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Aus der Stadt Predigt auf Poetry-Slam
Hannover Aus der Stadt Predigt auf Poetry-Slam
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19:26 16.01.2017
Von Simon Benne
Axel Kawalla (links) ist seit 2002 Pastor an der Melanchthonkirche auf der Bult und hat Tobias Gralke (25) zu einer gemeinsamen Predigt eingeladen. Quelle: Jan Philipp Eberstein
Hannover

Herr Gralke, Ihr Metier ist eigentlich der Dichterwettstreit, sie stehen sonst bei Poetry Slams auf der Bühne. Jetzt eröffnen Sie als Gastprediger die Veranstaltungsreihe „Kanzel Macht Worte“ in der Melanchthonkirche. Sind Sie schon mal im Gottesdienst aufgetreten?

Tobias Gralke: Das muss schon ziemlich lange her sein. Ich war als Kind Hirte im Krippenspiel. Das ist also Neuland für mich.

Pastor Axel Kawalla: Einmal im Monat, das ganze Lutherjahr 2017 hindurch, gibt es bei uns keine konventionelle Predigt. Stattdessen legen je ein Slam-Poet und ich eine bestimmte Bibelstelle aus.

Haben Sie keine Angst, dass die Kirchgänger es für ein Sakrileg halten, wenn Sie die Kanzel den jungen Laien von der Lustig-lustig-Fraktion überlassen?

Kawalla: In den vergangenen Jahren hat kaum eine Sprachform so gute Texte hervorgebracht wie Slam Poetry. Diese können mal laut, mal leise sein, mal humorvoll, mal tiefsinnig. Viele Poeten haben nicht nur etwas zu sagen, sondern ich erlebe sie so, dass sie auch zu dem stehen, was sie sagen, und das beeindruckt mich. Dabei hören jüngere Menschen dem gesprochenen Wort konzentriert zu. Im Konfirmationsgottesdienst habe ich selbst schon einmal eine Slam-Predigt über die Konfirmationssprüche gehalten; die Resonanz war sehr positiv.

Gralke: Slam ist doch längst keine studentische Subkultur mehr, sondern auch eine bürgerliche Kunstform. Wir wollen in der Kirche niemandem auf die Füße treten; wir nehmen diese Aufgabe sehr ernst. Natürlich ist das Publikum in einer Studentenkneipe anders als in einer Oper ...

... oder eben in der Kirche. Sie sprechen am Sonntag über Moses und den brennenden Dornbusch. Und? Hatten Sie damit schon mal zu tun?

Gralke: Das Motiv kannte ich aus dem Reli-Unterricht. Ich habe inzwischen noch mal gegoogelt, wie das mit Moses genau war, und habe die Bibelstelle ein paar Mal gelesen. Für mich geht es darin um richtungs- und sinngebende Zeichen. Es geht um Ausgesetztsein, Verortung und Zukunftsversprechen - zu dem Text lässt sich schon eine ganze Menge sagen.

Kawalla: Unter den Bibelstellen dieser Slam-Gottesdienste sind oft Klassiker wie der über die Liebe im ersten Korintherbrief, die Seligpreisungen - oder eben dieser Text.

Was, glauben Sie, würde Luther zu solchen Slam-Predigten sagen?

Kawalla: Vielleicht: „Das lebendige Wort ist immer ein Wagnis.“ Zur Reformation gehört ja der Gedanke, dass Glaube und Bibel in die eigene Sprache hinein müssen. Wir Pastoren müssen Sprachformen finden, die heute dran sind. Wir lesen die Bibelworte als Menschen im Jahr 2017 und wollen sie auslegen und umsetzen für Menschen von 2017. So gesehen wäre unsere Aktion wohl ganz in Luthers Sinn. Performance und Sprache zu verbinden - das tun ja Pastoren ebenso wie Slam-Poeten. Beide deuten die Welt, beide versuchen, eine andere Wirklichkeit aufzuzeigen. Wir kommen so gesehen beide als schräge Vögel auf die Kanzel ...

Gralke: ... und wir vertrauen auf die Kraft des Wortes. Luther ist momentan ja omnipräsent. Ich selbst verbinde natürlich ein paar halbgare Motive mit ihm, aber sonst kommt er in meinem Kosmos eigentlich kaum vor.

Und welche Rolle spielt die Bibel für Sie?

Gralke: Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten. Dass ich die Bibel ganz gelesen hätte, kann ich nicht behaupten. Aber sie bietet natürlich einen unerschöpflichen Fundus an Geschichten, wenn man sich auf sie einlässt. Auch, wenn sie literarisch vielleicht weniger spannend ist.

Kawalla: Da würde ich widersprechen. Die Gleichnisse Jesu schaffen es, in zehn Versen den Hörer zu fesseln und zu überraschen - das ist hohe Erzählkunst. Und sie sind dabei viel kürzer und pointierter als Poetry-Slam-Beiträge.

Beim Poetry Slam kann das Publikum oft abstimmen, wer der Sieger ist.

Kawalla: Bitte kein Battle! Ich möchte doch nicht jedes mal verlieren.

Interview: Simon Benne

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