Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Pfleger misshandelt wehrlose Seniorinnen
Hannover Aus der Stadt Pfleger misshandelt wehrlose Seniorinnen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 22.08.2016
Der Angeklagte Hendrik F. im Gerichtssaal. Quelle: Katrin Kutter
Anzeige
Hannover

Ein überforderter und ungeeigneter Altenpflegehelfer hat drei hilflose Bewohnerinnen eines hannoverschen Pflegeheims so unsachgemäß versorgt, dass sie erhebliche Verletzungen davontrugen. So fügte er einer Seniorin mit Pergamenthaut durch grobes Umbetten blutende Wunden an Arm und Beinen zu. Eine andere Bewohnerin drehte er auf ihr Gesicht, sodass sie sich über Nacht auf einer Wange wundlag, eine dritte hatte ein Hämatom am Arm. Gestern wurde der 51-jährige Hendrik F. vom Amtsgericht wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. Außerdem muss er 1200 Euro an die Frauen-Hilfseinrichtung Violetta zahlen und die Teilnahme an einer Anti-Aggressions-Therapie nachweisen – sonst muss er doch noch ins Gefängnis.

Richterin Monika Pinski nannte das Verhalten des Pflegehelfers „unfassbar schlimm“. Er habe das Mitgefühl für andere verloren, möglicherweise aufgrund persönlicher Probleme. So hatte der 51-Jährige erzählt, dass er jüngst Vater und Onkel aufgrund von Krebserkrankungen verloren habe.

Die Übergriffe in einem nördlichen Stadtteil ereigneten sich in der Nacht vom 11. auf den 12. November 2015. Weil im Pflegeheim aufgrund von Erkrankungen Personalnotstand herrschte, bemühte das Heim eine Zeitarbeitsfirma. Die schickte als Altenpflegehelfer Hendrik F. – obwohl dieser nach eigenem Bekunden gar keine Nachtschichten mehr absolvieren wollte: „Ich weiß, dass ich Stress nicht abkann, und nachts ist es noch schlimmer als tagsüber.“ Doch hatte der Chef der Zeitarbeitsfirma keinen anderen Mitarbeiter parat, also beorderte er den 51-Jährigen ins Heim. Der hatte dort mehr als 40 pflegebedürftige Menschen in zwei Wohnbereichen zu versorgen.

Diskutieren Sie mit!

Jeden Tag geben wir ausgewählte Artikel zum Kommentieren frei. Bis zu drei Tage nach Veröffentlichung des Textes können Sie mitdiskutieren. Sie finden die Anmeldung und die bereits abgegeben Kommentare weiter unten auf dieser Seite. Viel Spaß beim Kommentieren!

Schon in der ersten Nacht, so schilderten es ein Pflegedienstleiter und eine Altenpflegerin, hätten sich Senioren ob des neuen Betreuers verängstigt gezeigt. Dieser sei nach Aussagen von Bewohnern „laut und frech“ geworden. Als die Heimleitung am Morgen des zweiten Nachtdienstes von den Verletzungen der gebrechlichen Seniorinnen erfuhr, erteilte sie dem Aushilfspfleger Hausverbot, verständigte die Heimaufsicht und später auch die Angehörigen.

Nach eigenem Bekunden hat F. eine einjährige Ausbildung zum Pflegehelfer absolviert, arbeitet schon seit 18 Jahren in diesem Metier. Der Angeklagte gab zu, gelegentlich „sehr aufbrausend“ zu sein und sich in jener Nacht „vergessen“ zu haben: „Es kann gut sein, dass ich genervt und gestresst war.“ Auch entschuldigte sich der bislang noch nicht vorbestrafte 51-Jährige mehrfach – wirkte dabei aber seltsam unbeteiligt.

Laut Pflegedienstleiter zahlt das Heim für einen Zeitarbeits-Pflegehelfer 22 Euro pro Stunde, für eine examinierte Pflegefachkraft rund 40 Euro. An qualifiziertem Personal, das in Festanstellung arbeiten kann und will, herrscht erheblicher Mangel. So greifen die Einrichtungen oft auf schlecht ausgebildete Aushilfen zurück. „99 Prozent der Übergriffe in Pflegeheimen kommen überhaupt nicht ans Tageslicht“, sagte die Richterin. Pinski legte dem Täter dringend nahe, sich ein neues Betätigungsfeld zu suchen: „Hören Sie auf, in der Altenpflege zu arbeiten.“

Haben Sie einen ähnlichen Fall in einem Pflegeheim erlebt? Dann schreiben Sie uns per Post an HAZ, Postfach, 30148 Hannover oder per E-Mail an hannover@haz.de.

Die Nachrichten aus Hannover und Niedersachsen auf einen Blick: Mit „HAZ live“ lesen Sie bis 11 Uhr alles Wichtige im Newsticker. Heute: Das zweitägige Crazy-Sense-Festival im Wasserturm beginnt, der Landtag debattiert über die Unterrichtsversorgung und Dieter Thomas Kuhn singt auf der Gilde Parkbühne.

19.08.2016

War eine fehlerhafte Zahnbehandlung der Grund für den Selbstmord einer 63-Jährigen? Nach einer umfangreichen zahnärztlichen Behandlung litt die Frau aus Misburg unter starken Schmerzen und nahm sich das Leben. Das Landgericht soll jetzt die Schuldfrage klären.

Gunnar Menkens 21.08.2016

Nach dieser Traumimmobilie dürfte sich manch ein Investor die Finger lecken: Das Klinikum verkauft die historische Landesfrauenklinik am Herrenhäuser Kirchweg. Gesucht wird ein Entwickler, der das um 1900 erbaute Gründerzeitgebäude zu Wohnungen umbaut. Er muss allerdings viel Geld mitbringen: Es soll nach Höchstpreis verkauft werden.

Conrad von Meding 21.08.2016
Anzeige