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Minderjährige Afghanen bekommen Gasteltern

Flüchtlinge Minderjährige Afghanen bekommen Gasteltern

Die afghanischen Flüchtlinge Elham und Taj haben jetzt niedersächsische Eltern: Ein Paar aus Barsinghausen hat die minderjährigen Flüchtlinge bei sich aufgenommen.

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Uno spielen sie alle leidenschaftlich gern: Anke Christ und Uwe Konieczny haben Taj und Elham aus Afghanistan aufgenommen.

Quelle: Katrin Kutter

Barsinghausen. Die Freude über das neue Familienglück ist immer noch mit den Händen zu greifen. In fast jedem Satz schwingt sie mit, wenn Anke Christ und Uwe Konieczny von „ihren Jungs“ erzählen. Vom ersten gemeinsamen Tag Anfang März dieses Jahres, den sie mit einem Supermarktbesuch starteten, weil „wir doch gar nicht wussten, was die beiden gerne essen“. Von dem Moment, als die stolzen Neu-Eltern im Eingang des Marktes angesprochen werden, weil Elham und Taj so fremdländisch wirken, und sie schlicht sagen: „Die Jungs gehören jetzt zu uns.“ Das Wort „Kinder“ fällt immer wieder: Von den „Kinderzimmern“, die sie in den Tagen nach dem Einzug gemeinsam eingerichtet haben, ist die Rede. Davon, dass „die Kinder“ am liebsten essen, was alle Teenager mögen: Nutella, Toastbrot, Chips.

Die „Kinder“ sind allerdings schon 16 und 17 Jahre alt - und es sind nicht die leiblichen, sondern Flüchtlinge. Elham und Taj stammen aus Afghanistan, beide sind sogenannte unbegleitete Minderjährige, die ohne Eltern nach Deutschland geflohen sind. 341 von ihnen leben derzeit in Hannover, die Region betreut aktuell 262. Minderjährige Flüchtlinge haben Anspruch auf besonderen Schutz, dürfen laut Gesetz zum Beispiel nicht in Gemeinschaftsunterkünften bleiben. Weil ihre Zahl stetig steigt, wird es immer schwieriger, sie angemessen unterzubringen. Vor allem die Region sucht derzeit nach Gasteltern, die den Jugendlichen einen familiären Rahmen bieten.

Anke Christ und Uwe Konieczny sind solche Gasteltern für Flüchtlinge. Dass sie den 16-jährigen Taj und den 17-jährigen Elham „Kinder“ nennen, sagt viel über ihre Motivation zu diesem Schritt aus. Beide sind seit dreieinhalb Jahren ein Paar, haben aus früheren Beziehungen erwachsene Kinder. Beide wollten ihre Liebe mit einem neuen Kinderglück krönen. Anfangs habe sie sogar an ein eigenes Kind gedacht, sagt Christ. Dafür habe sie sich dann aber doch zu alt gefühlt. Auch den Gedanken an ein Pflegekind verwarf sie schnell. Man binde sich möglicherweise für zwei, drei Jahre an ein relativ junges Kind und müsse es wieder abgeben, wenn die leiblichen Eltern es wiederhaben wollten: „Das würde mir das Herz zerreißen.“ Als Christ aber von der Möglichkeit hörte, einen minderjährigen Flüchtling aufzunehmen, griff sie zu. Die 49-Jährige arbeitet selbst beim Jugendamt der Region. Irgendwann, als der Zustrom der Flüchtlinge einen Höhepunkt erreicht hatte, sprach sie ihre damalige Chefin an, die von ihrem Wunsch nach Familienzuwachs wusste. Sie empfahl sogar, gleich zwei Flüchtlinge aufzunehmen: Es sei leichter für zwei als für einen, die neue Umgebung, Schule, Freizeit, zu meistern. Christ gefiel die Idee so gut, dass sie spontan ihren Lebensgefährten anrief und ihm mitteilte: „Weißt du schon das Neueste? Du wirst Vater!“

Trafen die beiden ihre Entscheidung tatsächlich so leichten Herzens, wie es heute klingt? Nein! Dass es Schwierigkeiten mit den Gebetszeiten der Jungen geben könnte, machte Christ Sorgen. Elham und Taj sind beide Muslime. Konieczny habe befürchtet, dass die Jungen keine Anweisungen von seiner Frau entgegennehmen würden, sagt er: „Es gibt in ihrem Kulturkreis ja Familien, da sitzt die Frau bei den Mahlzeiten nicht einmal mit am Tisch.“ Konieczny weiß ungewöhnlich gut über die Situation von Flüchtlingen Bescheid. Der 54-Jährige ist beim Technischen Hilfswerk zuständig für die Einsatzfahrzeuge in der Region, im Kreis Schaumburg, in Hameln und Pyrmont. „Nebenher“ ist er in seinem Job schon seit einigen Jahren mit der Organisation und dem Transport von Flüchtlingen in Erstaufnahmeeinrichtungen wie Friedland oder Bramsche befasst. Noch viel früher, 1994, half er nach dem Jugoslawienkrieg beim Wiederaufbau der im Krieg zerstörten bosnischen Stadt Mostar mit. Er habe noch die Bilder von damals im Kopf, sagt er, Bilder davon, wie die Waisenkinder nach dem Krieg in Mostar auf der Straße lebten und bettelten: “ohne Zukunft, ohne eine Chance auf ein richtiges Leben“. Er könne sich gut vorstellen, warum Eltern ihre Kinder aus den heutigen Kriegsgebieten auf die Flucht schickten: „Wenn in unserem Land Krieg wäre, würde ich das auch versuchen. Und ich würde mir wünschen, dass jemand sich um mein Kind kümmert, es auf die richtige Bahn bringt.“

Hatte er, gerade als jemand, der auch die Grausamkeiten des Krieges aus eigener Anschauung kennt, keine Angst vor der Traumatisierung seiner neuen „Kinder“? Davor, dass der im Krieg erlittene Schmerz sich bei ihm zu Hause Bahn bricht, dass er in Situationen gerät, die nicht so leicht zu händeln sind? Im Alltag, im normalen Umgang ist den Betroffenen davon oft nichts anzumerken. Auch Elham und Taj wirken an diesem Abend wie zwei ganz normale Jugendliche. Bereitwillig geben sie Auskunft über ihr neues Leben, soweit es ihre Sprachkenntnisse zulassen, zeigen ihre Zimmer, die jeweils mit Bett, Schrank, Schreibtisch und PC ausgestattet sind. Auf Tajs Schreibtisch liegt ein mit Notizen übersäter Block mit Konjugationen: („Ich laufe, du läufst, er, sie, es, läuft“). Daneben befindet sich - aufgeschlagen - ein Buch mit dem Titel „Meine ersten 1000 Wörter“. Ist es schwer, Deutsch zu lernen? „Ich lerne es, und es ist gut“, sagt Taj, der in Afghanistan nur vier Jahre zur Schule ging, schlicht. Elham kann immerhin auf neun Jahre Schule zurückblicken. Er spricht außer Persisch und Deutsch noch Englisch - und will später Politiker werden. Gerade er trägt aber auch eine große Bürde mit sich herum. Diese sagt mehr über die Schrecken einer Flucht von Kindern aus als viele Worte. Der 17-Jährige hatte seinen zwölfjährigen Bruder bei sich, als er nach Deutschland floh. Eines Nachts, irgendwann zwischen dem 25. und 30. Oktober 2015, verlor er ihn im Iran an der Grenze zur Türkei, als ein größerer Pulk von Flüchtlingen von der türkischen Armee auseinandergetrieben wurde. Elham sagt nichts, schaut nur hilflos in die Runde, als die Sprache darauf kommt, dass seine Gasteltern den Zwölfjährigen über Suchdienste wie den des Roten Kreuzes suchen. „Wir dringen nicht in die beiden. Sie sollen nur erzählen, wenn sie es wirklich wollen“, sagt Anke Christ leise. Und Uwe Konieczny ergänzt mit bestimmter Stimme, Angst vor den Schrecken der Vergangenheit seiner Jungs habe er nicht.

Die Gegenwart gibt offenbar auch genügend Anlass zur Freude. Bislang habe sich keines der befürchteten Probleme eingestellt, sagt Anke Christ: „Es ist alles viel leichter, als ich dachte.“ Taj und Elham seien fleißig, („sie lernen manchmal schon zu viel“), höflich, ordentlich - und hätten nicht nur in der Schule, sondern auch im Sportverein und bei der freiwilligen Feuerwehr schon Kontakte geknüpft. „Man erlebt nicht nur den immergleichen Alltag zu zweit, sondern unternimmt Sachen mit den Jungs“, sagt Uwe Konieczny. Es sei wieder mehr Leben im Haus. „Das ist schön.“

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