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Politik und Belegschaft einig gegen Conti-Spitze
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Demonstration Politik und Belegschaft einig gegen Conti-Spitze

Sowohl auf der Straße als auch in der Politik wächst der Druck auf die Conti-Spitze, die Schließungspläne für die Reifenwerke in Hannover-Stöcken und dem französischen Clairoix zurückzunehmen.

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Symbolisch: Mit einem Sarg halten Mitarbeiter eine Mahnwache ab.

Quelle: Michael Thomas

Vor der Hauptverwaltung des Zulieferkonzerns forderten nach Veranstalterangaben gut 5000 Menschen, dass „der Reifen nicht plattgemacht wird“. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kritisierte, dass der Conti-Vorstand nicht bereit gewesen sei, noch einmal über ein bereits ausgehandeltes Eckpunktepapier zu reden. „Das war mit Sicherheit ein Fehler.“ Man müsse zudem fragen, ob es sinnvoll sei, die Forschung künftig ohne angeschlossene Produktion betreiben zu wollen. Erneut forderte Rösler, der Vorstand solle zunächst die Möglichkeiten der Kurzarbeit nutzen.

Scharfe Kritik hatte sich Konzernchef Karl-Thomas Neumann bereits am Vorabend von Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde anhören müssen. Die „wirtschaftliche Rechtfertigung“ eines Sozialplans für das Reifenwerk im nordfranzösischen Clairoix sei „höchst zweifelhaft“, erklärte Lagarde nach einem Treffen mit Neumann in Paris. Auch im Fall des hannoverschen Werks sei aus ihrer Sicht fraglich, ob eine „brutale“ Schließung wirklich notwendig sei. Statt die Fabriken zu schließen, könnten vielmehr „die Lasten auf alle Werke verteilt“ werden. Insgesamt droht 1900 Mitarbeitern die Kündigung, davon 780 in Stöcken.

Auf der gemeinsamen Kundgebung der Conti-Gewerkschaften IG Bergbau, Chemie, Energie und IG Metall forderten die Redner den Konzernvorstand auf, die Krise nicht als Deckmantel für Kapazitätsverlagerungen in Niedriglohnländer zu nutzen. „Wenn jetzt alle Unternehmen so handeln wie Conti, geht Deutschland unter“, warnte der stellvertretende Betriebsratschef in Stöcken, Michael Deister. „Allen steht das Wasser bis zum Hals. Aber jetzt Beschäftigte auf die Straße zu setzen heißt, den eigenen Untergang selbst zu verschulden.“

Andere Reifenbauer wie Michelin oder Goodyear hätten mit der IG BCE Beschäftigungspakte vereinbart, obwohl sie unter denselben Nachfrageeinbrüchen litten wie Conti, berichtete Gewerkschaftsvorstand Werner Bischoff, der gleichzeitig kommissarisch Aufsichtsratschef bei dem Konzern ist. Heute soll mit dem Schaeffler-Berater Rolf Koerfer auf einer außerordentlichen Sitzung des Gremiums der neue Vorsitzende gewählt werden. Bischoff will die Sitzung nutzen, um über die Schließungen zu debattieren. Auch Vertreter der Kapitalseite seien darüber „stinksauer“, sagte er.

Werksschließungen sind allerdings Teil des operativen Geschäfts und damit Sache des Vorstands. Diese Regelung sei „eine der größten Lücken im Mitbestimmungsgesetz“, monierte Niedersachsens IG-Metall-Chef Hartmut Meine. Er plädierte dafür, die Regelung aus dem VW-Gesetz, wobei die Belegschaftsvertreter im Aufsichtsrat einer Werksschließung zustimmen müssen, in die allgemeine Gesetzgebung zu übernehmen. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh bezeichnete das Conti-Vorgehen in einem Grußschreiben als „im höchsten Maße unsozial und ungerechtfertigt“.

von Lars Ruzic

5000 gehen für Conti auf die Straße

In Paris haben am Mittwoch Hundertschaften französischer Conti-Mitarbeiter gegen die beabsichtigte Werksschließung in Clairoix gekämpft. Es brannten Reifen, Nebel zog durch die Straßen. In Hannover haben am Donnerstag nach Angaben der Gewerkschaften 5000 Conti-Mitarbeiter und Sympathisanten vor der Konzernzentrale an der Vahrenwalder Straße für den Erhalt des Lastwagenreifenwerks Stöcken demonstriert. Auch hier brannten Reifen, aber nur symbolisch. Über einem Stapel stand eine Metallschale, in ihr fackelte Trockenbrennstoff ab. „In Deutschland herrschen eben Recht und Ordnung“, sagt Walter Struzyna, der in der Entwicklungsabteilung des Werkes beschäftigt ist und jetzt aufpasst, dass keiner der Schale zu nahekommt. Man kann ahnen, dass er das mit der Ordnung in seiner derzeitigen Situation bedauert: „Es müsste mehr passieren.“

Immerhin haben es die Gewerkschaften IG BCE und IG Metall geschafft, Abordnungen der gesamten deutschen Conti-Familie in Hannover zusammenzutrommeln. Aus Aachen, Korbach, Gifhorn und Northeim sind sie gekommen, die von der Conti übernommenen ehemaligen VDO-Standorte Regensburg und Nürnberg haben ebenso Delegationen geschickt wie die Schaeffler-Belegschaft aus Herzogenaurach, auf die man in Hannover bekanntermaßen bis vor einiger Zeit nicht gut zu sprechen war. Alle eint jetzt eine Sorge, zusammengefasst auf einem Plakat: „Ist Stöcken nur der Anfang?“ steht da geschrieben. Sie drängen sich vor der Bühne, lassen den hannoverschen Nieselregen an ihren Plastikwesten herunterperlen und versuchen, sich von der Rockband in Stimmung bringen zu lassen. „I can’t stand the rain“, spielt die unter anderem, was man angesichts der Lautstärke bis zum Mittellandkanal gehört haben dürfte.

Dann kommen die Redner. Landeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) macht den Anfang. Er wird mit ein paar Pfiffen empfangen; seine Partei gilt nicht als die Speerspitze der Arbeiterbewegung. Er fordert den Vorstand auf, Kurzarbeit für das Stöckener Werk zu prüfen. Der Beifall bleibt spärlich – „mehr war wohl nicht zu erwarten“, sagt ein Demonstrant. Niedersachsens IG-Metall-Chef Hartmut Meine kann die Gemüter besser in Wallung bringen. „Nehmen Sie Ihren unsinnigen Beschluss zurück, Herr Neumann und Herr Nikolin“, donnert er in Richtung der vierten Etage des Conti-Hauses, woder Vorstand seine Büros hat.

Im Publikum machen derweil zwei Zahlen die Runde. 20 Millionen Euro würde es den Konzern angeblich kosten, das Werk in Stöcken zu erhalten. „Die haben sie nicht, aber dem Wennemer drücken sie auf einen Schlag sieben Millionen in die Hand“, schimpft einer aus der Runde um Struzyna. Gemeint ist die Summe, die der frühere Vorstandsvorsitzende für seine vorzeitige Vertragsauflösung erhalten hat.

Nach knapp zwei Stunden ist die Kundgebung zu Ende. Das letzte Wort auf der Bühne gehörte IG-BCE-Hauptvorstand Werner Bischoff: „Wir wollen nicht noch einmal bei diesem Sauwetter hier draußen stehen müssen.“ Kai Plückhahn, Thomas Becke und drei Kollegen tragen den Sarg, mit dem sie eine Mahnwache gehalten haben, von dannen. Walter Struzyna hockt auf einem der Reifen und denkt an seinen Sohn, der 19 Jahre alt ist und so gern bei Conti lernen würde. „Es geht um die Zukunft, ich bleibe hier sitzen“, sagt er. Um ihn herum leert sich die Straße, die Sonderzüge der Stadtbahnen, die die Arbeiter zurück nach Stöcken bringen, warten schon in der Tunnelstation. Auch Struzyna muss weichen, die Polizei will die Vahrenwalder Straße Richtung Innenstadt wieder für die Autos freigeben. Aber er will wiederkommen – und irgendwie mehr machen.

von Bernd Haase

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  • Conti - Demo Schlirra – 27.03.09
    Und am nächsten Wochenende sitzen IG Metall Vorstand und Conti - Vorstand wieder fröhlich mit Champagner im Edelpuff. Die Arbeiter denken doch nicht wirklich, dass die IG Metall Interesse daran hat, Conti zu erhalten? Die haben nämlich mit Sicherheit Aktienpakete, und da bei Schließungen meist der Kurs steigt, werden die sich riesig freuen.
    Conti wird in Hannover untergehen. Ich habe das schon Anfang letzten Jahres aus guter Quelle gehört, die Verwaltung soll wohl nach Belgien gehen...
  • Fassade Karsten – 26.03.09
    Simpler Wahlkampf. Noch vor kurzem fand "die Politik" Conti ganz toll - jetzt ist Wahlkampf. Spätestens nach der Wahl ist die "Ehe" Bürger & Politiker dann wieder vorbei.
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