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Polizist und Freund eines Hells Angels erzählt

Buch "Treibjagd" Polizist und Freund eines Hells Angels erzählt

Tim K. war Polizist - und Freund eines Hells Angels. Von seinem Leben zwischen den Fronten erzählt er nun in seinem Buch. Die Geschichte spielt in Teilen im Steintorviertel inmitten von Motorradrockern und Spitzeln, von Prostituierten und Zuhältern, von brutalen Überfällen und geheimen Treffen.

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"Treibjagd - Vom Cop zum Outlaw"

Quelle: Surrey

Hannover. Und die Geschichte handelt von einem, der sich zu dieser seltsamen Welt hingezogen fühlt – obwohl er Polizeibeamter ist. Würde jemand diese Geschichte in lockerer Runde zum Besten geben, die Zuhörer könnten glauben, sie hätten gerade das Skript eines Films von Quentin Tarantino erzählt bekommen. Doch der Mann, der diese Geschichte unter dem Titel „Treibjagd“ aufgeschrieben hat, behauptet: „Jede Zeile in dem Buch entspricht der Wahrheit.“ Er sollte es wissen. Denn schließlich handelt es sich bei der Story um seine eigene Geschichte.

„Treibjagd“ erzählt, wie Tim K. vom rechten Weg abgekommen ist, wie er irgendwann statt Streifenwagen lieber Porsche fahren will und dabei nach und nach tiefe Einblicke in die Welt der Hells Angels gewinnt – Einblicke in ihre Drohgebärden, die sie gerne zur Schau stellen, bis hin zu ihren Drogengeschäften, die sie im Verborgenen tätigen. Und Tim K. beschreibt die falschen Verdächtigungen, denen er sich ausgesetzt sah, als er immer weiter abgleitet in diese Unterwelt, und die vor Gericht trotzdem so gut wie nie Bestand hatten.

Frührentner und Rocker

Knapp zehn Jahre lang war Buchautor K. Polizeibeamter. Heute ist der 38-Jährige offiziell Frührentner und inoffiziell Rocker. Dass sein Leben eine solche Wendung genommen hat, dafür gibt er seinem ehemaligen Arbeitgeber die alleinige Schuld. „Ich sehe mich einem Rachefeldzug der Polizei ausgesetzt“, schreibt er am Anfang des Buches. Mithilfe seines Anwalts Willi Ehmke hat er akribisch Beweise gesammelt, die diese These untermauern sollen. Ein Eingeständnis, selber gravierende Fehler begangen zu haben, weil er sich beispielsweise als Polizist bewusst mit Leuten aus dem kriminellen Milieu umgeben hat, findet sich auf den 336 Seiten des Buches nicht.

Nach einer abgeschlossenen Banklehre und dem gescheiterten Versuch, sich als Profi beim American Football zu etablieren, bewirbt sich K., so beschreibt er es, im Jahr 2000 für den Polizeidienst. Sein Ziel: Er will unbedingt zum Spezialeinsatzkommando, der Elitetruppe der Behörde. Die Aufnahmeprüfung besteht der durchtrainierte Sportler und Wing-Tzun-Kämpfer spielend.

Doch im Verlauf der weiteren Ausbildung stellt er fest, dass der tägliche, aus seiner Sicht sinnlose Drill ihm nicht zusagt. Er bricht ab und wird Streifenbeamter bei der Kreispolizei in Lippe. In dieser Zeit freundet sich der leidenschaftliche Motorradfahrer wissentlich mit einem Mitglied der Hells Angels an, das in der Gegend damals einen Harley-Davidson-Laden samt Werkstatt betreibt. K. entwickelt Sympathien für die Lebensweise der Rocker, lässt sich zum ersten Mal ein Tattoo stechen und gerät dadurch ins Zwielicht.

Doch auch den Hells Angels ist die Freundschaft eines ihrer Mitglieder zu einem Kommissar nicht geheuer. Als sie von der Verbindung erfahren, wird der betreffende Höllenengel unehrenhaft aus dem Klub ausgeschlossen. Zur gleichen Zeit bekommt auch Tim K. wegen seiner Verbindungen zu den „Engeln“ regelmäßig Schwierigkeiten von Kollegen und Vorgesetzten. „Die haben mich nur noch gemobbt“, erklärt er. Die Anfeindungen hätten seinem Gesundheitszustand zugesetzt. Er fällt lange aus. Dennoch setzt er alles daran, um seinen Rockerkumpel bei den Rockern zu rehabilitieren. „Wir haben uns beide nichts zuschulden kommen lassen, außer, dass wir gerne Motorrad fahren“, erzählt der Autor.

Eines Tages bringt Tim K. in Erfahrung, dass der Präsident des Bielefelder Chapters der Höllenengel angeblich als V-Mann für die Polizei tätig ist. Dieser Mann, der im Buch nur „John M.“ genannt wird, soll für die Ermittler unter anderem deshalb besonders wertvoll sein, da er über beste Kontakte zum „sogenannten Paten von Hannover, dem Präsidenten des Hells Angels Motorcycle Clubs Hannover“ verfüge, schreibt der Autor. Gemeint ist Frank Hanebuth, der im Buch nicht namentlich erwähnt wird, sondern lediglich unter dem Pseudonym „Falk G.“ auftaucht.

Im Gespräch mit dieser Zeitung wird Autor K. deutlicher: V-Mann „John M.“ sei in Hannover an der Seite von Frank Hanebuth bereits bei den Bones, dem Vorgängerklub der Hells Angels, aktiv gewesen – „er galt als seine rechte Hand“, erklärt Tim K. Aus Dank für seine langjährige Treue soll Hanebuth „John M.“ im Jahr 2008 zum Präsidenten des neu gegründeten Bielefelder Ablegers gemacht haben, der „von Hannover aus geplant und ins Leben gerufen wurde, womit wir wieder bei ,Falk‘ sind, der, wie fast überall, seine Finger im Spiel hatte“, heißt es im Buch „Treibjagd“.

Lange Krankheitsgeschichte

Für Tim K. ist die Angelegenheit schnell klar: Der V-Mann „John M.“ habe seinen Motorradkumpel aus dem Klub werfen lassen – aus Angst vor Enttarnung durch einen Polizisten im Umfeld der Rocker. Also will sich der Polizist K. nach und nach Beweise verschafft haben, die „John M.“ belasteten und ihn in Verbindung mit der Bielefelder Behörde brächten. Damit habe er sich auf den Weg ins Steintorviertel gemacht. Sein Ziel: Dem Chef der hannoverschen Rocker alles über „John M.“ zu berichten, in der Hoffnung, dass dieser als Gegenleistung seinen Bekannten wieder in die Gemeinschaft der Engel aufnehme.

Doch, so geht die Geschichte im Buch weiter, „Falk G.“ habe sich weder für die Anschuldigungen gegen den Bielefelder Präsidenten interessiert noch für die Vorgänge innerhalb des ostwestfälischen Charters. Tim K. ist enttäuscht. Zum einen, weil seine Bemühungen für seinen Motorradkumpel vergebens sind, zum anderen, weil inzwischen die Kollegen der Polizei gegen den umtriebigen Beamten ihrerseits Ermittlungen anstellen, „obwohl sie von vorneherein hätten wissen können, dass ich nichts gemacht hatte“, sagt der Autor.

Die zunächst gegen Tim K. erhobenen Vorwürfe wiegen schwer: Förderung der Prostitution, gefährliche Körperverletzung und versuchte schwere räuberische Erpressung. Das hätte bei einer Verurteilung für eine Gefängnisstraße von mindestens acht Jahren gereicht. Schließlich scheint die Beweislage so erdrückend, dass K. in Untersuchungshaft kommt. Sieben Monate sitzt er hinter Gittern. In dieser Zeit entsteht das Buch. Doch dann wendet sich das Blatt. Der Prozess gegen den Beamten gerät zur Farce.

Den Vorwurf der Zuhälterei lässt die Staatsanwaltschaft bereits vor Beginn der Verhandlung fallen. Vor Gericht überführt Willi Ehmke, der Anwalt des Angeklagten, den Hauptbelastungszeugen der Lüge, sodass K. schließlich mit einer Bewährungsstrafe von neun Monaten wegen Körperverletzung davonkommt. Im Polizeidienst ist er nicht mehr, er ist nach langer Krankheitsgeschichte frühzeitig pensioniert.

Mit dem Erscheinen des Buchs wird wohl, damit rechnen der Verlag und der Rechtsanwalt des Autors fest, ein juristisches Tauziehen um „Treibjagd“ beginnen. Aus Angst, die Auslieferung des Werks werde in kürzester Zeit durch Gerichte untersagt, hat der Verlag erst einmal nur 5000 Exemplare drucken lassen. Doch Autor Tim K. ficht das nicht an. Er kündigt an, am heutigen Tag der Veröffentlichung Strafanzeigen gegen mehrere Polizisten zu stellen, unter anderem wegen Verfolgung Unschuldiger, Nötigung und Straftaten im Amt. Das Buch des ehemaligen Polizisten wird also noch fortgeschrieben – auf die eine oder andere Art und Weise.

Das Buch soll im Stattverlag erscheinen (ISBN 978-3937542072). Es kostet 19,90 Euro.

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