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Von wegen Flickschusterei

MHH rettet Arm Von wegen Flickschusterei

Mehr als zwei Wochen lag Philipp Munzel in nach einem Motorradunfall in der MHH, davon acht Tage im Koma. Die Chirurgen flickten die kaputten Knochen in seinem Gesicht, bauten eine neue Augenhöhle auf und richteten die Nase. Und schließlich rettete Prof. Peter M. Vogt seinen Arm.

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Philipp Munzel zeigt Prof. Peter M. Vogt seine Dankbarkeit. Nach der Hilfe des Chirurgen kann der 24-Jährige seinen Arm wieder bewegen.

Quelle: Körner

Hannover . Vom Motorradunfall damals weiß Philipp Munzel gar nichts mehr. Will er auch nicht. Ihm gehe es gut, sagt der 24-Jährige. Das sei die Hauptsache. Dass Philipp den schweren Unfall im Januar 2012 so glimpflich überstanden hat, verdankt er seinem Glück – und der Chirurgie. Die Probefahrt auf der schweren Maschine hatte er in Barsinghausen absolviert, und so wurde er nach dem Sturz sofort in die nahe Medizinische Hochschule Hannover (MHH) geflogen, wo sich ein Team von Spezialisten um ihn kümmerte.

40 Jahre plastische Chirurgie

Nach dem zweiten Weltkrieg waren Engländer und Amerikaner die Vorreiter ihres Fachs. Sie stellten in der plastischen Chirurgie Funktionen und Konturen geschädigter Körperteile wieder her. Erst in den sechziger Jahren kam das Fachgebiet auch nach Deutschland. In Hannover ist dies Prof. Edzard Köhnlein zu danken. Der aus Schlesien stammende Mediziner hatte für ein Jahr in den USA gearbeitet und brachte sein Wissen mit in die neue Abteilung für plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, die 1974 im Oststadtkrankenhaus gegründet wurde.

Aus der Zweibettenstation für Brandverletzte wurde schnell ein Kompetenzzentrum, das 2006 in die Medizinische Hochschule Hannover zog. Bereits seit 2001 leitet Prof. Peter M. Vogt die Klinik, die das gesamte Spektrum der plastischen Chirurgie anbietet – von der Korrektur angeborener Missbildungen bis zur Handchirurgie und der Therapie Brandverletzter. Ein besonders wichtiger Schritt in der Geschichte der Klinik war laut Vogt die Entwicklung der Mikrochirurgie seit den sechziger Jahren. Heute stehen vor allem regenerative Therapien mit biomedizinischen Methoden im Fokus, etwa gentechnisch hergestellte Hautimplantate, die nichtmehr abgestoßen werden, oder künstliches Gewebe aus menschlichen Stammzellen und Spinnenseide. Prof. Vogt erhofft sich davon verträglichere Eingriffe mit weniger großen Schnitten und hoher Erfolgsrate.  ze

Mehr als zwei Wochen lag Philipp Munzel in der Klinik, davon acht Tage im Koma. Die MHH-Chirurgen flickten die kaputten Knochen in seinem Gesicht wieder zusammen, bauten eine neue Augenhöhle auf und richteten die Nase. Und schließlich rettete Prof. Peter M. Vogt von der MHH-Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie auch seinen linken Arm. Der war bei dem Unfall in die Kette des Motorrades geraten, nachdem Philipp von der Straße abgekommen und gestürzt war. Dadurch erlitt der 24-Jährige einen sogenannten Armplexusabriss. Alle Nervenstränge, die von der Schulter in seinen Arm führen, waren vollständig unterbrochen. Er konnte nichts mehr greifen und nichts mehr heben. „Der Arm hing einfach nur noch herunter“, erinnert sich seine Mutter Angela Munzel. Im Internet fand sie Informationen darüber, dass Spezialisten die abgerissenen Nerven wieder verbinden können – wenn noch nicht mehr als sechs Monate nach dem Unfall vergangen sind.

Doch einen plastischen Chirurgen zu finden, der die Fähigkeiten für diesen Eingriff hat, erwies sich trotz bundesweiter Suche als schwieriges Unterfangen. Bis die Lösung plötzlich ganz nah war: Angela Munzel bekam Kontakt mit Prof. Vogt, der praktischerweise in der MHH arbeitet. Dann ging alles ganz schnell: Philipp bekam innerhalb von drei Tagen einen Operationstermin. Weil er relativ kompakte Armnerven hat, musste Vogt nicht einmal Nerven aus dem Bein transplantieren. Stattdessen spaltete er die Armnerven und überbrückte mit dem gewonnenen Material die kritische Strecke zwischen Schulter und dem Oberarmbeugemuskel – körpereigenes Material ist oft flexibler einsetzbar, als der Laie denkt.

Nerven bis zu 5 Milimeter dick

Das Geflecht der Armnerven (auch Armplexus genannt) führt von der Wirbelsäule bis in die Finger hinab. Es steuert die Bewegung der Arm- und Handmuskeln. Von der Schulter aus führen fünf Hauptnervenstränge von jeweils etwa 5 Millimeter Dicke in den Oberarm (Bild), wo sie sich zu drei Strängen vereinigen. Die kleinen Äste, die bis in die Muskeln reichen, haben nur noch 1 bis 1,4 Millimeter Durchmesser. Sind Armnerven abgerissen, können diese chirurgisch wieder miteinander verbunden werden. Vor einer solchen Nervenumleitung muss der Arzt jedoch zunächst klären, ob die Nervenenden noch intakt sind. Ist das der Fall, werden die Enden unter dem Mikroskop bei 20-facher Vergrößerung mit einer mikrochirurgischen Naht verbunden. Die dafür nötigen Fäden sind dünner als ein Haar. Bei Philipp Munzel hat Prof. Vogt von den wenigen noch funktionierenden Hauptnervensträngen einen Millimeter dicke Stränge abgetrennt und damit die Nerven zum Oberarmbeuger umgeleitet. ze

Das Komplizierte an dem Eingriff sei die mikrochirurgische Verpflanzung, sagt Vogt. „Man muss die richtigen Nervenfasern verbinden.“ Ob das gelungen ist, zeigt sich erst im Anschluss. Philipp spürte zunächst noch ein unangenehmes Kribbeln in den Fingern, das Vogt jedoch in einer zweiten Operation beheben konnte. Zwei Jahre nach seinem Unfall hat sich Philipp Munzel schon gut erholt. Zwar kann er seinen erlernten Beruf als Dachdecker nicht mehr ausüben, aber er hat gerade eine Umschulung zum Fachinformatiker begonnen. Er kann klettern, schwimmen, laufen. „Nur das Autofahren fehlt mir“, sagt der 24-Jährige.

An seinem geheilten Arm liegt das aber nicht. Den kann er heute prima bewegen – nur ganz nach hinten und starke Seitenbewegungen funktionieren nicht. Probleme macht ihm eher das linke Auge, auf dem er immer noch Doppelbilder sieht. „Das könnte im Straßenverkehr gefährlich sein“, sagt seine Mutter. So muss Philipp weiterhin Geduld mit seinem Körper haben. Bis die Heilung nach einem so schweren Unfall abgeschlossen ist, kann es fünf Jahre dauern. Und so lange gibt es auch die Chance auf weitere Verbesserungen.

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