Am Dienstag fallen im Landtag die Würfel in einer Streitfrage, die wie keine andere in den vergangenen Jahren die Abgeordneten bewegt hat: Soll der alte, 1962 von Dieter Oesterlen geschaffene Plenarsaal abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, nur umgebaut oder lediglich saniert werden?
Der Ausgang der Abstimmung ist ungewiss, weil die meisten Fraktionen auf Fraktionszwang verzichten. Dennoch zeichnet sich eine Mehrheit für den Sieger des Architektenwettbewerbs ab, den Entwurf des Kölner Architekten Eun Young Yi. Er will den Oesterlen-Bau abreißen und durch einen Glaspavillon ersetzen, die Kosten werden auf 36,5 Millionen Euro geschätzt. Für diese Variante sprechen sich die FDP, mindestens ein Drittel der SPD-Fraktion und vermutlich mindestens 50 der 69 CDU-Abgeordneten aus. Dies wäre eine Mehrheit, die mehr als die Hälfte der 152 Abgeordneten umfasst. Eine „breite Basis“ im Parlament, die Landtagspräsident Hermann Dinkla (CDU), CDU und SPD als Anspruch formuliert hatten, wäre damit aber nicht erreicht.
Es könnte sogar das eintreten, was Abgeordnete hinter vorgehaltener Hand als „größtes Desaster“ beschreiben: Wenn sich für den Glaspavillon von Yi nur etwa 60 Abgeordnete aussprächen, 50 für den Umbau des Plenarsaals wären und der Rest sich der Stimme enthielte oder mit Nein votierte, hätte der Glaspavillon zwar die meisten Stimmen, gleichzeitig aber nicht die Mehrheit des Parlamentes hinter sich. In diesem Fall wäre fraglich, ob Landtagspräsident Dinkla die Zustimmung als ausreichend ansehen wird. Womöglich wird er auf ein Quorum für die Abstimmung pochen – nämlich die Zustimmung von mindestens der Hälfte der Stimmen.
Die Situation ist verfahren. Einerseits wären mit einem Abriss des Oesterlen-Baus viele Probleme verbunden: Es gibt Bedenken der Denkmalschützer und Widerstände der Oesterlen-Fangemeinde. Lähmende juristische Auseinandersetzungen wären zu befürchten. Für den favorisierten Entwurf von Yi hingegen ist in Hannover keine Begeisterung entstanden. Der zweitplatzierte Architekt, der den Oesterlen-Plenarsaal umbauen möchte, lieferte bisher keine detaillierte Berechnung, die seinen Bau wesentlich günstiger erscheinen lassen würde.
Auf der anderen Seite aber wird der Sanierungsbedarf im alten Plenarsaal von niemandem bestritten (bei Elektrik, Abwasserrohren, Besprechungszimmern, Besuchertribünen, Brandschutz und Beleuchtung). Der Landtag stimmt zunächst auch über die Frage ab, ob nicht anstelle von Neu- oder Umbau eine „Sanierung im Bestand“ für vielleicht 20 bis 30 Millionen Euro vorzuziehen wäre. Dafür plädiert bisher nur eine Minderheit im Landtag – darunter auch Ministerpräsident Christian Wulff.
Klaus Wallbaum
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Kommentare
MdL Kutter 7 – 16.03.10
Habe noch keinen Abgeordeneten gesehen, der sich im Landtag in Sack und Asche präsentierte. Außerdem ist der Bau keine Bruchbude, wurde schließlich schon saniert. Da müssen die Schüler in wirklichen Bruchkisten lernen. Die können nicht sagen, dies sei eine Zumutung. Die müssen das ertragen. Und was die würdigen Vertreter anbelangt..... Die kann man an vielfach an einer Hand abzählen.Landtag Beobachter – 16.03.10
Wer selbst des öfteren mit dem Denkmalschutz zu tun hatte,sieht seine Urteile doch sehr relativ. Allein die Meinungen von Nachfolgern über Vorgänger können da schon nachdenklich machen. Das nur als Randnotiz. - Oesterlen selbst ist ja damals auch durchaus kreativ und ohne (falsche Ängstlichkeiten) mit Überkommenem umgegangen. Mal weniger überzeugend (da nenne ich kein Beispiel ... ), mal auch sehr überzeugend (Prospekt der Marktkirchenorgel!).Kompetenz? Anwohner – 16.03.10
@MdL...es ist immer wieder amüsant zu beobachten mit welcher Inbrunst der einfache Bürger den Experten die Kompetenz abspricht und die merkwürdigsten Empfehlungen erteilt,
den Denkmalschutz diskreditiert und, ohne Nachzudenken, Steuergelder verschwenden möchte.
- Wenn die Klügeren immer nachgeben, geschieht nur das, was die Dummen wollen. –
(Volksmund)
Planieren statt sanieren MdL – 16.03.10
Das Denkmalschutzgesetz ist auch nur Menschenwerk und ist in den zehn Geboten jedenfalls nicht erwähnt. Dass es anpassungsbedürftig ist, zeigt genau der vorliegende Fall. Der Denkmalschutz sollte sich gefälligst um das Wahre und das Schöne kümmern, nicht um abstoßende Bunker- nur weil diese den Zeitgeist so hervorragend dokumentieren. Das haben sie lange genug getan, jetzt gilt es zu "planieren statt sanieren".Für den Oesterlen- Bau galt lange genug das Gernhardt Zitat:
"Ein Lob auf etwas Hässliches,
es hat sowas Verlässliches."
Und dem Argument, es wird nur an 30 Tagen im Jahr getagt, kann man entgegenhalten, dass genau deswegen so selten getagt wird, weil keiner Lust auf diese Dunkelkammer hat. Es ist eine Zumutung, Stunden darin zu verbringen.
Im Übrigen, woher meinen Sie eigentlich zu wissen, dass das Volk seine Repräsentanten in Sack und Asche sehen will und in entsprechenden Bruchbuden?
Sieht man nicht lieber auf zu seinen würdigen Vertretern? Was haben Sie für ein Problem damit?
Und wenn Sie die Parlamentarier so beneiden, dann lassen Sie sich in den Landtag wählen! Treten Sie einfach einer Partei bei, von mir aus sogar den Linken, machen Sie dort durch jahrelange Kärrnerarbeit Karriere und lassen sich dann von denen in den Landtag schicken.
Spätestens dann werden Sie dankbar sein für Leute, die auch für unpopuläre Maßnahmen eintreten.
Warum Neubau? Anwohner – 16.03.10
Die Energetische Sanierung des Gebäudes wurde bereits 2006 begonnen es fehlt nur noch das Dach bzw. der Innenhof.Also neues Dach drauf, meinetwegen auch eine verwegene Konstruktion à la Coop Himmelb(l)au, und gut!
@ Herrn Wallbaum Belo Horizonte – 16.03.10
Ja, ja, Herr Wallbaum.... wir kennen inzwischen a l l e Ihre Meinung, Einstellung und Ihren Wunsch zur Verwirklichung des 1. Preises (Yis' Gefängnis aus Glas) auswendig. Ein bißchen zuviel des 'Guten', finde ich.Jetzt behaupten Sie noch obendrein öffentlich, das Büro Gebhardt hätte seine Hausaufgaben nicht gemacht. Diese Behauptung könnte Sie noch t e u e r zu stehen kommen.
@MDL Willi – 16.03.10
"Gerade an dem Beispiel Plenarsaal, einem in die Jahre gekommenen, heutigen Ansprüchen Hohn sprechenden Gebäudes, einer Energieschleuder sonder Gleichen, der mit herkömmlichen Dämmmaßnahmen nicht beizukommen ist, wird sich zeigen, ob ein Denkmalschutz in der heute vorzufindenden Form, überhaupt eine Berechtigung hat." Sie haben eine ziemlich radikale Einstellung zum Umgang mit Baudenkmälern. Mit einem solchen Verständnis könnten wir gleich noch einige andere Baudenkmäler entsorgen! Vielleicht ist bei Ihnen mehr Nachdenken als nassforsches Schreiben angesagt!Langeweile Arnulf Neumann – 16.03.10
@ MdLmanche Zeitgenossen verstehen unter dem Begriff 'Weiterentwicklung', daß sie sich ab und zu einen neuen Billig-Anzug mit passender Krawatte zulegen sollten, damit sie den 'Alten' nicht mehr bügeln oder gar in die Reinigung geben müsssen.
Das halten sie dann für den großen Wurf!
Daran ist im Prinzip nichts auszusetzen, solange sie mit ihrer 'Idee von Weiterentwicklung' nicht andere Menschen langweilen.
Für den Denkmalschutz gelten noch ein paar erweiterte Kriterien, die ich hier wegen der 'niederen Instinkte' Ihres Beitrages (*) nicht weiter ausführen möchte.
(*)gesetzwidriger Aufruf zum Benutzen des Vorschlaghammers gegen ein durch Gesetz (NDSchG) geschütztes Gebäude)
Lngeweile Arnulf Neumann – 16.03.10
@ "MdL"manche Zeitgenossen verstehen unter dem Begriff 'Weiterentwicklung', daß sie sich ab und zu einem neuen Billig-Anzug mit passender Krawatte entschließen, damit sie den 'Alten' nicht mehr bügeln oder gar in die Reinigung geben müsssen. Das halten sie dann für den großen Wurf!
Daran ist im Prinzip nichts auszusetzen, solange sie mit ihrer einfältigen Vorstellung von 'Weiterentwicklung' nicht andere Menschen langweilen.
Für den Denkmalschutz gelten noch ein paar erweiterte Kriterien, die ich hier wegen der 'niederen Instinkte' Ihres Beitrages (*) nicht weiter ausführen möchte.
(*)gesetzwidriger Aufruf zum Benutzen des Vorschlaghammers gegen ein durch Gesetz (NDSchG) geschütztes Gebäude)
Absurd! Peter W. – 16.03.10
Es ist doch Unsinn nach nicht einmal 60 Jahren eine unter Denkmalschutz stehendes Gebäude gegen eine Glaskiste, die dann garantiert nicht einmal 60 Jahren gefällt, zu tauschen. Bei der seltene Nutzung und den zu erwartenden Kosten können hoffentlich die Mehrheit ,der Abgeordneten, dem Selbstbedienungsreflex widerstehen!Sanierung JA! Neubau NEIN!
Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang
-Rilke-
Kommentar von MdL Thomas Dierks – 16.03.10
Ich hoffe, dass die Bezeichnung "MdL" dieses Autors/dieser Autorin ein Phantasiegebilde ist - so wie die verhöhnende Aussage selbst - weil es einen Schlag ins Gesicht bedeuten würde, wenn tatsächlich ein Vertreter dieses Hauses solchen Schmarrn von sich gäbe.Ich hjoffe weiterhin, dass der Protest der Bürger gegen diesen Wahnsinn nicht aufhört, dass es Gerichtsverfahren geben wird, mit denen sich die Initiativen gegen den Beschluß zur Wehr setzen.
Meine Kinder werden Niedersachsen sowieso verlassen, wenn sie die Ausbildung beendet haben.
Ich hoffe, dass das auch anderen in Erwägung ziehen.
Wo kein Geld ist, ist kein Geld Hannoveranerin – 16.03.10
Sollte die Entscheidung wirklich für einen Abriss und Neubau fallen und dafür Geld ausgegeben werden, dass nicht da ist ist dies die größte Fehlentscheidung. Vielleicht sollten die Politiker sich auch einmal die Meinungen der Bürger von Hannover anhören bzw. lesen.Im Falle der Entscheidung für den Neubau bin ich für eine Demonstration gegen diese! Wer macht mit?
Für eine zeitgemäße Lösung Bürger – 15.03.10
Die Kassen sind leer! Es gibt kein Geld, für nichts mehr. Verschonen Sie uns mit geschmäcklerischer Einordnung, die immer der gleichen Arroganz enspricht, nämlich einem spöttischem Erstsemesterblick. Beenden Sie Ihr Tabula-rasa-Denken. Auch dieses Gebäude hat seine Geschichte, zerstören Sie sie nicht ohne Not. Das unpraktische im Inneren und bautechnische Lösungen können auf den neusten Stand der Technik gebracht werden, es spricht nichts dafür, das Gebäude abzureißen. Auch vom Raum gedacht kann man sagen, oder besser Goethe hat das so ausgedrückt: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister!“ Packen wir es also in diesem Sinne an!Denkmalschutz überdenken MdL – 15.03.10
Wenn Karl der V. einen besseren Denkmalpfleger gehabt hätte, wäre die Renaissance in Deutschland nie eingezogen.Zum Glück gab es derartige Institutionen, die jede Weiterentwicklung behindert hätten, noch nicht. Gerade an dem Beispiel Plenarsaal, einem in die Jahre gekommenen, heutigen Ansprüchen Hohn sprechenden Gebäudes, einer Energieschleuder sonder Gleichen, der mit herkömmlichen Dämmmaßnahmen nicht beizukommen ist, wird sich zeigen, ob ein Denkmalschutz in der heute vorzufindenden Form, überhaupt eine Berechtigung hat.
Wenn es nur noch darum geht, Scheußlichkeiten wie den Oesterlenbau in alle Ewigkeiten zu konservieren, dann von mir aus weg mit den Denkmalschutzgesetzen! Ist schließlich Jahrhunderte auch ohne gutgegangen und die jeweiligen Stilrichtungen von Romanik zur Romantik konnten sich frei entwickeln.
Ich hoffe, die Denkmalpflege hat ein Einsehen, sich nicht ständig als Entwicklungsbremse einzubringen, sondern sich auf die wirklich schützenswerten Bauwerke zu konzentrieren und endlich auch ästhetische Maßstäbe einzubeziehen.
Also liebe Denkmalpfleger und alle Berufsbetroffenen in diesem Forum:
Seid nicht immer Teil des Problems, seid auch mal Teil der Lösung! Und- bringt den Vorschlaghammer mit...
Denkmalschutz? MdL – 15.03.10
Wenn Karl der V. einen besseren Denkmalpfleger gehabt hätte, wäre die Renaissance in Deutschland nie eingezogen.Zum Glück gab es derartige Institutionen, die jede Weiterentwicklung behindert hätten, noch nicht. Gerade an dem Beispiel Plenarsaal, einem in die Jahre gekommenen, heutigen Ansprüchen Hohn sprechenden Gebäudes, einer Energieschleuder sonder Gleichen, der mit herkömmlichen Dämmmaßnahmen nicht beizukommen ist, wird sich zeigen, ob ein Denkmalschutz in der heute vorzufindenden Form, überhaupt eine Berechtigung hat.
Wenn es nur noch darum geht, Scheußlichkeiten wie den Oesterlenbau in alle Ewigkeiten zu konservieren, dann von mir aus weg mit dem Denkmalschutzgesetzen! Ist schließlich Jahrhunderte auch ohne gutgegangen und die jeweiligen Stilrichtungen von Romanik bis zur Romantik konnten sich frei entwickeln.
Ich hoffe, die Denkmalpflege hat ein Einsehen, sich nicht ständig als Entwicklungsbremse einzubringen, sondern sich auf die wirklich schützenswerten Bauwerke zu konzentrieren und endlich auch ästhetische Maßstäbe einzubeziehen.
Also liebe Denkmalpfleger und alle Berufsbetroffenen in diesem Forum:
Seid nicht immer Teil des Problems, seid auch mal Teil der Lösung! Und- bringt den Vorschlaghammer mit...