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Palästinenser und Juden erzählen sich ihre Lebensgeschichten

Geteiltes Leid Palästinenser und Juden erzählen sich ihre Lebensgeschichten

Der Vorsitzende der Palästinensischen Gemeinde Hannovers, Yazid Shammout, und Michael Fürst, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, haben zu einem Experiment eingeladen, das in dieser Form bundesweit einzigartig ist, aber Schule machen könnte: Juden und Palästinenser erzählen sich ihre Lebensgeschichten.

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Vertreter von palästinensischer und jüdischer Gemeinde kommen zusammen, um sich ihre Geschichten zu erzählen:Yazid Shammout und Michael Fürst.

Quelle: Martin Steiner

Zehn Minuten reichen nicht für ein Leben. Nicht für ein Leben wie das von Salomon Finkelstein, den Holocaust-Überlebenden. Aber er hat nur zehn Minuten Zeit, um davon zu erzählen, so ist es ausgemacht. Also erzählt er, wie er als 17-Jähriger 1939 den Einmarsch der Deutschen in seiner Heimatstadt Lodz erlebte, wie er in Konzentrationslagern Hunger litt und immer wieder knapp dem Tod entging. Im Saal herrscht atemlose Stille. Die Stimme des alten Mannes zittert ein wenig, als er auf seinen Arm zeigt, wo sie ihm damals die Häftlingsnummer eintätowierten: „Auschwitz ist nicht darstellbar“, sagt er. Und als er berichtet, wie er 38 Jahre nach der Befreiung seinen totgeglaubten Bruder wiederfand, in Israel, atmet mancher im Publikum tief durch. Auch mancher Palästinenser.

Es ist ein bemerkenswerter Abend in den Räumen der „Dana-Senioreneinrichtungen“ am Weidendamm. Yazid Shammout, der Geschäftsführer des Betriebes, ist zugleich Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Hannovers. Gemeinsam mit Michael Fürst, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, hat er zu einem Experiment eingeladen, das in dieser Form bundesweit einzigartig ist, aber Schule machen könnte: Juden und Palästinenser erzählen sich ihre Lebensgeschichten. „Der Nahostkonflikt polarisiert beide Seiten gleichermaßen“, sagt Shammout. „Wir werden ihn von Hannover aus nicht lösen – aber wir können zeigen, dass es möglich ist, miteinander zu reden.“

Es geht an diesem Abend darum, im Blick auf die Geschichte nach gemeinsamen Nennern zu suchen, es geht um einen Abgleich der Selbstwahrnehmung mit der Sicht der anderen. Zu den psychologischen Vertracktheiten des Nahostkonflikts gehört es, dass beide Seiten sich vor der Geschichte als Opfer sehen und sich auch deshalb im Recht glauben.

„Hätte mir jemand vor 25 Jahren gesagt, dass ich an einem Abend mit Palästinensern teilnehmen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, sagt Michael Fürst. Möglich wurde die Annäherung der Gemeinden auch durch das Entdecken eines gemeinsamen Gegners: Bei der Demonstration gegen Neonazis am 1. Mai flatterten erstmals palästinensische und israelische Flaggen einträchtig nebeneinander. Der Kontakt wurde enger. Und jetzt also der Erzählabend.

Es gelten feste Spielregeln. Jeweils drei Vertreter sprechen abwechselnd, je zehn Minuten lang. Man unterbricht nicht, man diskutiert nicht. Man hört zu und lässt die Geschichte des anderen stehen. So erzählt der 83-Jährige Gerd Landsberg, wie er 1941 aus Hannover nach Riga deportiert wurde und verschiedene Konzentrationslager überlebte. Danach schildert der Arzt Dib Khader, wie er 1948 als Kind aus Haifa vertrieben wurde. „Nach Hause fahre ich gerne und ungerne“, sagt er. „Die Verachtung der Israelis, die Demütigungen – das ist nur schwer zu ertragen.“ Auch seine Stimme zittert. Es ist ein Abend der bewegenden, der herzzerreißenden Geschichten. Es geht um Gewalt und Schuld, um ermordete Angehörige und um Familien, die über die ganze Welt verstreut leben. Der 39-jährige Mohammed Sheik Ali erzählt, wie er als jugendlicher Asylbewerber in Deutschland in der Zeitung las, dass sein Vater bei einem Luftangriff der Israelis getötet worden war. Und der in Nablus geborene Palästinenser Abdel-Rahim Almuhtaseb erzählt, wie er als Kind von israelischen Soldaten verprügelt wurde. Später, zur Zeit der Intifada, kam er in Einzelhaft.

Als Arkadi Litvan von der Jüdischen Gemeinde sprechen soll, verstößt er spontan ein wenig gegen die Spielregeln: Er zollt seinem Vorredner Respekt und kritisiert die „unerträglichen Bedingungen“, unter denen Abdel-Rahim Almuhtaseb in Israel litt. Seine Empörung ist echt, und in den Gesichtern der Palästinenser ruft sie eher verwunderte Dankbarkeit als Triumph hervor. Natürlich knirscht manches an diesem Abend. Zu Recht kann man sagen, dass so ein Angebot nur die ohnehin Gesprächsbereiten erreicht. Man kann sagen, dass deutsche Juden eben keine Israelis und somit die falschen Ansprechpartner für den Nahostkonflikt sind. Und wer Unrecht aufrechnen will, wird hier mühelos fündig: Schikane gegen Schikane, Vertreibung gegen Vertreibung, Haft gegen Haft. Obwohl der Holocaust doch historisch singulär ist, stehen hier Geschichten vom Leid gleichrangig nebeneinander, die Schicksale scheinen identisch, wenn man nur Orte und Zeiten austauscht.

Doch der Abend zeigt auch: Wenn es einen Weg gibt, Frieden im Nahen Osten zu schaffen, wird dieser aus Erzählen und Zuhören bestehen. „Jeder hat seine Geschichte. Seine wahre Geschichte“, sagt Michael Fürst nachdenklich. „Das war nicht leicht heute – aber wir werden weitermachen“, sagt Yazid Shammout. Dann lädt er die drei Dutzend Besucher noch zum Imbiss ein. Es ist dunkel draußen, Fastenbrechen im Ramadan, und viele Gerichte, die nach muslimischen Speisevorschriften „halal“ sind, sind auch „koscher“. An einem Tisch steht der Auschwitz-Überlebende Salomon Finkelstein. „Ich bin mit gemischten Gefühlen hierher gekommen“, sagt er. „Aber es hat sich gelohnt.“

Die Achse des Guten

Angestoßen hat den Erzählabend Yazid Shammout, der seit fünf Jahren Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Hannovers ist. Diese hat etwa 50 eingetragene Mitglieder und finanziert sich ausschließlich über deren Beiträge. Rund 90 Prozent der Mitglieder sind deutsche Staatsbürger mit palästinensischen Wurzeln. Die Gemeinde versteht sich nicht als religiöse, sondern als politisch-kulturelle Organisation, ihr gehören Muslime und Christen an. Die Jüdische Gemeinde in der Haeckelstraße – nicht zu verwechseln mit der vor einigen Jahren begründeten Liberalen jüdischen Gemeinde – entstand nach dem Krieg. Ihr gehören heute rund 4000 Mitglieder an. Mehr Informationen im Internet unter www.jg-hannover.de. Die Palästinensische Gemeinde hat keine eigenen Räumlichkeiten, sie ist erreichbar unter (05 11) 70 14 37 78.

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