu bekommen.“ Doch an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) traf Nicole Leutz auf Christian Krettek, Direktor der Unfallchirurgie. Der 62-Jährige hat mit seinem Team eine Methode entwickelt, wie sich ganze Kniegelenke von Gewebe-Spendern transplantieren lassen. Bei Nicole Leutz war der Austausch jetzt besonders umfangreich, so stark war ihr Knie zertrümmert. „Ich hoffe ganz, ganz stark, dass es anwächst“, sagt die junge Frau, die eine eigene kleine Firma leitet. Die Chancen darauf stehen gut. Seit der ersten Operation im Jahr 2014 hat Christian Krettek sieben Patienten in Teilen mit einem neuen biologischen Knie ausgestattet. Außer der MHH arbeiten zwei Kliniken in Italien und den USA auf diesem Feld.

In einem gesunden Knie trifft am Übergang von Unter- und Oberschenkel Knorpel auf Knorpel. „Gelenke sind mechanische Wunderwerke. Die Reibung ist zehnmal niedriger als die von Schlittschuhen auf dem Eis“, schwärmt der Professor. Doch wenn der Knorpel durch Verschleiß oder Verletzung einmal abgeraspelt ist, heilt er nicht mehr. Die sich bildenden Ersatzfasern reiben und neigen zu Entzündungen.

Ohne Organspender geht es nicht

Für die Transplantation von Knochen-Knorpelgewebe am Knie sind die Ärzte auf Menschen angewiesen, die vor ihrem Tod per Spenderausweis eine Einwilligung zur Organentnahme geben. Das Gewebe kommt nach der Entnahme für einige Tage in eine Nährlösung, während Tests mögliche Krankheiten des Spenders ausschließen sollen. Eingefroren wird das Gewebe nicht, damit möglichst viele Knorpelzellen lebend erhalten bleiben. Nur dann kann das Knochen-Knorpel-Stück im Körper des Patienten anwachsen. Das Transplantat ist leicht gebogen und muss exakt auf die Anatomie des Empfängers angepasst werden. Es besteht aus einer hauchdünnen Knochen- sowie einer Knorpelschicht.

Zur Vorbereitung der Operation werden die spendereigenen Zellen zu großen Teilen aus dem Knochen ausgewaschen. Die Zellen im Knorpel liegen dagegen abgeschottet ohne Kontakt zu Blutgefäßen. „Die körpereigenen Abwehrzellen können nicht dorthin gelangen und die Knorpelzellen als fremd erkennen“, erläutert Christian Krettek, Direktor der MHH-Unfallchirurgie. Anders als bei anderen Organtransplantationen kommt es deshalb nicht oder nur zu einer sehr schwachen Abwehrreaktion des Empfängers.

Bei Nachuntersuchungen haben Ärzte festgestellt, dass Knorpelzellen im Transplantat, die ihre Lebensdauer erreicht haben und absterben, von eigenen Zellen des Patienten ersetzt werden. Nach einem Jahr waren rund 30 Prozent, im zweiten Jahr weitere 30 Prozent ausgetauscht. Der Körper des Patienten eignet sich das fremde Gewebe an.

Bisher konnten Ärzte am Ende meist nur noch eine Prothese aus Metall und Kunststoff anbieten. „Künstliche Gelenke sind eine super Sache für einen 70-Jährigen, der vielleicht wandern, aber nicht mehr Tennis spielen will“, urteilt Krettek. Doch je mehr sich ein Patient bewegt, desto kürzer hält die Prothese. Nach rund 15 Jahren ist im Schnitt ein Austausch notwendig, weil sich das künstliche Gelenk lockert und den Knochen abreibt. „Bei jeder neuen Operation geht außerdem ein Stück Knochen verloren. Für junge Patienten ist eine Prothese deshalb nur eine Notlösung.“

Beim Übertragen von Knochenstückchen mit Knorpelschicht gab es bisher jedoch einige Probleme. Nur wenn das Stück sehr dünn ist, wächst es gut an und wird vom Empfänger ernährt. Auch das exakte Anpassen des Knochenstücks auf die Zielstelle im Knie des Patienten ist knifflig, weil es zahlreiche Schnittebenen erfordert. Mit einem Industriepartner hat die MHH dafür eine spezielle Abformtechnik entwickelt, über die Krettek noch keine Details verrät - die Partner wollen sich das Verfahren patentieren lassen.

Besonders elektrisiert den Unfallchirurgen Krettek jedoch, dass diese technisch-handwerklichen Fortschritte den Patienten tatsächlich helfen, weil sie auf passende Bedingungen im menschlichen Körper treffen. Mediziner hatten dies vor einigen Jahren beobachtet, die Erfahrungen an der MHH bestätigen es. Wenn die Knorpelzellen des Organspenders ihre Lebensdauer ausgeschöpft haben und absterben, treten Zellen des Patienten an ihre Stelle. „Aus dem mechanischen Austauschen ist ein echter Reparaturprozess geworden. Wir haben die Hoffnung, dass das ein Leben lang halten kann.“

Dennoch brauchen Patienten wie Nicole Leutz viel Ausdauer, bis sie ihre frühere Beweglichkeit wiedererlangen. Wenn Irmgard von Puttkamer darüber berichtet, strahlt sie jedoch übersprudelnden Optimismus aus. Sie ist die zweite Patientin, der Krettek 2014 eine Bio-Prothese am Knie eingesetzt hat. Nach einem Reitunfall im Herbst 2013 und einer direkt folgenden Operation vor Ort konnte sich die energiegeladene Frau nur noch mit Rollstuhl oder Krücken fortbewegen. Da das Knie nicht heilte, war eine weitere Operation unumgänglich. Die Aussicht auf eine künstliche Kniegelenkprothese schreckte die damals 58-Jährige aber. „Ich wollte nicht den Rest meines Lebens im 90-Grad-Winkel sitzen.“

Reiten und Radfahren wollte Irmgard von Puttkamer. Und vor allem in die Hocke gehen, um die Enkelkinder zu begrüßen. Mit den Kleineren durch einen Spieltunnel krabbeln und mit den etwas Größeren laufen, hüpfen und auf dem Trampolin springen. Dafür nahm Irmgard von Puttkamer einiges auf sich. Die Aussicht auf ein „Leichenteil“ im Körper ließ sie kurz zurückschrecken. Heute ist sie der verstorbenen Spenderin und ihrer Familie „unendlich dankbar“. Inklusive Vor- und Nachbereitung waren drei zum Teil langwierige Operationen notwendig, danach immer wieder Krankengymnastik. „Das Laufenlernen war mit Schmerzen verbunden, denn Muskeln und Sehnen hatten sich zurückgebildet“, berichtet die 61-Jährige. Sie räumt allerdings ein, dass sie sich voller Ungeduld manchmal auch überfordert hat.

Inzwischen sitzt Irmgard von Puttkamer wieder im Sattel. Vieles im täglichen Leben nimmt sie noch als „Trainingseinheit“ und geht es vorsichtig an. „Radschlagen klappt noch nicht. Aber das muss ich in meinem Großmutteralter ja vielleicht auch nicht mehr.“ Kürzlich erst, zu Pfingsten, hat die älteste Enkelin Irmgard von Puttkamer keck zu einem Wettlauf provoziert. „Du kriegst mich ja doch nicht“, rief die Achtjährige. Gewonnen hat die Großmutter.

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