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Aus der Stadt Tod einer Pizzabotin – Polizist muss 7650 Euro zahlen
Hannover Aus der Stadt Tod einer Pizzabotin – Polizist muss 7650 Euro zahlen
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00:16 27.11.2017
Rechtsanwalt Andreas Hildebrand (l.) ist der Verteidiger von Rene H.   Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

  Ein 54-jähriger Polizeibeamter, der im November 2016 bei einer Einsatzfahrt – ohne Martinshorn und Blaulicht – eine junge Frau auf ihrem Motorroller überfahren hat, ist am Freitag vom Amtsgericht Hannover zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 85 Euro verurteilt worden. Richter Michael Stüber erklärte, dass sich Rene H. der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht habe. Der Beamte habe an jenem Abend gegen 20 Uhr eindeutig seine Sorgfaltspflicht verletzt, deshalb habe das Gericht die Strafe von 7650 Euro verhängt.

Der Polizist hatte am Steuer eines Streifenwagens gesessen, der vom Misburger Zentrum auf der Hannoverschen Straße Richtung Kleefeld unterwegs war. Kurz vor der Brücke über den Mittellandkanal überholte H. einen Gelenkbus.  Was er in der langgezogenen Linkskurve nicht sah: Ihm kam eine 18-Jährige auf dem Motorroller eines Pizzabringdienstes entgegen. Nach Ansicht des Sachverständigen Clemens Rehse, dessen Ausführungen sich das Gericht anschloss, sah die in Richtung Misburg fahrende Frau unmittelbar hinter der Brücke zwei Fahrzeuge auf sich zukommen: den Bus und den auf ihrer Fahrspur befindlichen Streifenwagen. Um einen Zusammenprall zu vermeiden, „überbremste“ sie so stark, dass das Vorderrad blockierte. Sie stürzte und rutschte vor die Räder des VW Passat der Polizei; auch Erste-Hilfe-Maßnahmen und ein Rettungseinsatz konnten ihr Leben nicht retten.

Polizist war zu schnell unterwegs

Richter Stüber folgte dem Plädoyer von Staatsanwalt Matthias Wuthenow. Rene H. habe per Kickdown auf 65 bis 75 Kilometer pro Stunde beschleunigt und die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von Tempo 50  damit deutlich  überschritten. Der Beamte überholte auf einem Straßenstück, das er nicht ausreichend übersehen konnte und berücksichtigte dabei nicht ausreichend die Länge des Gelenkbusses, die Dunkelheit und den nassen Asphalt. „Sie haben in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung getroffen, aber es war eine falsche Entscheidung“, so der Amtsrichter. Der Staatsanwalt hatte eine Verurteilung von H. zu 120 Tagessätzen à 85 Euro gefordert.

Eine Rollerfahrerin ist in Misburg mit einem Polizeiwagen kollidiert. Die Pizzabotin erlag wenig später im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Der Version des Angeklagten, er hätte den Überholvorgang an jenem Novemberabend bereits abgeschlossen und sei bereits mehrere Sekunden lang auf der rechten Fahrspur gefahren, mochte Stüber keinen Glauben schenken – das habe der Beamte weder am Unfalltag ausgesagt noch sei diese Möglichkeit durch irgendwelche Zeugenaussagen oder Spuren belegt. Der Lüge wollte der Richter den Polizisten trotzdem nicht bezichtigen: „Sie haben versucht, das Geschehen zu verarbeiten, und haben Ihre Erinnerungen mit Schlussfolgerungen angereichert.“ Der Zusammenprall habe sich eindeutig nahe der Straßenmitte ereignet, die linke Seite des Streifenwagens habe sich noch auf der linken Fahrspur befunden. H.s Verteidiger Andreas Hildebrand wies darauf hin, dass sein Mandant mit den Eltern mitleide, auch bei der Beerdigung des 18-jährigen Opfers dabeigewesen sei. Der Beamte selbst entschuldigte sich auch an diesem Verhandlungstag mehrmals bei den Angehörigen.

Eltern: „Wir hegen keinen Groll, wollen keine Rache“

Susanne Frangenberg, Anwältin der Mutter, erklärte, die getötete junge Frau sei sehr lebensfroh gewesen. Sie hatte erst wenige Monate vor dem Unglück ihr Abitur abgelegt, absolvierte an der Uni ein freiwilliges wissenschaftliches Jahr und verdiente sich als Pizzabotin ein Zubrot.  Sehr ergreifend waren die Worte, die die Eltern (beide 48 Jahre alt) an den Angeklagten und das Gericht richteten.  „Kein Urteil und kein Straßmaß werden uns unsere Pia wiederbringen“, sagte die Mutter mit tränenerstickter Stimme. Der am Tod ihrer Tochter schuldige Polizist habe mit dem Unglück aber genauso verloren wie sie selbst, wolle die Sekunden des Unfalls sicherlich ebenso ungeschehen machen wie die Familien auf beiden Seiten. „Wir hegen aber keinen Groll, wollen keine Rache“,  betonte die 48-Jährige, die während beider Verhandlungstage stets die Nähe zu ihrem Mann gesucht hatte. Auch der Vater zeigte sich versöhnlich, bat das Gericht, keine „existenzbedrohende Strafe“ gegen den Angeklagten zu verhängen. „Wir haben Ihnen vergeben“, sagte der 48-Jährige zu Rene H. und fügte hinzu: „Gott segne Sie.“

Der Polizeibeamte ist inzwischen wieder im Dienst, allerdings steht ihm noch ein Disziplinarverfahren ins Haus. Dass er seinen Job verlieren wird, gilt nach Auffassung von Prozessbeobachtern als sehr unwahrscheinlich.

Von Michael Zgoll

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