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Aus der Stadt Polizei fasst zwei Steinewerfer in Hannover
Hannover Aus der Stadt Polizei fasst zwei Steinewerfer in Hannover
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21:13 23.06.2010
Von Thorsten Fuchs
Auf dem Sahlkampmarkt kam es am Sonnabend zu den Übergriffen auf eine jüdische Tanzgruppe. Quelle: Rainer Surrey
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Die nach erster Erkenntnis der Stadt zumeist aus islamischen Ländern stammenden Angreifer hatten auch judenfeindliche Parolen gerufen. Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) kündigte eine „gründliche Aufarbeitung“ und Schulprojekte gegen antisemitische Tendenzen an. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sagte: „Der Vorfall wird von der Polizei mit großer Entschlossenheit verfolgt. Es ist allerdings unverständlich, dass erst nach zwei Tagen Anzeige erstattet worden ist.“

Bei einem Fest im Stadtteil Sahlkamp hatten, wie berichtet, rund 20 bis 30 Kinder und Jugendliche beim Auftritt einer Tanzgruppe der Liberalen jüdischen Gemeinde Hannover Parolen wie „Juden raus“ gerufen und mit Steinen nach den Tänzern geworfen. Unklar war zunächst, ob die Aktion von Eltern oder Organisationen gezielt vorbereitet und die Kinder und Jugendlichen instrumentalisiert worden waren.

Diesem Eindruck trat neben Oberbürgermeister Weil gestern auch der Leiter des Stadtteiltreffs, Hajo Arnds, Veranstalter des Fests, klar entgegen. Demnach sei die Stimmung unter den Jugendlichen nach dem Auftritt einer Rap-Gruppe äußerst aufgeheizt gewesen. Als er anschließend die jüdische Gruppe ansagte, sei den Jugendlichen nach dem Stichwort „Israelische Tänze“ „die Sicherungen durchgebrannt“, erklärte Arnds. Nach den ersten Rufen hätten sie sich die Steine von einem Haufen am Rand des Markts gegriffen. Arnds verteidigte seine Entscheidung, nicht die Polizei zu rufen. Er habe sich für „Deeskalation“ entschieden, da die jüdischen Tänzer rasch von der Bühne gegangen und dann in Sicherheit gewesen seien.

Zahlreiche Organisationen und Parteien verurteilten die Attacken und mahnten Konsequenzen an. Der Deutsche Gewerkschaftsbund forderte eine verstärkte Jugendarbeit, um antisemitischen Ressentiments unter muslimischen Jugendlichen zu begegnen. „Diese Angriffe müssen strafrechtliche Konsequenzen haben“, erklärte der hannoversche CDU-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete Dirk Toepffer. Sollte der Verdacht bestehen, dass Eltern ihre Kinder beeinflusst haben, müsse auch die Staatsanwaltschaft ermitteln. Die Landtagsfraktion der Linken dringt auf die Einberufung eines runden Tisches, um die Vorfälle aufzuarbeiten. Die Grünen mahnten eine Auseinandersetzung mit den Jugendlichen und ihren Familien an. Auch der hannoversche Rat der Religionen verurteilte die Vorfälle.

Spurensuche im Sahlkamp

Als es losging, war Mohammed mittendrin, dort, von wo die Steine flogen, so viel ist sicher. Ob er selbst welche geworfen habe, so, wie es manche sagen? Nein, nein, beteuert er, das doch nicht. Sicher, er war dort, vor der Bühne, dort wo die jüdischen Tänzer auftreten sollten, ja. Und er ist auch in Streit geraten, mit einem Mann, gegen den ihn seine Freunde geschubst hätten. Er, Mohammed, habe sich entschuldigt, „aber der wollte mich provozieren“, und dann flogen auch schon die Steine. Und er? Sei dann einfach gegangen. „Ich wollte keinen Stress.“

Mohammed ist 16, er stammt aus dem Irak und lebt im Sahlkamp, und wenn er erzählt, was am Sonnabend passiert ist, dann spricht er seltsam ängstlich. Vielleicht weil er wirklich nicht zu jenen fünf oder sechs Jugendlichen gehörte, die anfingen, die Steine auf die jüdischen Tänzer zu werfen. Vielleicht aber auch, weil er weiß, dass die Stadt Anzeige erstattet hat und die Polizei im Stadtteil unterwegs ist. Und zugleich liegt in seiner Stimme etwas Gereizt-Verständnisloses, ein unterschwelliges „Was-soll-denn-der-ganze-Stress?“. Was das Wort „Jude“ bei ihm und seinen Freunden bedeutet? „Ist ’n Schimpfwort, logisch.“ Würde er natürlich nicht benutzen, klar. Aber so sagen sie es eben. Du Jude. Ein paar seiner Freunde reagierten extrem gereizt darauf. Wer? „Vor allem die Libanesen.“ Mohammed klingt, als könne oder wolle er nicht verstehen, warum sich nun alle plötzlich für das interessieren, was am Sonnabend geschah.

Es ist Mittwoch, der Tag, an dem in den Zeitungen steht, dass am Wochenende arabischstämmige Jugendliche und Kinder eine jüdische Tanzgruppe beim Stadtteilfest mit Steinen beworfen und Parolen wie „Juden raus“ geschrien haben. Und es ist der Tag, an dem das Ringen um Deutungen beginnt, um Erklärungen für das Schockierende. Um Antworten auf die Frage: Wie verbreitet ist der Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen?

Im Rathaus bemüht sich der Leiter der Stadtteiltreffs, Hajo Arnds, die Menschen in seinem Viertel von diesem Verdacht fernzuhalten. Ja, manche Jugendliche würden dies manchmal abschätzig sagen, „ey, du Jude“ oder Ähnliches, räumt er ein. „Aber das ist doch nur die Spruchebene, kein wirklicher Antisemitismus.“ Er habe sich auch bei Lehrern und Schulleitern des Stadtteils erkundigt, mit klarem Ergebnis: „Keiner hat von irgendwelchen Vorfällen berichtet.“ Seine Botschaft ist eindeutig: Ja, es ist etwas Schlimmes, Verurteilenswertes geschehen. Aber Antisemitismus gebe es in seinem Viertel, unter seinen Jugendlichen nicht.

Arnds ist ein äußerst engagierter Sozialarbeiter und exzellenter Kenner des Viertels rund um die Schwarzwaldstraße. Die Frage ist nur, ob er mit seiner Wahrnehmung richtig liegt. Es gibt jedenfalls andere Stimmen, die sehr wohl von einer unter Jugendlichen weit verbreiteten judenfeindlichen Haltung berichten. Diese Menschen möchten ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, um nicht als Beschmutzer jenes Viertels dazustehen, das ohnehin schon schwer an einem schlechten Ruf trägt. Aber sie erzählen zum Beispiel die Geschichte, wie ein libanesischer Jugendlicher das Wort „Jude“ an die Tür eines jüdischen Bewohners gemalt hat und dieser ihn dann mit einem Messer verfolgt habe. Sie erzählen davon, wie die Kinder im Fernsehen die antisemitischen und antiisraelischen Sendungen in den Programmen aus der Heimat ihrer Eltern verfolgen und zwar nicht alles verstehen, was da gesagt wird, aber doch eines mitnehmen: „Israel ist für sie der Inbegriff des Bösen.“ Irgendwann ist Israel dann eben nicht nur an der Situation im Gazastreifen schuld, sondern auch daran, dass Mama und Papa keine Arbeit haben und das Geld nicht für die Playstation reicht. Und wenn der Moderator beim Stadtteilfest dann „Israelische Tänze“ ankündigt, wie es am Sonnabend geschehen ist, dann liegen, zumal in der aufgeheizten Stimmung nach einem Rap-Konzert, der Griff zu den Kieselsteinen oder die „Juden raus“-Rufe vielleicht tatsächlich nicht mehr so fern.

Es wäre ja auch erstaunlich, wenn ausgerechnet der Sahlkamp eine Ausnahme bilden würde von jenem Trend, den Experten seit Jahren beobachten: dem zunehmenden Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Das Krimininologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat in einer seiner jüngsten Studien 45 000 Schüler bundesweit unter anderem danach befragt, wen sie am wenigsten gern als Nachbarn hätten. Mit deutlichem Abstand sprachen sich muslimische Schüler am stärksten gegen einen jüdischen Nächsten aus. „Der Antisemitismus ist unter muslimischen Jugendlichen sehr ausgeprägt“, erklärt KFN-Direktor Christian Pfeiffer. „Das ist ein stabiles empirisches Ergebnis.“

Auch die Studie „Muslime in Deutschland“ zeigt die Verbreitung antisemitischer Gedanken gerade unter muslimischen Jugendlichen: Der Satz „Menschen jüdischen Glaubens sind überheblich und geldgierig“ erhielt von ihnen weit mehr Zustimmung als von ihren Mitschülern. „Besonders männliche arabische, türkische oder kurdische Jugendliche, die sich von der Mehrheitsgesellschaft marginalisiert fühlen, sind offenbar für antisemitische Sichtweisen anfällig“, heißt es in einer Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung aus Berlin.

Es gibt in den Blocks rund um die Schwarzwaldstraße und den Sahlkampmarkt eine Menge Menschen, auf die diese Beschreibung zutrifft.

Wer hier an einem sonnigen Nachmittag wie gestern über die Höfe zwischen den Wohnblocks spaziert, sieht Kinder, die in Deutschland-Trikots um eine Vuvuzela rangeln. Und man sieht Erwachsene, die wie jeden Tag auf ihrem immergleichen Platz auf einer der Bänke sitzen.

Mohammed, der 16-Jährige, ist in diesem Sommer mit der Schule fertig. Was er beruflich machen will? Wisse er noch nicht. „Erst mal weiter Schule.“ Was ja zunächst mal sicher nicht die schlechteste aller Möglichkeiten ist.

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