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Hannover macht die Welle

Surferprojekt „Leinewelle“ Hannover macht die Welle

Wellenreiten auf der Leine, Surferromantik hinterm Landtag - diese kühne Idee eines Teams um den Architekten und „Spandau“-Betreiber Heiko Heybey sprach sich am Dienstag in Hannover schnell herum. Während Ratspolitiker aller Fraktionen den Vorschlag begrüßten, meldeten Natur- und Denkmalschützer Bedenken an.

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Wunsch nach „Flussflair“ an der Leine: Die geplante Leinewelle findet in der Politik durchaus Anklang.

Quelle: Leinewelle

Hannover. „Zuvor muss der Naturraum sehr genau untersucht werden“, sagte die Geschäftsführerin des BUND-Hannover, Sibylle Maurer-Wohlatz. Nicht jeder Winkel der Stadt müsse Platz für ein Spaßevent bieten. Bauhistoriker Sid Auffahrth hat zwar nichts gegen Spaß, aber einverstanden mit johlenden Surfern hinter dem denkmalgeschützten Landtag ist er auch nicht. „Ich finde das an dieser Stelle unpassend“, sagt er.

Heybey regt an, zwei stehende Wellen am Wehr vor dem Leineschloss zu kreieren. Der Fluss soll dafür ein Betonbett bekommen, die Breite des Gewässers soll auf acht Meter reduziert werden, sodass sich die Fließgeschwindigkeit erhöht. Über zwei Hindernisse auf dem Grund des Flusses schießt dann das Wasser und türmt sich zu zwei stehenden Wellen. Vorbild ist der Eisbach in München, der ein Anziehungspunkt für Surfer aus aller Welt geworden ist und als Touristenattraktion gilt. 400.000 Euro Baukosten haben Heybey und sein Team dafür veranschlagt und mit dem Bauunternehmen Gundlach bereits einen mächtigen Förderer ins Boot geholt. Die Stadt aber, so die Hoffnung Heybeys, soll sich ebenfalls finanziell an dem Surferparadies beteiligen.

Surfer auf den Wellen der Leine – was nach einem Witz klingt, könnte Wirklichkeit werden. Ein Hannoveraner will direkt vor dem Leinewehr am Landtag eine stehende Welle erzeugen. Kostenpunkt: 400.000 Euro.

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Angesichts der Kosten ebbt die Begeisterung der Ratspolitiker ab. Sie müssen letztlich entscheiden, ob das Vorhaben mit Steuergeld unterstützt wird. „Wir müssen mit den Finanzen der Stadt vorsichtig umgehen“, sagt SPD-Fraktionschefin Christine Kastning. Auch sei genau zu prüfen, ob die Idee überhaupt technisch umsetzbar ist. „Auf jeden Fall ist der Vorschlag wert, weiter diskutiert zu werden“, sagt Kastning. Auch ihr Kollege von den Grünen, Lothar Schlieckau, findet das Konzept zwar „interessant“, stellt aber auch die Frage nach der Machbarkeit. „Die Ideengeber sollten uns ihre Pläne vorstellen“, sagt Schlieckau. Die CDU sieht in der neuen Welle eine Möglichkeit, endlich so etwas wie ein „Flussflair“ herzustellen. „Bisher plätschert die Leine an dieser Stelle eigentlich nur dröge vor sich hin“, sagt CDU-Ratsherr Dieter Küßner.

Auch die kleineren Parteien im Rat können sich fürs Wellenreiten auf der Leine erwärmen. Die Linke sieht dabei auch die Stadt in der Pflicht. „Sie kann ruhig Geld dazugeben“, sagt Fraktionschef Oliver Förste. Wenn man 3 Millionen Euro für den Umbau des Trammplatzes vor dem Rathaus übrig habe, dann müsse auch Geld in der Kasse für ein solch attraktives Projekt sein. Erstaunliche Einigkeit herrscht zwischen Linken und FDP: „Die Behörden müssen ein bisschen über ihren eigenen Schatten springen“, sagt FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke in Richtung Denkmal- und Naturschützer.

Fragen und Antworten zur Leinewelle

Lässt sich das Projekt mit dem Hochwasserschutz vereinbaren?
Ein eindeutiges Ja. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz (NLKWN), der bereits die Abgrabungen am Ihmeufer geplant hat, sieht keine Probleme durch Welle und Flussverengung am Leinewehr. „Es ist davon auszugehen, dass sich dieser Eingriff bei einem extremen Hochwasserabfluss nicht auf das Hochwassergeschehen auswirken wird“, sagt eine Sprecherin der Behörde. Man behält sich aber vor, dies genauer zu prüfen.

Wie präzise sind die Kosten kalkuliert?
Die Kosten hat nicht der Initiator des Vorhabens, Heiko Heybey, berechnet, sondern das Unternehmen Gundlach. Auf 360.000 Euro belaufen sich die reinen Baukosten. Darin enthalten ist aber nicht die Treppe, die Heybey am liebsten in die Flussmauer am Leibnizufer schlagen würde. Auch hat Heybey einen teuren Tartan-Belag für den Flussgrund eingeplant, um Verletzungen von Surfern zu vermeiden. An dieser Kostenschraube könne man noch drehen, meint er. Letztlich räumt er ein, dass es sich um eine erste Skizze handelt und noch nicht um eine Detailplanung.

Wer soll das bezahlen?
 Heybey ist stolz, bereits mehrere Sponsoren ins Boot geholt zu haben. Neben kleineren Firmen ist es vor allem das Bauunternehmen Gundlach, auf dem die Hoffnungen ruhen. Ohne eine Beteiligung der Stadt wird es aber nicht funktionieren, und die hält sich noch zurück. Heybey überlegt jetzt, Geld über ein sogenanntes Crowdfunding in die Kasse zu bekommen. Dabei spenden Bürger übers Internet geringe Beträge. Unterm Strich bleibt die Finanzierungsfrage noch unbeantwortet.

Fallen Unterhaltungskosten an?
Die Sandaufschüttungen zu beiden Seiten des Ufers müssen regelmäßig geharkt und gegebenenfalls von Unrat befreit werden. Diese Pflege, da ist sich Heybey sicher, werden die Surfer selbst übernehmen. „Die Lösung hat sich schließlich auch beim Eisbach in München bewährt.“

Wie ist es um die Wasserqualität bestellt?
Das Wasser der Leine hat an dieser Stelle nach neuesten Angaben der Stadt die Güteklasse II. Das bedeutet, dass der Fluss „mäßig belastet“ ist. Die Sauerstoffversorgung ist jedoch gut, die Artenvielfalt groß. Mit Fäkalien und demzufolge mit gesundheitsgefährlichen Colibakterien ist das Wasser kaum belastet. Sollte am Leinewehr eine Badestelle angemeldet werden, wäre die Regionsbehörde verpflichtet, ständig die Wasserqualität zu kontrollieren.

Hat der nahe U-Bahn-Tunnel Einfluss auf das Projekt?
Der Tunnel, in dem die Linien 3,7 und 9 verkehren, verläuft in einer Tiefe von einem Meter unterhalb des Flussbettes, allerdings etwas versetzt von dem Gewässerabschnitt, auf dem die Welle entstehen soll. Bauarbeiten auf dem Flussgrund würden den U-Bahn-Tunnel nicht berühren, heißt es vonseiten der Üstra.

Was sagen die Fische zur Welle?
 Beim Fischereiverein ist man nicht amüsiert. Schon seit Langem hatte man moniert, dass am Leinewehr eine Fischtreppe fehlt. Schließlich sei der Fluss voll mit Wanderfischen. „Anstatt Geld für eine Fischtreppe auszugeben, soll jetzt in eine Welle investiert werden?“, fragt sich der Vereinsvorsitzende Heinz Pyka kopfschüttelnd. Ökologische Gesichtspunkte sollten seines Erachtens weit über dem Freizeitspaß rangieren. n Wie soll es jetzt weitergehen? Mit der Stadtverwaltung hat sich Heybey noch nicht ins Benehmen gesetzt. Dort erwartet man jetzt, dass das Projekt im Detail vorgestellt wird.

Kommentar: Erst mal zuhören

Glaubte man jeder Computersimulation, die von kreativen Geistern in den städtischen Diskurs eingespeist wird, wäre Hannover um allerlei Putzigkeiten reicher. Man hätte weite Teile im Norden der Stadt inzwischen in einen Großsee verwandelt, die Raschplatz-Hochbrücke trüge das Design einer Blümchentapete, und auf dem Expo-Gelände beherbergte der niederländische Pavillon längst eine, kein Witz, Scampifarm. Nun also diskutiert die Stadt über eine Welle hinter dem Landtag, und der erste Impuls beim Lesen der Neuigkeit ist: Auch dieser Vorschlag wird den Weg alles Irdischen gehen. Vielleicht aber muss er das gar nicht. Naturgemäß lässt sich vieles gegen die Welle einwenden. Entscheidend wird sein, was die Planer diesen Einwänden entgegnen können. Probleme mit dem Hochwasserschutz etwa wären ein absolutes Knock-Out-Kriterium für die Stromschnelle gewesen, die Fachleute vom Land aber sehen kein Problem. Ebenso sieht es mit der nahen U-Bahn aus.
 Die Debatte wird sich also auf zwei Aspekte fokussieren: Erstens Finanz- und zweitens Geschmacksfragen. Zu Punkt eins: Gerade steckt die Stadt drei Millionen Euro in die Verschönerung des Trammplatzes. Könnte nicht ein knappes Achtel dieser Summe dafürstehen, aus einer toten Ecke mitten in der Stadt etwas zu machen, was endlich die Leine ins Innenstadtbild zurückholt – und was gegebenenfalls von Sponsoren mitfinanziert wird? Und zu Zwei: Würden ein bisschen Brandung und Menschen in Badekleidung das historische Erbe des Landtags über die Maßen verschandeln? Die Initiatoren müssen noch einige Fragen beantworten. Aber es könnte sich lohnen, ihnen zuzuhören.

Felix Harbart

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Projekt „Leinewelle“
So könnte es aussehen: Das Projekt "Leinewelle" vor dem Landtag in Hannover.

Surfer auf den Wellen der Leine – was nach einem Witz klingt, soll nach dem Willen von Heiko Heybey Wirklichkeit werden. Der Hannoveraner will direkt vor dem Leinewehr am Landtag eine stehende Welle erzeugen. Kostenpunkt: 400.000 Euro.

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