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Aus der Stadt Wefels heile Welt
Hannover Aus der Stadt Wefels heile Welt
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00:18 29.06.2015
Von Gunnar Menkens
„Ich wusste ja nicht, was es bedeutet, schwer traumatisierte Kinder aufzunehmen“: Elfriede Wefel und ihr Mann Dietmar haben immer Windeln und Wäsche im Schrank - für den nächsten Notfall. Foto: von Ditfurth Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Sieben Fotos stehen im Regal, gleich neben dem hölzernen Esstisch im offenen Wohnzimmer. Das ist ein schöner Platz, weil Elfriede Wefel oft hier sitzt und gut die Kinder sehen kann, die alle einmal in ihrem Haus lebten. Kleine Jungen lächeln aus blauen Rahmen, winzige Mädchen in Strampelanzügen strahlen aus roten Rahmen. Lucas gähnt in die Kamera, er ist erst seit wenigen Wochen auf der Welt, das achte Kind, sein Bild ist noch ohne Fassung. Seine Mutter verschwand kurz nach der Geburt, um ein neues Leben zu beginnen. Irgendwann wird der Junge seine traurige Geschichte hören und erfahren, wo er Unterschlupf fand. Lucas kam vor einem halben Jahr, nun ist auch dieses Kind fort. So soll es sein.

Die Fotos erinnern Elfriede Wefel und ihren Mann Dietmar an die Kinder, die sie in den vergangenen Jahren aufgenommen haben. Das Ehepaar steht bereit, wenn die Stadt Pflegeeltern braucht, die sich sofort um Jungen und Mädchen kümmern. Sofort heißt oft: in ein paar Stunden. Dann klingelt das Telefon, weil es irgendwo in Hannover eine junge Mutter nicht mehr schafft, sich um ihr Kind zu kümmern, und Wefels haben bald für einige Monate ein neues Familienmitglied. Windeln und Wäsche liegen immer griffbereit im Schrank.

Dass Elfriede Wefel, 53, beschloss, Pflegemutter in Bereitschaft zu werden, hatte mit ihrem Beruf im Büro einer Kirchengemeinde zu tun. Dort standen Veränderungen bevor, sie fand nichts wirklich Passendes, und als sie überlegte, was ihr im Leben sonst noch Spaß gemacht macht hat, fiel ihr ein: Kinder. Drei Töchter zog sie selbst groß, im Haus war Platz, und die Familie entschied sich, es mit Bereitschaftspflege zu versuchen. Das war 2006. Heute, sagt sie, ging sie die Aufgabe wohl ein wenig naiv an: „Ich wusste ja nicht, was es bedeutet, schwer traumatisierte Kinder aufzunehmen.“ Sogar vergessen hatte die Mutter, was es heißt, einen Säugling im Haus zu haben. Plötzlich musste sie wieder nachts aufstehen. Ein Zustand, den sie eigentlich überwunden glaubte.

Wie wird man zu Bereitschaftseltern?

Die Stadt Hannover sucht weitere Paare, die Kinder in Bereitschaftspflege aufnehmen. Sozialdezernent Thomas Walter sagt: „Sie ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel des bürgerschaftlichen Engagements: Familien erklären sich bereit, kurzfristig die Verantwortung für ein Kind und seine weitere Entwicklung zu übernehmen. Damit wird praktische Solidarität und ein sehr konkreter Beitrag zur Integration beeinträchtigter junger Menschen in die Gesellschaft geleistet.“ Er höre oft, welche Bestätigung und Freude Eltern auf Zeit für sich selbst aus ihrer sehr wichtigen Arbeit ziehen. „Das ist wahrscheinlich die wertvollste Form ihrer Anerkennung.“ Wenn eine Familie sich dazu entschließt, prüfen Mitarbeiter des Kommunalen Sozialdienstes in Gesprächen, ob die geforderten Voraussetzungen existieren. Gewünscht wird eine pädagogische Vorbildung, was in der Regel bedeutet, eigene Kinder zu haben, Pflicht ist dies jedoch nicht. Die Familienplanung sollte abgeschlossen sein, damit künftige Pflegekinder die Jüngsten sind. Sie müssen ein eigenes Zimmer bekommen. Die Stadt fordert ein Führungszeugnis an und prüft, ob das Einkommen der Familie ausreicht. Damit soll verhindert werden, dass die Aufwandsentschädigung, rund 2200 Euro im Monat plus einer Pauschale für Sozialabgaben und Versicherungen, für den eigenen Lebensunterhalt verbraucht wird. Bereitschaftspflegeeltern werden an mehreren Informationsabenden auf ihre Aufgaben vorbereitet. Es geht unter anderem darum, wie man mit Kindern umgeht, die aus krisenhaften Umständen kommen, wann zum Beispiel Ärzte aufgesucht werden sollten. Während der Pflegezeit steht die Stadt für Hilfe bereit. Kinder in Bereitschaftspflege sollen höchstens ein halbes Jahr in der Familie bleiben. Die aufnehmenden Eltern müssen einverstanden sein, dass die leiblichen Eltern ihr Kind besuchen. Wer Interesse an dieser Aufgabe hat, kann sich bei der Stadt Hannover melden. Die Kontakte: Franziska Kohlstedt, Telefon (0511) 16?84?26?15), und Liane Krätzig, Telefon (05?11) 16?84?02?72, im Fachbereich Jugend- und Familie, Bereitschaftspflege, Nikolaistraße 14 (Eingang Karolinenstraße 2). gum

Da war zum Beispiel Lisa, „ein herziges Kind, etwas ganz Besonderes“. Das Mädchen kam in einer Frühgeburt zur Welt, die junge Mutter war drogensüchtig. Es lernte spät sprechen und muss wohl mit einer spastischen Lähmung durchs Leben gehen. Von den Eltern keine Spur.

Lars war ein Jahr alt, als Familie Wefel ins Krankenhaus fuhr, um ihn schnell zu holen. „Ein Feger“, sagt seine Pflegemutter, „mit viel Energie und einem unglaublich genauen Gehör.“ Steckte jemand einen Schlüssel ins Schloss, war Lars hellwach. Manchmal schreckte er im Schlaf auf und schrie, weil er glaubte, wieder allein in der Wohnung zu sein, wie er es zu Hause oft erlebte. Auch seine Mutter kämpfte gegen Drogen, aber sie schaffte es nicht.

Oder Emma. „Klein, leicht, ein bisschen schwach, selten schlief sie durch, wir haben sie hochgepäppelt.“ Den angeborenen Herzfehler konnte keine Liebe der Welt beheben. Von der leiblichen, drogensüchtigen Mutter hörte Familie Wefel nie wieder etwas. Emma kam zu Pflegeeltern, die erzählten, die rechte Hand bleibe wohl verkrüppelt.

Luise wurde mit offenen Rücken geboren. Eine Querschnittslähmung drohte, vielleicht ein Wasserkopf. Der Alkohol hatte das Mädchen im Mutterleib schwer geschädigt, bevor es geboren wurde. Im Krankenhaus fragten Ärzte vorsichtig, ob Elfriede Wefel sich zutraute, Luise, einen Pflegefall, aufzunehmen. „Ich habe gesagt: Ja. Dieses Kind muss geliebt werden. Aber ich bin körperlich an die Grenzen gegangen.“ Luise blieb weit über ein Jahr. Zum ersten Mal brauchte die Familie eine Pause. Vier Monate lang war kein Kind im Haus. Dann kam Lucas, das Baby, das im Leben seiner Eltern nicht mehr von Bedeutung sein sollte.

Nicht immer bestimmt solche Gleichgültigkeit das Verhalten der Eltern. Mütter sind oft froh, wenn sie wissen, dass ihre Babys gut untergekommen sind - um dann abzutauchen. Manche wollen sich kümmern, scheitern aber an ihrer Drogensucht. Es gibt Eltern, die Kinder verwahrlosen lassen, weil sie eigenen Interessen nachgehen. Bereitschaftspflegeeltern werden oft verständigt, wenn die Polizei Kinder nach Hinweisen von zu Hause holt. Trotzdem wundert sich Elfriede Wefel manchmal, wie lange Auffälligkeiten unbemerkt bleiben. Blaue Flecken, schimmeliges Pausenbrot.

Bei der Stadt Hannover sind derzeit 24 Familien gemeldet, die jederzeit Kinder aufnehmen. Zu wenig, denn die Not wird größer. Viele Flüchtlingskinder kommen allein in die Stadt, und zunehmend mehr Kinder werden mit alkoholbedingten Schäden geboren. Ein paar Monate haben Behörden dann Zeit, nach dauerhaften Lösungen zu suchen. Die kurzzeitige Inobhutnahme endet auf verschiedene Weisen. Im vergangenen Jahr etwa gingen von 64 Kindern, die bei Bereitschaftspflegeeltern unterkamen, 37 zurück zu ihren leiblichen Eltern. Die übrigen Jungen und Mädchen kamen in Pflegefamilien, Heime oder Mutter-Kind-Einrichtungen.

Wer Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen aufnimmt, muss damit rechnen, erschreckende Dinge zu sehen. Verhalten, das ahnen lässt, wie Kinder gelitten haben. Ein Junge lief ständig zum Kühlschrank seiner Pflegefamilie, um sicher zu sein, dass wirklich noch etwas zu essen da ist. Ein Mädchen zog sich aus, als sie ihren Pflegevater sah, weil sie glaubte, jetzt passiere, was sein leiblicher Vater ihm offenbar angetan hatte. Ein Kind steckte spitze Gegenstände in seinen Mund, um sich selbst zu verletzen. Elfriede Wefel hörte von diesen Schicksalen von anderen Familien in der Bereitschaftspflege. Je älter ein Kind, sagt sie, desto schwerer trage es an seinem Rucksack. Über ihr eigenes Leben denkt sie seither: „In was für einer heilen Welt wir leben.“

Irgendwann müssen die Kinder gehen. Sie bekommen ein Fotoalbum mit, für später, damit sie sehen, wo sie gelebt haben in Zeiten der Not und was das für Leute waren, bei denen sie wohnten. Ob sie sich erinnern an Elfriede und Dietmar Wefel und an ihre Art, bei aller Liebe von Anfang an Regeln aufstellen? Klare Ansagen, kurze Anweisungen, Grenzen setzen, so machen sie es. Ihr Ziel ist, den Kindern Selbstwertgefühl zu vermitteln, nicht, sie für ein paar Monate zu verhätscheln. Fällt es Elfriede Wefel schwer, die Kinder gehen zu lassen? Nein, sagt sie, man wisse ja, dass es so komme. „Und das kann ja auch sehr befreiend sein.“ Ein Satz, über den sie doch laut lachen muss.

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