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Aus der Stadt Pelikan feiert 175. Geburtstag
Hannover Aus der Stadt Pelikan feiert 175. Geburtstag
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10:46 27.04.2013
Von Conrad von Meding
Für die HAZ-Leser hat Pelikan-Archivar Jürgen Dittmer die schönsten Tintenflaschen aus drei Jahrhunderten aus der Vitrine genommen. Quelle: Tobias Kleinschmidt
Hannover

Seit 1948 ist Jürgen Dittmer bei Pelikan angestellt, mittlerweile sind es 65 Jahre. Sein Vertrag sieht inzwischen nur noch einen Arbeitstag pro Woche vor - aber dieses Pensum füllt der 84-Jährige mit viel Elan aus. Er betreut das Firmenarchiv des Konzerns in der Werftstraße am Mittellandkanal. Von der ersten Firmenanzeige 1838 über besondere Tintenfässer bis hin zum diamantbesetzten Jubiläumsfüller (Stückpreis: 2380 Euro) wird alles gesammelt, was Pelikan groß gemacht hat. An diesem Wochenende feiert der Weltkonzern mit den Mitarbeitern seinen 175. Geburtstag.

Hannover hat viele Firmen mit Weltruf hervorgebracht, Bahlsen etwa oder die Deutsche Grammophon oder Telefunken. Pelikan zählt nach dem Maschinenbauer Hanomag zu den ältesten in dieser Liga. Auch wenn die Eigentümer der Pelikan-Holding inzwischen in Malaysia sitzen und die Produktion nach Vöhrum bei Peine ausgelagert wurde - die Europa- und die Deutschlandzentrale haben ihren Sitz weiter in Hannover, und die malaysischen Eigentümer haben das einst zerschlagene Unternehmen wieder vereint.

Und was hat Pelikan nicht alles produziert in den vergangenen 175 Jahren. Die Augen von Chefarchivar Dittmar glänzen mit der tiefblauen Tinte in den Glasflaschen um die Wette, wenn er Vitrinen öffnet und Schubladen aufzieht. Zu fast jedem Utensil kann er eine Geschichte erzählen. Kein Wunder: Von 1948 bis 1993 war er Fachberater - so nannte Pelikan die Verkäufer, die deutschlandweit Großbetrieben die Büroartikel von Pelikan schmackhaft machen sollten. Wenn Dittmer den Job damals mit ähnlich viel Hingabe gemacht hat wie heute seine Archivar-Tätigkeit, dann dürfte er zum Umsatz des Unternehmens viel beigetragen haben.

Tausende Einzelteile umfasst das Firmenarchiv - doch der Pelikan-Senior hat den Überblick. Farbbänder? Mit einem präzisen Griff öffnet er die großformatige Schublade eines Archivschranks. An die 200 Farbbänder für Schreibmaschinen, wohlsortiert in kleinen Blechdosen, reihen sich auf. In den Schubladen darunter: Utensilien für elektrische Schreibmaschinen, Tintenpatronen für Farbdrucker, Kartuschen für Laserprinter. Unter der Decke des Archivs hängen historische Messingkronleuchter mit dem Pelikanmotiv, an den Wänden prangt Firmenwerbung, die den Zeitgeist aus drei Jahrhunderten widerspiegelt, in einer Vitrine sind frühe Tuschkästen aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt. Und (fast) überall ziert der Pelikan als Markentier die Utensilien.

Aber eben nur fast - und der stolze Vogel sieht mitnichten immer gleich aus. Firmenjustiziar Detmar Schäfer hat in gut einjähriger Arbeit ein erstaunliches Buch zur Markengeschichte des hannoverschen Pelikans erarbeitet, das ab Montag im Handel erhältlich ist. Auf 168 Seiten zeichnet er in kleinen, reich illustrierten Episoden nach, wie sich der Pelikan entwickelt und als Marke weltweit etabliert hat. Weil insbesondere die Firmenchefs Günther Wagner und später sein Schwiegersohn Fritz Beindorff intensiv mit zeitgenössischen Künstlern kooperiert haben, regionalen wie überregionalen, ist der Bildband zugleich auch eine Werkschau quer durch den Jugendstil über Collagenkunst bis zur modernen Bildsprache. Plakatentwürfe von Georg Tronnier und El Lissitzky, Werbeblätter des Peiner Künstlers E.W. Baule, Studienblätter von Kurt Schwitters und Wilhelm Wagenfeld - das Lissitzky-Design für Pelikan-Siegellack hat es mit seiner reinen Formsprache sogar bis ins New Yorker Museum of Modern Art gebracht. „Das Unternehmen hat immer schon Wert darauf gelegt, etwas Besonderes zu schaffen“, sagt Schäfer.

Als Gründungsdatum der Firma gilt der 28. April 1838 - da war freilich vom Pelikan noch nichts zu sehen, und statt in Hannover spielt der Ursprung auch in Groß Munzel bei Barsinghausen. Dort preist der Chemiker Carl Hornemann mit einer Annonce „feine Tuschfarben“, „farbige Dinten in Fläschchen“, „Malerpinsel“ und andere Utensilien an. Schon nach zwei Jahren wird die Firma nach Hannover verlegt und expandiert kräftig. 1871 übernimmt der bisherige Werksleiter Günther Wagner, ebenfalls ein Chemiker, den Betrieb. Aus dem Wappentier seiner Familie, einem Pelikan, entwickelt er das Firmenlogo, das zunächst als Marke für Kinderprodukte eingeführt wird, dann lange Zeit als Ergänzung zum Firmennamen dient, bis es um 1968 als Firmenname etabliert ist.

Inzwischen ist der Name weltweit bekannt - was nicht immer zur Freude der Firma gereicht. 2007 etwa, berichtet Justiziar Schäfer, sind in einem Großlager am Rande des thailändischen Dschungels Handsägen aufgetaucht, die das Original-Logo und den Schriftzug der hannoverschen Pelikan trugen. Das Unternehmen reagiert rigide auf solche Piraterie: Inzwischen hat es die Markenrechte für Pelikan-Handsägen im asiatischen Raum gesichert - ohne diese allerdings jemals produzieren zu wollen.

Die Produktpalette ist auch so groß genug. Tuschkästen, Tinten, Druckerpatronen - und natürlich die Füllfederhalter, die inzwischen Generationen begleiten. Der Schülerfüller „Pelikano“ hat 2010 seinen 50. Geburtstag gefeiert, ständig bringt das Unternehmen Neuheiten bei Design und Technik auf den Markt, die im Vöhrumer Werk produziert werden. Der diamantbesetzte Jubiläumsfüller mit Goldfeder und dem stolzen 2380-Euro-Preis ist vor zwei Wochen auf den Markt gekommen und inzwischen ausverkauft - er wurde allerdings auch „nur“ 238-mal gefertigt. Pelikan-Sondereditionen sind eben weltweit gefragt.

Im Firmenarchiv ist natürlich auch von diesem Füller ein Exemplar gesichert, es trägt die Nummer vier. Trotz dieses Diamantschatzes: Chefarchivar Dittmer nennt ein anderes Produkt sein Lieblingsstück. „Es ist der traditionelle, schwarz-grüne Pelikan-Füller.“ Das Produkt, das Pelikan weltberühmt gemacht hat.

Die wundersame Kükenzahl

Einen Pelikan mit einem Küken zeigt das aktuelle Signet der Firma Pelikan – aber das war nicht immer so. Anfangs waren es drei Nachwuchstiere, zwischenzeitlich sogar vier. Der Grund dafür liegt in der Familiengeschichte von Firmeninhaber Günther Wagner. Der hatte drei Kinder. Und als sein viertes Kind, die Tochter Gretchen, geboren wurde, ließ er ein viertes Küken in das Firmenzeichen einbauen, wie aus bislang unentdeckten Briefen des Firmenchefs hervorgeht. Bei den Recherchen zum Buch von Pelikan-Justiziar Detmar Schäfer waren nicht nur diese Briefe aufgetaucht, sondern auch das ursprüngliche Wappen der Familie Wagner. Dort ist der Pelikan das Wappentier, und er füttert drei Junge. Wagner experimentierte zunächst damit, den Pelikan zum Symboltier für die Kinderartikel seines Unternehmens zu machen, das jahrzehntelang nur Günther Wagner hieß. Das markante Tier setzte sich aber zunehmend als Logo für alle Produkte durch. Damit das Logo auch bei extrem kleiner Verwendung gut erkennbar ist, fertigte O.?H.?W. Hadanck 1937 ein vereinfachtes Signet mit zwei Jungtieren. Doch Firmenchef Wagner drängte schließlich auf die stärkste Reduktion: Seitdem ist nur noch ein Küken im Nest.

Füller: ?Die Schreibgeräte haben Pelikans Weltruf begründet. Während Mitbewerber wie Montblanc mit komplizierten Sicherheits- oder Druck-/Hebelfüllern arbeiteten, setzte Pelikan ab 1929 auf ein Patent des Tschechen Theodor Kovács, bei dem die Tinte mit einem Differential-Schraubgetriebe aufgezogen wurde – das war der Durchbruch. Später kamen die Tintenpatronen hinzu, die das Nachfüllen noch einfacher machten. Mit dem Kinderfüller „Pelikano“, der 2010 den 50. Geburtstag feierte, gelang Pelikan der Siegeszug auch in Klassenzimmern.

Tusche: Nicht nur im Design unterscheidet sich der frühe Tuschkasten vom heutigen Pelikan-Modell. Die damalige Holzkonstruktion trug eine Schnecke statt des Pelikans, Günther Wagner führte das Flügeltier erst später ein. Und obwohl die Aufschrift ab 1888 stolz „Giftfreie Kinderfarben“ verkündete, galt das ausdrücklich nicht für das Grün. Das hieß ausgeschrieben Chromoxidgrün und war noch jahrzehntelang hochgiftig. Bei allen anderen Farben aber hat sich – bis auf Details der Zusammensetzung – in den Pelikan-Tuschkästen seitdem kaum etwas geändert.

Farbbänder: Die frühen Schreibmaschinen hatten jeweils ihre eigenen Farbbandformate. Erst die DIN 32755 räumte mit dem Wildwuchs auf – und ermöglichte es Herstellern wie Pelikan, gleiche Farbbänder für unterschiedliche Schreibmaschinentypen herzustellen. Mit Schreibmaschine aber tippt heute kaum noch jemand. Stattdessen haben Drucker die alte Technik abgelöst – und hier haben wieder alle Hersteller ihre eigenen Standards, um mit Lizenzen Geld zu verdienen. „Insofern erleben wir eigentlich einen Rückschritt in der Branche“, sinniert Pelikan-Archivar Jürgen Dittmer.

Tinte: Für die HAZ-Leser hat Pelikan-Archivar Jürgen Dittmer die schönsten Tintenflaschen aus drei Jahrhunderten aus der Vitrine genommen. Außer der Standardtinte ist hier etwa Eisen-Gallus-Tinte (links) zu sehen: Der mit Eisensulfat versetzte Sud des Gallapfels fließt bläulich, wird dann durch Oxidation schwarz und bleibt lichtecht. Oder die „Schecktinte“ (2.?v.?li.), die so viele Pigmente hat, dass sie auch nach Löschversuchen noch zu erkennen bleibt. Die litergroße Glasflasche rechts basiert auf einem Design von Wilhelm Wagenfeld mit eingelassenen Pelikan-Signets an den Seiten (zum besseren Halt beim Schütten), der Schriftzug zeigt die ab 1937 von O.?H.?W. Hadanck entworfene Markenidentität von Pelikan. Im Vordergrund sind außer der „Edelstein“-Tinte (rechts, aktuelles Sortiment) auch zwei Wagenfeld-Entwicklungen des geknickten Tintenfässchens zu sehen, das dank klugen Designs ein Ausschöpfen der letzten Tintenreserve ermöglichte.

Das buch zur Markengeschichte des Pelikans von Firmenjustiziar Detmar Schäfer ist ab Montag im Handel. Es ist im Verlag Leuenhagen und Paris erschienen und kostet 29,99 Euro. Es ist grafisch aufwendig gestaltet und mit vielen großformatigen Faksimiles von Pelikan-Plakaten und Werbeblättern versehen. „Pelikan – Die Marke“ trägt den Untertitel: „Wie das Küken ins Nest kam und wann wie viele“.

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