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Polizei gibt im Mordfall Annika B. vorerst auf

Ermittlungen werden eingestellt Polizei gibt im Mordfall Annika B. vorerst auf

Der Mord an der jungen Studentin Annika B. schockierte vor fast genau zwei Jahren Hannover. Jetzt sollen die Ermittlungen in Kürze eingestellt werden – obwohl der Mörder der jungen Frau noch immer nicht gefasst ist.

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Annika B. wurde vor zwei Jahren ermordet. Die Mutter sagt über den Täter: „Wir haben ihm verziehen."

Quelle: Archiv

Hannover. „Wir arbeiten noch die letzten Hinweise ab, danach können wir vorerst nichts mehr tun“, sagt Polizeisprecher Holger Hilgenberg. Am 27. November 2011 war Annika B. vor ihrer Wohnung in der Kohlrauschstraße niedergestochen worden. Jetzt befürchtet ihre Familie, dass das Verbrechen nie aufgeklärt werden könnte.

Dabei waren die Mordermittler, wie erst jetzt bekannt wurde, im Verlauf ihrer Nachforschungen auf eine heiße Spur gestoßen. Sie führte in die Nähe von Rostock. Monate vor ihrem gewaltsamen Tod fühlte sich Annika B. einer konkreten Bedrohung ausgesetzt. „Da gibt es einen Mann, der will mich umbringen“, soll die junge Frau etwa im März 2011 ihrer Mutter anvertraut haben. Auf ungläubiges Nachfragen soll B. geantwortet haben: „Doch, das stimmt, der hat gesagt, er kommt im November hierher, und dann holt er mich und bringt mich um.“ Den Namen des Mannes, von dem sich die junge Frau bedroht fühlte, wollte sie damals nicht preisgeben. Auch den eindringlichen Rat ihrer Mutter, sich deshalb mit der Polizei in Verbindung zu setzen, schlug sie aus. „Wir sind diesen Hinweisen nachgegangen, haben auch drei bis vier Personen überprüft – die Ergebnisse waren immer negativ“, sagt Polizeisprecher Hilgenberg.

Annika B.s Eltern halten die Rostock-Spur weiterhin für den wichtigsten Hinweis in dem Fall. Sie haben selbst Nachforschungen angestellt und sind dabei auf den Namen des Ortes in der Nähe der Hansestadt gestoßen, in dem der Verdächtige damals gelebt haben soll. „Wir haben diesen neuen Hinweis sofort an die Polizei weitergeleitet“, sagt Rechtsanwalt Matthias Waldraff, der Annikas Eltern vertritt.

Generell kritisiert der Strafverteidiger das Verhalten der Behörde gegenüber den Hinterbliebenen in diesem spektakulären Fall. „Hier müssen die Angehörigen regelmäßig auf dem Laufenden gehalten werden, sonst wächst bei ihnen völlig unnötig Misstrauen“, sagt Waldraff. Er wünscht sich zudem Einblick in die Akten der Ermittler. „Nur so können wir nachvollziehen, was unternommen und was ermittelt worden ist“, erklärt der Jurist. Ein solches Entgegenkommen der Behörden sei in vergleichbaren Fällen durchaus üblich.

Annika B. hatte am Abend des ersten Adventssonntags 2011 ihre Wohnung in der Kohlrauschstraße kurz verlassen, um an einem nahe gelegenen Kiosk eine Schachtel Zigaretten zu holen. Der Täter muss die junge Mutter beobachtet haben. Er lauerte ihr vor ihrer Wohnung auf und griff sie bei ihrer Rückkehr ohne Vorwarnung an. Anschließend gelang ihm die Flucht.

Aufgrund der Zeugenaussagen dreier junger Männer, die den Täter weglaufen sahen, fertigten Spezialisten eine Phantomzeichnung von Annika B.s Mörder an. Das Bild zeigt einen sportlichen jungen Mann. Er ist 25 bis 30 Jahre alt, etwa 1,80 Meter groß und Brillenträger. Er hatte damals blonde, kurze Haare und trug an dem Abend eine dunkle Kapuzenjacke. Die Ermittler stellten danach die Phantomzeichnung auf die Facebook-Seite der Polizei und erhielten in kürzester Zeit eine derartige Flut von Hinweisen, dass sie das Bild wieder aus dem Netz nehmen mussten.

Der Fall Annika B.

27. November 2011: Gegen 19.15 Uhr wird die 20-jährige Studentin Annika B. vor ihrer Wohnung in der Kohlrauschstraße durch mehrere Messerstiche verletzt. Sie stirbt wenig später im Krankenhaus.

2. Dezember 2011: Die Kripo veröffentlicht eine Phantomskizze des mutmaßlichen Täters. Das Bild stellt die Polizei auch auf ihre Facebook-Seite. Die erhoffte Wirkung bleibt aus. Die Ermittler werden mit Hinweisen und Kommentaren regelrecht überflutet, sodass sie die Zeichnung wieder aus dem Netz nehmen müssen.

5. Dezember 2011: Annika B. wird auf dem Stöckener Friedhof beigesetzt.

28. März 2012: Die Polizei bittet rund 1000 Männer zum Speicheltest, um dem Täter per DNA-Abgleich auf die Schliche zu kommen. Trotz der regen Beteiligung ist auch dieser Schritt nicht erfolgreich.

27. November 2012: Ein Jahr nach dem Verbrechen setzt die Polizei eine Belohnung von 5000 Euro für Hinweise auf den Täter aus. Die Summe musste bislang nicht ausbezahlt werden, verwertbare Tipps gingen nicht ein.tm

Die schwere Zeit nach Annika

Ich wünsche mir schon, dass so ein krankes Gehirn geschnappt wird, und gleichzeitig habe ich Angst vor dem, was dann kommt.“ Regina Heinemann, die Mutter der ermordeten Studentin Annika B., sagt diesen Satz mit fester Stimme und klarem Blick. Zwei Jahre nach dem schrecklichen Verbrechen in der Kohlrauschstraße, das ihr die Tocher und ihrem Enkelkind die Mutter nahm, hat sie neue Kraft gefunden und kann über die Tat sprechen. „Ich bin wieder an Deck, aber es hat diese Zeit gebraucht, bis ich soweit war“, sagt sie. Ihre fünfjährige Enkelin lebt bei ihrem Vater, die Großeltern können sie regelmäßig sehen. Immerhin sie ist ihnen geblieben.

Es war ein langer Weg zurück. Zwei schwere Jahre habe sie hinter sich, sagt Heinemann. Sie hat sich sehr verletzt gefühlt, „wie ein Mobile, aus dem ein Teil herausgeschnitten wurde“. Nicht nur der tödliche, bis heute nicht aufgeklärte Messerangriff auf ihre Tochter hat diese Verletzungen hervorgerufen. Auch die vielen negativen Erlebnisse im Verlauf der Ermittlungen hätten Wunden hinterlassen. So erfuhr sie beispielsweise nur durch Zufall von der Attacke auf ihre Tochter – nicht aber durch die Polizei.

Als die damals 20-jährige Studentin niedergestochen wurde, war Regina Heinemann im Ausland. Eine Hausbewohnerin schickte ihr eine Nachricht auf das Handy, sie möge sich bei der Polizei melden, mit Annika sei etwas passiert. Als sie sich telefonisch zur Mordkommission durchgefragt hatte und sich dort nach ihrer Tochter erkundigte, fuhr der Beamte sie an: „Wer hat Ihnen das gesagt?“ Die Ermittler hatten in den ersten Stunden eine Art Nachrichtensperre verhängt, um sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren zu können. Dabei hatten sie die Angehörigen offenbar völlig aus dem Blickfeld verloren.

Auch im weiteren Verlauf der Suche nach dem Mörder fühlte sich die Familie oft alleine gelassen. „Ich wusste wirklich nur das, was in der Zeitung stand, auch wenn mir das kaum jemand geglaubt hat“, sagt Regina Heinemann. Erst im Mai, sechs Monate nach dem Verbrechen, durfte die Mutter die Wohnung ihrer Tochter wieder betreten. Bis dahin hatte die Polizei die Räume versiegelt.

Zudem hat die Familie inzwischen herausbekommen, dass drei Tage nach dem Angriff auf Annika ein Bekannter, der offenbar über Beziehungen zur Rechtsmedizin verfügt, bei der Toten war, um Abschied zu nehmen. „Ich als Mutter durfte sie erst nach einer Woche sehen. Das hat mich schon tief getroffen“, sagt die Mutter der Ermordeten.

Später entdeckte sie, dass jemand im Internet ein Kondolenzbuch für Annika eröffnet und ein virtuelles Grab für die junge Frau angelegt hatte. Mehr als 4000 Menschen haben dort Abschied bislang genommen. Beinahe täglich tragen sich online Menschen in die Gästebücher ein, die Annika B. nicht gekannt haben. „Einige haben sich als Familienangehörige ausgegeben und Nachrichten eingestellt. Das hat mich massiv verletzt“, sagt die Mutter.

Trost und Halt hat Regina Heinemann nach dem Schicksalsschlag bei ihrer Familie gefunden – und in ihrem Glauben. Sie ist zutiefst davon überzeugt, dass es für ihre Tochter ein Leben nach dem Tod gibt. Auch hege sie gegen den unbekannten Täter keinen Groll, sagt sie: „Wir haben ihm verziehen.“

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