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Aus der Stadt Probleme bei Landtagsbau waren lange bekannt
Hannover Aus der Stadt Probleme bei Landtagsbau waren lange bekannt
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00:15 14.02.2015
Ist der Landtag in Hannover noch zu retten? Quelle: Julian Stratenschulte
Hannover

Eigentlich stand der Termin für die Grundsteinlegung schon fest: Im April wollte Landtagspräsident Bernd Busemann zwischen den Mauern des alten Plenarsaals der Startschuss für die Neugestaltung geben. Doch der wird nun vorerst nicht fallen - seit die Baukommission am Dienstag die Hiobs-Botschaft erreicht hat, dass die 53 Jahre alten Betonwände möglicherweise so brüchig sind, dass sie abgerissen werden müssen. „Fast beiläufig“, zwischen Tür und Angel sei diese Nachricht mitgeteilt worden, ärgert sich der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Grant Hendrik Tonne. Und auch sonst sind die Landespolitiker verärgert: Denn auf der Baustelle war das Problem mit den Mauern mindestens seit November bekannt - der Bauherr, also der Landtag, erfuhr davon aber nichts.

Um was für Schäden handelt es sich?

Es geht um einen chemischen Prozess, die Carbonatisierung (siehe Interview), der bei Stahlbeton nicht ungewöhnlich ist. Einfach gesagt: Der Stahl rostet im Beton, dadurch kann es zu Rissen und Abplatzungen kommen.

Es ist ein Mammutprojekt: Drei Jahre lang soll der Umbau des Landtagsgebäudes in Hannover andauern. Ein Rundgang über die Baustelle.

Wie wurden die Schäden entdeckt?

Bei den Arbeiten an der Betonhülle wurden einige Schäden entdeckt, was aufgrund des Alters des Gebäudes als nicht ungewöhnlich eingestuft wurde. Die Betonfachleute hätten dann aber angemahnt, an bestimmten Stellen, an denen sich zum Beispiel Feuchtigkeit gesammelt hätte, Proben zu ziehen, sagt Andreas Meissner, Referatsleiter des Staatlichen Baumanagements. Dafür seien zehn Zentimeter breite und sieben bis 20 Zentimeter lange Bohrkerne aus der Wand genommen worden. Dabei habe sich das ganze Ausmaß der Schäden gezeigt. „Dass die Carbonatisierung schon so tief und so weit vorangeschritten ist“, sei überraschend gewesen, so Meissner. Offenbar sei vor rund 50 Jahren bei der Errichtung des Plenarsaals gespart worden, „da hätte man mit mehr Qualität bei der Verschalung rechnen können. Es ist ja ein prominenter Bau.“

Hätte man das Problem nicht schon 2004 bemerken müssen, als die Fassade saniert wurde?

Für 1,32 Millionen Euro wurde vor elf Jahren die Fassade des Plenarsaals erneuert. Die Frage ist heute, wie genau damals auf den Zustand der Wände geachtet wurde. Diese Frage sei damals nicht Teil des Bauauftrags gewesen, sagt heute Meissner vom Staatlichen Baumanagement. Außerdem habe man die Schäden erst jetzt erkennen können, weil nun auch die Innenseiten der Außenwände freigelegt worden seien. Architekten bezweifeln diese Darstellung allerdings.

War das Risiko bekannt?

In der politischen Diskussion und in der Planung hat die Möglichkeit, dass die Wände nicht standfest sein könnten, damals keine Rolle gespielt.

Der provisorische Plenarsaal in Hannover ist weitgehend fertiggestellt: Während der Sanierung des niedersächsischen Landtags tagt das Parlament von September an im Georg-von-Cölln-Haus direkt gegenüber der Marktkirche in der hannoverschen Altstadt.

Seit wann ist das Problem bekannt?

Bereits im November hatte das Staatliche Baumanagement beschlossen, das Betongutachten in Auftrag zu geben. Das geschah am 1. Dezember. Seit diesem Zeitpunkt also hatten die Baumanager einen klaren Verdacht, dass die Betonstruktur marode sein könnte, sie teilten das aber dem Landtag nicht mit. Fertig war das Gutachten am 29. Januar. Doch erst am vergangenen Dienstag erfuhren der Landtagspräsident und die Baukommission von dem Gutachten und den Problemen.

Wer hat Schuld an der verspäteten Mitteilung?

CDU und FDP sehen das Staatliche Baumanagement in der Verantwortung, und damit die Landesregierung, denn das Baumanagement ist Teil des Finanzministeriums. Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Grant Hendrik Tonne, sagt dagegen, das Landtagspräsidium hätte die Pflicht gehabt, die Informationen zusammenzutragen und den Landtag rechtzeitig zu informieren. Gemein ist allen vier Fraktionen der Ärger darüber, dass der Landtag so spät informiert wurde.

Wer ist eigentlich der Bauherr?

Nominell baut der Landtag, vertreten durch Landtagspräsident Bernd Busemann. Da das Parlament aber keine Bauverwaltung hat, ist das Staatliche Baumanagement des Finanzministeriums als Bauherr bevollmächtigt worden. Dazu gibt es noch das Architekturbüro Blocher Blocher Partners, das wiederum eine Baustellenleitung engagiert hat.

Ist für Risiken Vorsorge getroffen worden?

In den 52,8 Millionen Euro ist ein Risikowert von 1,6 Millionen Euro eingeplant. Sollte die Sanierung der Wände ohne Abriss möglich sein, wird diese Summe wohl fast komplett dafür gebraucht werden. Ein Abriss oder Teilabriss würde sie vermutlich bei Weitem übersteigen.

Der Erbauer des Landtages, Dieter Osterlen, ist noch für weitere Gebäude in Hannover verantwortlich: Ein Überblick.

Wie weit kann man gehen, um das Gebäude zu retten?

Um ein Gebäude zu retten, sei es auch möglich, alle Wände auszutauschen, sagte Meissner vom Baumanagement. „Wenn Sie entsprechenden Aufwand betreiben, können Sie alles erhalten“, sagte er und fügte hinzu: „Sie können ja auch die Pyramiden erhalten.“ Fraglich ist, ob ein Austauschen aller Wände sich mit dem Denkmalschutz verträgt.

Wann wird entschieden, wie es weiter geht?

Am Freitag, 20. Februar, will die Baukommission wieder tagen. Bis dahin soll das Staatliche Baumanagement präzisere Daten und Pognosen liefern. Dann könnte auch eine Entscheidung über das weitere Vorgehen getroffen werden.

Abrissgegner geißeln neue Diskussion

„Wenn Neubauvisionen in einen Altbau gepresst werden, ist ein Scheitern vorhersehbar“, urteilt Bauhistoriker Sid Auffarth: „Die provisorischen Stahlstützen unter den Außenmauern und die Streben im Inneren zeigen doch, dass den Bau nichts mehr zusammenhält.“ Auffarth hatte 2010 gemeinsam mit vielen Mitstreitern den Widerstand gegen Abriss und Neubau des denkmalgeschützten Plenargebäudes initiiert und dafür gesorgt, dass mehr als 45 000 Unterschriften aus ganz Niedersachsen den Landtag zu einem Umdenken zwangen.

Die „Steht-Auf“-Initiative hatte sich dafür ausgesprochen, das Baudenkmal nur behutsam zu sanieren und zu modernisieren, wie es der Entwurf des hannoverschen Architekturbüros Koch Panse 2003 vorgesehen hatte. 2010 ist dann zwar das Verfahren für Abriss und Neubau gestoppt, stattdessen aber eine Totalumbauvariante im Inneren beschlossen worden. „Wenn ein Bau völlig entkernt wird, hat das konstruktive Auswirkungen auf den Rest. Es scheint, dass nicht der Beton bröckelig ist, sondern dass die Standsicherheit Schaden genommen hat“, urteilt Auffarth. Seine These: „Wären die Abgeordneten bei dem behutsamen Umbauvorschlag der Preisträger von 2003 geblieben, stünde hier ein heller, moderner, weniger kostspieliger Bau, der den Charme und den Zeitgeist des Originals bewahrt hätte.“ Der Landtag und auch der Plenarsaal seien „ein historisches Dokument nicht nur in der äußeren Hülle, sondern auch in den Raumfolgen und deren Ausgestaltung.“ Dieses zu bewahren sei die Forderung der gut 45 000 Bürger gewesen. Weil dieser Forderung nicht nachgekommen sei, sei nun „das Baudenkmal Plenarsaal Leidtragender“. med

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