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So ergaunert eine Großfamilie Luxusautos

Ermittlungsbericht der Polizei So ergaunert eine Großfamilie Luxusautos

Sie kauften teure Autos, ohne zu bezahlen, sie manipulierten Tachostände und fingierten einen Unfall – all das wirft die Polizei Mitgliedern einer Großfamilie vor. Als Köpfe der Bande gelten zwei Brüder, die in Isernhagen einen Autohandel betreiben. Der Ermittlungsbericht der Polizei offenbart die Tricks der Gebrauchtwagen-Mafia.

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Bei der Durchsuchung des Autohauses der Verdächtigen im Sommer 2014 mussten die Ermittler mit leeren Händen wieder abziehen.

Quelle: Uwe Dillenberg

Hannover/Isernhagen. Die jungen Männer fahren gern schnelle Autos. Wie ihre Stars aus den Filmen der Kinoreihe „The Fast and the Furious“ filmen und fotografieren sie sich bei Tempo 300 auf der Autobahn und prahlen mit den Bildern auf ihren Facebook-Seiten. Was aussieht, wie die draufgängerischen Abenteuer Heranwachsender, ist nach Ansicht der Polizei jedoch Teil eines Geflechts einer weit verzweigten Autoschieberbande aus Hannover und Umgebung. Denn die Männer haben die Sportwagen, mit denen sie im Internet angeben, nicht gekauft oder geleast. Sie haben sie durch Betrug erschlichen. Das geht aus dem 73-seitigen Abschlussbericht der Ermittlungsgruppe „Commerz“ hervor, der dieser Zeitung vorliegt.

In monatelangen Recherchen, bei denen die Telefone der Verdächtigen abgehört wurden und der E-Mail-Verkehr überwacht wurde, kamen die Behörden den Machenschaften der Autoschieber auf die Schliche. Im Zentrum der Bande stehen demnach die Brüder Emin und Emrah S., die ein Autohaus in Isernhagen betreiben. Ihnen legen die Beamten Hehlerei in sieben Fällen gewerbsmäßigen Betrug in 14 Fällen, sowie die Herbeiführung eines fingierten Verkehrsunfalls und Tachomanipulationen zur Last. Allein durch ihre Betrügereien soll ein Schaden von mehr als 220.000 Euro entstanden sein. Einen Haftbefehl gegen sie gibt es bislang nicht. Die beiden 22 und 24 Jahre alten Männer gehen weiterhin ihren Geschäften nach. Über ihren Anwalt ließen die Autohausbetreiber mitteilen, dass sie sich derzeit nicht zu den Vorwürfen äußern wollen. Zurzeit liegen die Ermittlungsakten bei der Staatsanwaltschaft Hannover. Mit der Entscheidung über eine Anklage ist nach Auskunft der Behörde in etwa einem Monat zu rechnen.

Nach Ansicht der Kripo sind die Betrügereien in aller Regel nach der gleichen Masche abgelaufen. Stets sollen die Autohändler einen oder mehrere Mittelsmänner dazwischengeschaltet haben, die auf den ersten Blick keinerlei Verbindungen mit den mutmaßlichen Betrügern hatten - in Wirklichkeit mit ihnen aber gemeinsame Sache gemacht haben sollen.

Der Polizei stellt sich der Ablauf so dar: Auf den Seiten der Internetportale mobile.de oder autoscout24.de suchten der oder die Komplizen bundesweit nach Verkäufern von hochwertigen Gebrauchtwagen. Oft entschieden sie sich für Fahrzeuge der Marken Audi, BMW und Mercedes. Am Telefon signalisierten die Mittelsmänner sofortiges Kaufinteresse an dem Wagen, sagten aber, sie seien ungern mit einem fünfstelligen Bargeldbetrag unterwegs - man werde das Geld überweisen. Zu den Treffen mit den Verkäufern schickte der Zwischenhändler meist einen weiteren Helfer. Dieser präsentierte den Verkäufern einen gefälschten Überweisungsbeleg - beim ersten Betrug im Juni 2014 stammte dieser Beleg angeblich von der Commerzbank Hannover, so kam es zu dem Namen der später eingerichteten Ermittlungsgruppe.

So lief der Betrug ab

War der angebliche Verkauf abgeschlossen, war bei den Tätern Eile geboten. Sie mussten davon ausgehen, dass der Betrug schnell auffliegen und die Polizei die Ermittlungen aufnehmen würde. Deshalb ließen sie den ergaunerten Wagen für wenige Stunden auf den Autohändler zu, der das Geschäft angebahnt hatte. Dieser verkaufte dann die „heiße“ Ware im Handumdrehen an das Autohaus der Brüder S. in Isernhagen. Die neuen Besitzer konnten sich auf diese Weise darauf berufen, das Geschäft im „guten Glauben“ abgewickelt zu haben und nichts von dem illegalen Erwerb der Fahrzeuge gewusst zu haben.

Auch der Polizei und der Staatsanwaltschaft waren die Hände gebunden. Bei einer Durchsuchung des Autohauses im Juni 2014 stieß die Polizei zwar auf zwei Fahrzeuge, für die der vereinbarte Kaufpreis nie überwiesen worden war. Dennoch konnten die Wagen nicht beschlagnahmt werden, weil die Ermittler damals keine Verbindungen zwischen den Autohändlern S. und dem Mittelsmann nachweisen konnten.

Durch die akribische Arbeit der Ermittlungsgruppe „Commerz“ zeichnet sich jetzt allerdings ein anderes Bild: Emin und Emrah S. sind offenbar sehr wohl mit den Zwischenhändlern und Helfern bekannt, teilweise bestehen sogar verwandtschaftliche Beziehungen. Am Telefon redeten sich die Autoschieber mit „Onkel“ an, in einer Pressemitteilung der Polizei vom Mai dieses Jahres ist von einer 30-köpfigen Großfamilie aus Südosteuropa die Rede. Bei den Telefonüberwachungen, die dadurch erschwert wurden, dass die Verdächtigen etwa alle drei bis vier Wochen die SIM-Karten ihrer Handys wechselten, hörten die Ermittler auch, dass Emrah S. einem seiner Helfer sogar Tipps zu den richtigen Verhaltensweisen im Fall einer Kontrolle gab - und deswegen nach Ansicht der Fahnder sehr wohl über den illegalen Erwerb der Autos Bescheid wusste. „Du sollst jetzt einen guten Anwalt suchen, der mit solchen Sachen zu tun hat. Falls jemand kommt, irgendein Polizist, sollst du einen Dummen spielen, als ob du nichts wüsstest. Dann kannst du zum Anwalt gehen. Der Anwalt wird die Sache erledigen.“

Doch die Autoschieber hatten nach Ansicht der Polizei noch weitere Maschen im Repertoire. Bei einer Durchsuchung des Autohauses in Isernhagen im April dieses Jahres stießen die Beamten auf Hinweise auf Tacho-Manipulationen. Die Gruppe soll gezielt Autos mit hoher Laufleistung angekauft und sie mit deutlich geringerem Tachostand weiterveräußert haben. Dafür sollen sie die Kenntnisse von Alexander H. genutzt haben, der unter dem Decknamen „Viktor“ operierte, „um möglichst konspirativ zu bleiben“, wie es in den Akten heißt. Mit „Viktor“ trafen sie sich mit den Wagen an öffentlichen Orten wie dem Parkplatz einer Schnellimbisskette in Langenhagen-Godshorn. Dort manipulierte er die Laufleistungen der Wagen und kassierte. Für die Manipulation an einem 5er BWM des Baujahrs 2002 berechnete er 180 Euro. „Dieses Baujahr lässt sich schwierig machen. Wäre das Baujahr 99, würde das 50 Euro kosten. Eine Stelle bei diesem Baujahr kostet 100. Arbeit für eine bis eineinhalb Stunden“, erklärte „Viktor“ am Telefon.

Auch vor Versicherungsbetrug sollen die Brüder nicht zurückgeschreckt sein. Im Mai soll Emin S. am Steuer eines Mercedes absichtlich einen Zusammenstoß mit einem Bus der Üstra herbeigeführt haben. Sein Bruder Emrah habe ihm dabei telefonisch von der Straße aus Anweisungen gegeben, heißt es im Ermittlungsbericht. Gegenüber der Üstra machten sie einen Schaden von 27 415 Euro geltend. Doch der Gutachter des Verkehrsunternehmens kam den jungen Männern auf die Schliche. Er fand nicht nur heraus, dass der Unfall fingiert worden war. Er stellte auch fest, dass der Schaden an dem Mercedes nachträglich erweitert worden war.

Selbst wenn das Verfahren eröffnet und die beiden Haupttäter verurteilt werden sollten, steht zu befürchten, dass die Familie einfach weitermacht. Im Sommer eröffnete die Schwester der beiden Verdächtigen auf dem Gelände in Isernhagen einen weiteren Autohandel.

ADAC rät zur Vorsicht beim Autokauf

Beim Kauf oder Verkauf eines Gebrauchtwagens gibt es viele Fallen, in die Unerfahrene tappen können. Der ADAC hat deswegen eine spezielle Gebrauchtwagen-Checkliste erstellt, die eine leichtere Abwicklung eines Autogeschäfts ermöglicht.

Grundsätzlich raten die Autoexperten, die Formen „Geld gegen Ware gerade beim Gebrauchtwagengeschäft wörtlich zu nehmen. Dringend abgeraten wird in der Broschüre von der Leistung einer Anzahlung, auch dann, wenn ein sogenanntes „Transfer- oder Sperrkonto“ für die Anzahlung genutzt werden soll. In jedem Fall sollte bei Gebrauchtwagengeschäften ein schriftlicher Kaufvertrag abgeschlossen werden – ganz egal, wie vertrauenswürdig der Verkäufer sich auch geben mag. Auch Zusicherungen, wie die Unfallfreiheit eines Wagens oder Reparaturen, die vor dem Besitzerwechsel noch vorgenommen werden sollen, sollten schriftlich fixiert werden.

Käufer sollten darauf dringen, nicht nur den Kilometerstand „laut Tacho“ bestätigt zu bekommen, sondern die tatsächliche Laufleistung. „Tachostände können heutzutage sehr leicht manipuliert werden. Für den Kunden sind diese Veränderungen allerdings nur schwer nachprüfbar“, sagt ADAC-Sprecherin Christine Rettig.

Verkäufer versuchen, auf verschiedene Weise, ihre Kunden zu beeinflussen: Sie setzten sie unter Druck, um eine schnelle Entscheidung herbeizuführen. Oder sie reden ständig auf ihren Kunden ein und lenken ihn auf diese Weise ab. Vorsicht ist laut ADAC auch geboten, wenn der Verkäufer auf konkrete Fragen des Kunden nur mit banalen Floskeln antwortet.

Der Automobilclub bietet eine Gebrauchtwagen-Untersuchung an. „Verkäufer, die nichts zu verbergen haben, brauchen diesen Test nicht zu fürchten“, sagt Rettig.

tm

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