Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Priester Peter R. arbeitete auch in Mühlenberger Gemeinde
Hannover Aus der Stadt Priester Peter R. arbeitete auch in Mühlenberger Gemeinde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:54 02.02.2010
Die Gemeinde St. Maximilian Kolbe: Hier arbeitete Peter R. von 1999 bis 2003. Quelle: Rald Decker

Er hat kaum Spuren hinterlassen in der Gemeinde. Fragt man gezielt nach ihm, erinnern sich nur wenige überhaupt noch an den Priester Peter R., der von 1999 bis 2003 in der katholischen Gemeinde St. Maximilian Kolbe in Mühlenberg gearbeitet hat. Ein eher verschlossener Mensch sei er gewesen, erinnert sich ein Mitarbeiter der Gemeinde, und nicht besonders gesprächig. Am Gemeindeleben habe er sich auch kaum beteiligt, sagt ein Mitglied des katholischen Kolping-Vereins.

Davon, dass Peter R. sich im Canisius-Kolleg in Berlin über Jahre hinweg an Schülern sexuell vergangen haben soll, dass er auch im Verdacht stand, im Bistum Hildesheim wiederholt Minderjährige sexuell belästigt zu haben, bevor er dann nach Hannover versetzt wurde – davon ahnte hier niemand etwas. „Er wurde uns damals als Pfarrer ohne Planstelle zugewiesen – obwohl wir eigentlich gar keinen brauchten“, erinnert sich Pfarrer Hans-Joachim Osseforth, der in Hannover der Vorgesetzte von Peter R. war. Von finanziellen Unregelmäßigkeiten sei im Zusammenhang mit der Versetzung des Priesters damals die Rede gewesen, sagt er. „Doch von Missbrauchsvorwürfen hat uns niemand etwas gesagt.“ Und so gab es auch keine Bedenken dagegen, dass der Priester aus dem Bistum Hildesheim drei Ferienfreizeiten mit jeweils 15 bis 20 Jugendlichen unternahm, die zum Teil mehrere Wochen dauerten. Unter anderem besuchten sie den französischen Wallfahrtsort Taizé.

Josef Mierzowski zeigte sich am Dienstag völlig schockiert über die Missbrauchsvorwürfe. Als Begleiter einer Jugendfreizeit war er drei Wochen lang mit Peter R. in Frankreich, Spanien und Portugal unterwegs gewesen, seine drei Söhne waren auch dabei. Wer mit ihm über die schlimmen Vorwürfe gegen den Geistlichen spricht, spürt die Fassungslosigkeit in seinen Worten und das Bemühen um eine gerechte Bewertung. „Mir ist da überhaupt nichts aufgefallen. Er war ein ganz normaler Mensch, ich kann nichts Negatives über ihn sagen.“ Auch seine heute erwachsenen Kinder berichteten von nichts Ungewöhnlichem. Dass allerdings das Bistum Peter R. in der Gemeinde beschäftigte, obwohl seit Jahren Vorwürfe gegen ihn bekannt waren, das findet Mierzowski „nicht in Ordnung“.

Der Jesuitenpater war von seinem Orden 1982 nach Göttingen im Bistum Hildesheim versetzt worden, wo er als Jugendseelsorger arbeitete. Sieben Jahre darauf wurde er als Pfarrverwalter in der Hildesheimer Gemeinde „Guter Hirt“ tätig. Auch, als er 1995 den Jesuitenorden verließ, beschäftigte das Bistum ihn als Seelsorger weiter. Obwohl sich zwei Jahre zuvor schon eine Mutter beim damaligen Bischof Josef Homeyer beschwert hatte, weil R. ihre 14-jährige Tochter unsittlich berührt habe. Als Peter R. 1997 erneut sexuelle Belästigungen vorgeworfen wurden, versetzte man ihn einfach; zunächst nach Wolfsburg, dann nach Hannover. Offenbar war die Sache damals mit ein paar Ermahnungen erledigt. „Aus heutiger Sicht haben wir die Vorwürfe zu wenig ernst genommen“, sagte der emeritierte Bischof Josef Homeyer am Dienstag – ein Mea Culpa, wie man es in solchen Fällen selten von Kirchenoberen hört.

Nach dem ersten Fall schrieb das Bistum einen Brief an die Jesuiten und ließ die Sache dann im Sande verlaufen. Auch Generalvikar Werner Schreer, der Verwaltungschef des Bistums, streute Asche auf sein Haupt: „Wir sind Hinweisen damals nicht im notwendigen Umfang nachgegangen“, sagte er. Schließlich habe 1993 Aussage gegen Aussage gestanden. „Und dann fehlte damals noch die nötige Sensibilität.“ Zwar wurde Peter R. schon damals die Jugendarbeit im Bistum verboten. „Doch niemand hat kontrolliert, ob das Verbot auch eingehalten wurde“, räumte Schreer am Dienstag zerknirscht ein. „Man hätte da mehr tun können.“ Von sexuellem Fehlverhalten Peter R.’s in Hannover ist bislang nichts bekannt geworden.

Hingegen hat sich ein anderer Jesuit, der von 1971 bis 1975 als Jugendseelsorger in Hannover beschäftigt war, am Dienstag zu sexuellen Übergriffen bekannt. Wie Stefan Dartmann, Provinzial der Deutschen Jesuiten, in München erklärte, hätten sich drei Missbrauchsopfer aus dieser Zeit gemeldet. Der Täter, ein Jesuit, der später mehr als 20 Jahre lang ein angesehenes Hilfswerk leitete, habe zumindest eine Tat zugegeben und sich inzwischen selbst angezeigt, berichtet Dartmann. Er wurde vom Priesteramt suspendiert. „Ich danke den Opfern, dass sie hervorgetreten sind, und entschuldige mich bei ihnen“, sagte Dartmann.

Auch in der Mühlenberger Gemeinde soll am kommenden Sonntag ein Aufruf verlesen werden; das Bistum bittet Missbrauchsopfer, sich zu melden. „Wir wollen alles tun, um die Vorwürfe aufzuklären und den Opfern Hilfe anzubieten“, sagt Domkapitular Heinz-Günter Bongartz, der Bistumsbeauftragte für Fälle sexuellen Missbrauchs. „Es kommt uns darauf an, die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ Außerdem könne man Betroffene beispielsweise psychotherapeutisch betreuen.

Nach neuen, 2002 erlassenen Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz sei es nicht mehr möglich, Täter einfach zu versetzen – sie würden konsequent von der Jugendarbeit ausgeschlossen. Ob die Übergriffe von Peter R. auch zu strafrechtlichen Konsequenzen führen, scheint indes fraglich. Sexueller Missbrauch verjährt nach zehn Jahren. Die Staatsanwaltschaft Hannover sah gestern keinen Grund für Untersuchungen in der Mühlenberger Gemeinde. „Dazu benötigten wir einen konkreten Tatverdacht, zum Beispiel ein Opfer, das sich bei uns meldet“, sagte Sprecherin Irene Silinger.

Die Ermittlungsbehörde in Hildesheim reagierte zurückhaltend auf die neuen Erkenntnisse des Bistums. Zwar haben Verantwortliche bis hinauf zum Bischof seit 1993 vom Verdacht auf sexuelle Übergriffe gewusst, sie seien jedoch nicht verpflichtet gewesen, Peter R. anzuzeigen. „Dies wäre nur bei einem schweren Missbrauchsfall so“, sagte Staatsanwältin Christine Pannek. Ein Griff an den Po oder etwa verbale Attacken seien aber nicht vergleichbar mit einem sexuellen Missbrauch. Wo der beschuldigte Peter R. sich derzeit aufhält, weiß die Bistumsleitung nicht. „Telefonisch ist er nicht erreichbar“, sagt Bongartz. „Dabei hätten wir dringend mit ihm zu reden.“

Simon Benne 
und Gunnar Menkens

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Mehr zum Thema

Der Schulleiter der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule, Friedrich Stolz, befürchtet weitere Missbrauchsfälle. „Eines der Opfer hat entsprechende Hinweise gegeben“, sagte Stolze am Dienstag.

02.02.2010

Zwei Jesuiten-Patres sollen sich am Berliner Canisius-Gymnasium an Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Neben mehr als 20 Missbrauchsfällen in den 70er und 80er Jahren in Berlin habe es auch Fälle in Hamburg, St. Blasien, Göttingen, Hildesheim, Chile und Spanien gegeben, berichtete der deutsche Ordenschef, Provinzial Stefan Dartmann.

02.02.2010

Der Missbrauchsskandal an einer Berliner Jesuiten-Schule weitet sich auf Hamburg aus: Am Montag wurden Fälle an einer Jesuitenschule in der Hansestadt bekannt.

01.02.2010

Nach dem Scheitern der zweiten Verhandlungsrunde bei den Tarifverhandlungen für die 2,1 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst von Bund und Ländern ruft die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di heute zu ersten Protestaktionen in sechs Krankenhäusern des Klinikums Region Hannover (KRH) auf.

02.02.2010

Trauer im Zoo Hannover: Die Gorilladame „Sonja“ ist im Alter von 38 Jahren vollkommen überraschend gestorben. Nach der Todesursache wird zurzeit in der Pathologie der Tierärztlichen Hochschule gesucht.

02.02.2010

Der HAZ-Schreibwettbewerb hat sich wieder als voller Erfolg erwiesen. Rund 1000 Schüler und Schülerinnen aus Hannover und Umgebung sandten bis zum Einsendeschluss am Sonntagabend ihre Beiträge ein.

Heinrich Thies 02.02.2010