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Ein Werk fürs Werk

Pelikan Hannover Ein Werk fürs Werk

Es sind nur kleine Kisten. Mit Fotos und Negativen. Für ein Archiv nichts Besonderes. Und wenn man als Firma knapp 180 Jahre auf dem Buckel hat und dazu Weltgeltung genießt, dann kommt da schon was zusammen. Im Pelikan-Archiv lagern Tausende Arbeiten des Fotokünstlers Hein Gorny die jetzt im Sprengel Museum ausgestellt werden.

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Archiv Pelikan: Vorstellung von 2070 wiederentdeckten Bildern des hannoverschen Fotografen Hein Gorny - hier: Archivar Jürgen Dittmer (l.) und Justitiar Dr. Detmar Schäfer (r.) bei der Sichtung der Fotos und Negative.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Die Sache kam ins Rollen, als im vergangenen Jahr eine Studentin bei Pelikan anfragte, ob sie für ihre Magisterarbeit über Industriefotografie in den Firmenschätzen nach Material des Fotografen Hein Gorny Ausschau halten könne. Gorny, 1904 geboren, Schwiegersohn von Theodor Lessing und trotz einer äußerst spannenden Biografie immer im Schatten prominenter Weggefährten wie Kurt Schwitters, Albert Renger-Patzsch oder Erich Kästner geblieben, arbeitete als Werbe-, Produkt- und auch als Tierfotograf, heute wird er der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. „Dass Gorny für uns gearbeitet hatte, wussten wir“, sagt Pelikan-Justitiar Detmar Schäfer. Dass das Konvolut eine so immense Bedeutung haben würde, ging ihm erst allmählich auf. Denn es stellte sich heraus, dass die insgesamt 2070 Positive und Negative einen großen und bislang eben unbeachteten Teil dessen darstellen, was von Gornys Arbeiten erhalten ist.

Der fast logische Weg führte zum Sprengel-Museum, wo man sich mit Gorny bestens auskennt. Schon zweimal hatte die Spectrum-Galerie Arbeiten des Künstlers gezeigt, unter anderem 1972 zur Eröffnung, vier Jahre nach seinem Tod. Nun soll das Konvolut als Dauerleihgabe an das Sprengel -Museum übergehen. Eine Win-win-Situation, befindet Archivar Jürgen Dittmer, seit sage und schreibe 67 Jahren bei Pelikan, wenn auch jetzt nur noch einmal die Woche. „Das ist eine interessante Situation für beide Seiten“, sagt er, „das Sprengel-Museum bekommt den Zugriff auf die Gorny-Fotografien, und für uns ist sichergestellt, dass die Sachen sachgerecht gelagert werden - und möglicherweise ausgestellt.“ Letzteres erfüllt sich teils schon jetzt - in der Schau „Unsere Sammler, unsere Stifter“ zur Eröffnung des Sprengel-Anbaus vom 19. September an.

Kooperation mit Pelikan

„Wir sind außerordentlich glücklich über die Kooperation mit Pelikan“, sagt die Foto-Expertin des Sprengel-Museums, Inka Schube. „Hein Gorny gehört zu den herausragenden Fotografen in der Nachfolge von Albert Renger-Patzsch. Insbesondere mit seinen Arbeiten für Pelikan, seiner Sachfotografie, hat er für Hannover und darüber hinaus einen wichtigen Beitrag für die Geschichte der Fotografie geleistet. Eine Ausstellung wird in nicht allzu ferner Zeit Hein Gornys Werk vorstellen.“

Pelikan-Justitiar Schäfer verbindet mit der Leihgabe auch die Hoffnung verbunden, dass „mit den Kapazitäten, die das Sprengel-Museum hat, das Gorny-Werk kunsthistorisch weiter aufgearbeitet werden kann“. Dass das Schaffen des Fotografen, dessen Arbeiten vor allem in Berlin (Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Collection Regard, Berlinische Galerie) lagern, nach der Sichtung neu bewertet werden muss, steht indes außer Frage.

Aufarbeitung der Kunsthistorie

Gorny machte in den Zwanzigerjahren Bekanntschaft mit den jungen, neugierigen Avantgarde-Kunstköpfen im Umfeld der Kestnergesellschaft, begann mit der Fotokamera zu experimentieren und prägte die junge, noch unstrukturierte Kunstfotografie allein schon dadurch mit. Seine fast grafische Bildsprache mit ihren charakteristischen, dynamischen diagonalen Strukturen hatte bald weit über die Grenzen der Stadt einen ausgezeichneten Ruf. Auch große hannoversche Unternehmen lernten Gornys Stil zu schätzen, neben Pelikan unter anderem Bahlsen. Für die Üstra arbeitete er zusammen mit Kurt Schwitters. Bei Pelikan illustrierte Gorny unter anderem 1938 ein Jubiläumsbuch zum 100-Jährigen, die „Pelikan-Blätter“ (eine Mitarbeiterzeitschrift) und einen aufwendigen Produktkatalog.

Zu dieser Zeit lebte Gorny schon mit seiner Ehefrau Ruth, geborene Lessing, in Berlin. Sie wurde von den Nazis als Halbjüdin tituliert, was Ende der Dreißigerjahre zunehmend zur Belastung wurde. Die Nazis bedrängten ihn, sich scheiden zu lassen. Das Paar bereitete die Ausreise in die USA vor, Gorny war bereits dort, doch seiner Frau, nur mit einem Touristenvisum ausgestattet, wurde von den Amerikanern die Einreise verwehrt. Gorny kehrte zurück, arbeitete während des Zweiten Weltkriegs weiter als Fotograf und machte nach dem Krieg ebenso spektakuläre wie für einen deutschen Fotografen verbotene Luftaufnahmen vom zerstörten Berlin.

Sucht und Krankheit

Im letzten Kriegsjahr ließ sich Gorny scheiden und heiratete eine Fotolaborantin. Drei Jahre später trennte er sich und heiratete die Philosophentochter erneut. Da litt er bereits an der Sucht nach dem Aufputschmittel Pervitin (heute als Crystal Meth bekannt). Die Sucht zerstörte Gornys zweite Ehe mit Ruth Lessing und dann seine Gesundheit. Seine letzten Jahre bis zu seinem Tod 1967 verbrachte er in der Heilanstalt Ilten, heute Klinikum Wahrendorff.

Wie weit Sucht und Krankheit das Leben von Gorny bestimmten, lässt ein Brief aus dem Dezember des Jahres 1955 vermuten, dem Pelikan-Jurist Schäfer ohne die Wiederentdeckung der Bilder wohl nie Beachtung geschenkt hätte und der nun in einem neuen Licht steht. In dem Schreiben bietet der Fotograf Pelikan die 2070 Stücke zum Kauf an und bittet um baldigen Preisvorschlag. Die folgenden Sätze lassen seine verzweifelte Situation erahnen: „Für keine Firma habe ich mit so viel Freude gearbeitet. Aber anscheinend gibt es kein Leben nach dem Tod. Vielleicht ist eine weitere Zusammenarbeit möglich, wenn ich hier meine unsagbaren Schwierigkeiten erledigt habe; denn noch sind Apparaturen sowie der größte Teil meines Besitzes durch den existenzgefährdenden Paragraphen ,Vermieterpfandrecht‘ blockiert und trotz intensivster Arbeit nur langsam Stück für Stück frei zu kriegen.“

Es lohnt, sich mit diesem Mann weiter zu beschäftigen. Oder eben ganz neu. Stoff genug ist jetzt jedenfalls wieder da.

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