Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Vater muss zwei Jahre in Haft

Prozess um Kindesentziehung Vater muss zwei Jahre in Haft

Weil er seiner ehemaligen Lebensgefährtin seit fünf Jahren die gemeinsame Tochter vorenthält, hat das Amtsgericht einen Tunesier zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt. Mohamed H. hatte das Mädchen zu seiner Mutter in sein Heimatland gebracht, wo es seither lebt.

Voriger Artikel
Trotz Unfallserie keine Kontrollen auf der A 2
Nächster Artikel
Velo City Night: Erste Tour durch Hannover

Mohamed H. und Anwältin Martina Landers-Hesse fanden nur Ausflüchte für die Kindesentziehung.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Fünf Jahre lang hat ein aus Tunesien stammender Mann seiner früheren, deutschen Freundin das gemeinsame Kind vorenthalten. Im Alter von gerade einmal einem Jahr brachte er es nach Streitigkeiten des Paares zu seiner Mutter nach Tunesien. Einen Monat lang sollte Nourhen dort bleiben, damit die Eltern in Ruhe wieder zueinanderfinden könnten. So versprach es der Vater. Seitdem kam Nourhen nicht zurück.

Am Donnerstag, fünf Jahre später, stand Mohamed H. wegen Kindesentziehung vor Gericht - und kassierte eine harte Strafe. Zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilte ihn der Vorsitzende Richter Koray Freudenberg am Amtsgericht Hannover. H. habe gezeigt, dass er trotz anderslautender Versprechungen, ja sogar letztinstanzlicher Gerichtsentscheidungen, kein Interesse daran habe, seine Tochter zurückzuholen. Immer wieder habe man ihm Brücken gebaut. Nichts sei geschehen. Deshalb müsse ihn jetzt eine empfindliche Strafe treffen: „Was die Mutter an Zeit mit ihrem Kind verpasst hat, können Sie ihr nie wiedergeben.“ Die Staatsanwaltschaft hatte anderthalb Jahre Haft ohne Bewährung gefordert.

Wegen Fluchtgefahr wurde H. noch im Gerichtssaal festgenommen. Kindsmutter Christine U. aber war weit davon entfernt, den Richterspruch als Triumph zu empfinden. Sie brach weinend zusammen, stammelte immer wieder, jetzt werde sie ihre Tochter nie wiedersehen. Sie befürchtet, dass die Haftstrafe die Fronten so verhärtet, dass der Vater einer Rückkehr nie mehr zustimmen wird. Das muss er: Tunesische Männer haben in ihrer Heimat für Kinder das alleinige Sorgerecht, unabhängig davon, was deutsche Gerichte sagen.

In Tunesien bestimmen allein die Väter

Wenn ein tunesischer Mann wie Mohamed H. mit einer deutschen Frau in Deutschland ein Kind zeugt, hat dieses automatisch beide Staatsbürgerschaften: die deutsche und die tunesische. Sobald sich das Kind in Tunesien aufhält, erhält allerdings der Vater die alleinige elterliche Sorge. Denn dort sind die Väter traditionell die gesetzlichen Vertreter der Kinder. Sie sind es, die den Aufenthaltsort ihrer minderjährigen Kinder bestimmen dürfen.
Viele Mütter glauben, dass das deutsche Sorgerecht ihnen hilft, ihre Kinder zurückzuholen. Aber das ist ein Trugschluss. Deutsche Gerichtsentscheidungen, die der Mutter das Sorgerecht oder das Aufenthaltsbestimmungsrecht zusprechen, greifen in Tunesien nicht. jr

Der Urteilsspruch war das Ende einer langen Reihe verzweifelter Versuche der Mutter, die Tochter zurückzubekommen. Als sie einwilligte, das Kind für kurze Zeit wegzugeben, war die gerade einmal 20-Jährige von einer Schwangerschaftsdepression zermürbt, glaubte daran, dass ihr Freund, damals „die große Liebe ihres Lebens“, ihrer Beziehung tatsächlich Luft verschaffen wollte: „Ich habe einen Fehler gemacht und muss dafür vielleicht ein Leben lang büßen.“ Einmal noch war Christine U. in Tunesien: im September 2011, in dem naiven Glauben, ihre Tochter wieder mit nach Hause zu nehmen. H. und dessen Familie verweigerten ihr das Kind. Sie musste alleine zurück. Seitdem hat der 38-Jährige jeden Kontakt verhindert. Das letzte Foto kam vor zwei Jahren. Wie die Sechsjährige heute aussieht, wie sie spricht, weiß Christine U. nicht.

Dabei erkämpfte die junge Frau sich das alleinige Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht. Bis vor das Oberlandesgericht Celle ging der Streit um Nourhen. Sie gewann. Das Gericht glaubte dem Mann nicht, der mal angeblich kein Geld für die Flugreisen hatte, dann wieder die Großmutter mit ausfliegen lassen wollte, damit Nourhen ihre wichtigste Bezugsperson zumindest zu Beginn mit in Deutschland hat. Christine U. bot ihm an, selbst zu fliegen, bot ihm Geld für den Flug, wollte sich sogar darauf einlassen, dass das Kind zunächst nicht bei ihr, der fremden Mutter, sondern beim Vater wohnen würde. Selbst am Donnerstag kam vor Gericht noch einmal ein neuer Beschluss zur Sprache, demzufolge der Vater Nourhen mit Großmutter jetzt im Juni endlich zurückbringen will. „Sie würde alles mitmachen, um ihr Kind zurückzubekommen“, sagte Richter Freudenberg. Anwältin Sabine Meerjanssen bewahrte einen kühleren Kopf als ihre Mandantin. „H. geht sicher in Berufung. Er wäre gut beraten, wenn das Kind bis zum Termin zurück in Deutschland wäre“, sagte sie am Donnerstag.

Einsicht wirkt sich vor Gericht ja doch häufig positiv aus.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Neue Fotoausstellung im Sprengel-Museum

Unter dem Titel "Und plötzlich diese Weite" eröffnet am 10. Dezember im Sprengel Museum eine neue Ausstellung.