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Säure-Attentäter zu 12 Jahren Haft verurteilt

Prozess um Anschlag auf Vanessa Münstermann Säure-Attentäter zu 12 Jahren Haft verurteilt

Im Trennungsstreit schüttete der 33-jährige Daniel F. seiner Ex-Freundin Vanessa Münstermann Säure ins Gesicht. Die 27-Jährige ist für ihr Leben entstellt. Jetzt hat das Schwurgericht ein Urteil gefällt: F. wurde wegen absichtlicher, schwerer Körperverletzung zu einer Haftstrafe von 12 Jahren verurteilt.

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Das Opfer des Säure-Anschlags, Vanessa Münstermann, mit ihrem Anwalt Matthias Waldraff.

Quelle: Zgoll

• Schwurgericht verurteilt Säure-Attentäter zu 12 Jahren Haft

• Psychiatrischer Gutachter hält Angeklagten für schuldfähig

• Auch Staatsanwalt forderte 12 Jahre Haft für Daniel F.

• Anwalt spricht von Verätzungen an der Seele des Opfers

• Verteidiger hatten für siebeneinhalb Jahre Haft plädiert

Hannover. Im Prozess um die verheerende Säure-Attacke auf eine junge Frau hat das Schwurgericht den 33-jährigen Daniel F. zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren verurteilt. Er habe sich der absichtlichen, schweren Körperverletzung schuldig gemacht, sagte der Kammervorsitzende Wolfgang Rosenbusch. F. habe gewusst, dass der Industriereiniger "Rohrgranate" hochaggressiv ist und auf der Haut eines Menschen verheerende Schäden verursacht. Als er Vanessa Münstermann am frühen Morgen in Leinhausen auflauerte, habe er ihr die 96-prozentige Schwefelsäure völlig überraschend ins Gesicht geschüttet, um seine Ex-Freundin zu entstellen. Damit habe F. das Leben der gelernten Kosmetikerin auf "unerträglich schmerzhafte Weise" verändert und ruiniert.

Vanessa Münstermann (rechts) tritt als Nebenklägerin auf. Neben ihr ihr Anwalt Matthias Waldraff.

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Für das Opfer ziehe das Verbrechen einen "Rattenschwanz von Konsequenzen" nach sich, so Rosenbusch - von ständigen Schmerzen und starken körperlichen Einschränkungen über viele Krankenhausaufenthalte bis hin zu einer Senkung des Einkommensniveaus. Daniel F. sei voll schuldfähig, auch wenn bei ihm eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen Akzentuierungen vorliege. Eine Einweisung in die Psychiatrie komme für F. somit ebenso wenig infrage wie eine Sicherungsverwahrung nach Verbüßung der Haft.

Ein Säure-Angriff durch ihren Ex-Freund hat die linke Gesichtshälfte von Vanessa M. aus Leinhausen verätzt. Nach drei Wochen zeigt sich die 27-Jährige der Öffentlichkeit. 

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Ganz zum Schluss der Verhandlung erklärte Daniel F. in einer persönlichen Erklärung, nicht in Revision gehen zu wollen - ein sehr ungewöhnlicher Schritt. "Das war wohl seine Art, Entschuldigung zu sagen", meinte sein Verteidiger Benjamin Schmidt. Da die anderen Verfahrensbeteiligten ebenfalls auf das Einlegen von Rechtsmitteln verzichteten, ist das Urteil rechtskräftig. Vanessa Münstermann sagte nach der Verhandlung, sie sei froh, dass der Prozess endlich beendet sei. Auch die Höhe der Strafe für ihren ehemaligen Freund empfinde sie als angemessen.

Am Morgen hatte der psychiatrische Sachverständige Tobias Bellin im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hannover sein Gutachten vorgetragen; seiner Einschätzung nach ist Daniel F. voll schuldfähig. Anschließend plädierte Oberstaatsanwalt Marcus Preusse und forderte eine Haftstrafe von 12 Jahren für den Angeklagten. Überraschend ließ er den Vorwurf des versuchten Mordes fallen und beschränkte sich auf den Tatvorwurf einer schweren Körperverletzung.

Das Opfer, die schwer entstellte 27-jährige Vanessa Münstermann, saß dem Angeklagten in dem Verfahren als Nebenklägerin gegenüber. Ihr Anwalt Matthias Waldraff plädierte ebenfalls für eine Haftstrafe von 12 Jahren. In einem sehr emotionalen Plädoyer sprach er davon, dass F. die junge Frau durch sein herzloses, lügnerisches und feiges Verhalten in den Wochen und Monaten nach der Tat ein zweites Mal verletzt habe: "Damit haben Sie ihr nun auch noch massive Verätzungen an ihrer Seele zugefügt."

Daniel F.s Verteidiger Benjamin Schmidt sprach von einer "außergewöhnlich grausamen Tat", allerdings habe sein Mandant das Opfer nicht dauerhaft entstellen wollen. Ebenso wie Verteidiger Max Malpricht forderte er eine Haftzeit von lediglich siebeneinhalb Jahren für eine schwere Körperverletzung. Das letzte Wort vor dem Urteilsspruch hatte der Angeklagte. Unter Tränen sagte er, dass ihm der Säureangriff sehr leid tue und er wisse, dass er die Tat nie wieder gutmachen könne: "Mein Gewissen bringt mich um."

"Kein Tötungsvorsatz nachzuweisen"

"Dem Angeklagten ist kein Tötungsvorsatz nachzuweisen", sagte Oberstaatsanwalt Preusse in seinem Plädoyer. Es sei dem 33-Jährigen einzig und allein darum gegangen, seine frühere Freundin "hässlich zu machen" und ihren angeblich schlechten Charakter nach außen zu kehren: "Er wollte sie erniedrigen und entwerten." Im Ergebnis werde Vanessa Münstermann ihr Leben lang entstellt bleiben, habe mit einer erheblichen Verminderung von Hör- und Sehvermögen zu kämpfen und müsse mit vielen Folgeschäden rechnen: "Ihre gesamte Lebensplanung ist zerstört." Das bereits von F. überwiesene Schmerzensgeld von 50000 Euro könne nur eine Anzahlung sein, aber nicht im Entferntesten als Wiedergutmachung zählen und die Strafe verringern. Erschwerend komme hinzu, dass Daniel F. im Laufe des Prozesses niemals echte Reue gezeigt habe, ergänzte der Anklagevertreter.

"Die hübsche und lebensfrohe Vanessa ist tot"

Rechtsanwalt Waldraff lobte seine Mandantin, die dem Prozess gegen ihren Peiniger mit großer Härte und Disziplin beigewohnt habe. Doch solle man sich nicht täuschen: Die ehemals hübsche und lebensfrohe Vanessa sei tot. Die neue Vanessa leide jeden Tag unter ihrer schrecklichen Situation, wenngleich sie seit der Säureattacke viel Solidarität von Freunden wie Fremden erfahren habe. Ihr stehe ein noch Jahre währender Operations-Marathon mit vielen Schmerzen bevor, und das sei ebenso wie die Entstellung durch nichts wiedergutzumachen. "Wenn es hier einen bösen Charakter gibt", so schleuderte Waldraff dem Angeklagten entgegen, "dann sind das Sie und nicht Vanessa."

"Angeklagter kann nicht mit Trennungen umgehen"

Wie der psychiatrische Gutachter Bellin sagte, liegt bei Daniel F. keine bipolare Störung und keine Schizophrenie vor. Selbst wenn sich der Angeklagte eine "Fake-Persönlichkeit" namens Brian ausgedacht habe, um Verantwortung für gewisse Taten abzuwälzen, deute das nicht auf eine echte paranoide Störung hin. Der 33-Jährige habe seit seiner Kindheit Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten, habe schon früh "fantasievoll gelogen" und neige zu Narzissmus. Doch weise F. durchaus soziale Kompetenzen auf, zudem habe die Zahl der kriminellen Verfehlungen von F. wie Diebstähle, Beleidigungen und Körperverletzungen seit 2007 deutlich abgenommen. Er habe ein starkes Bedürfnis, beliebt zu sein; gutes Aussehen und Fitness seien ihm sehr wichtig. Möglicherweise habe der Angeklagte bei der Säureattacke im Hinterkopf gehabt, dass man eine gutaussehende Person für einen guten Menschen halte und eine entstellte Person für einen schlechten.

Auffällig sei, so der Sachverständige, seien die Schwierigkeiten des 33-Jährigen, mit Trennungen umzugehen. Sechs Frauen hätten sich in den vergangenen Jahren von F. losgesagt, und jedesmal habe der Angeklagte mit erheblichen Nachstellungen oder verbalen Drohungen reagiert. Körperliche Gewalt gab es dabei allerdings selten. "Der Angriff auf Vanessa Münstermann stellte alles Vorausgehende weit in den Schatten", sagte Bellin. Die Attacke sei wohl organisiert und geplant gewesen, von einer Handlung im Affekt könne keine Rede sein.

"In Deutschland ist solch ein Säureangriff eine Rarität"

"Der Angeklagte ist ohne Zweifel als schuldfähig anzusehen", bilanzierte Bellin, eine verminderte Steuerungsfähigkeit bei der Tat am 15. Februar dieses Jahres sehe er nicht. Zur Frage einer möglichen Sicherungsverwahrung erklärte der Gutachter, er halte F. auch künftig nicht für harmlos. Das Risiko, dass der 33-Jährige weitere Straftaten begeht, sei durchaus gegeben, insbesondere im Zuge von gescheiterten Beziehungen. Einen Hang, verheerende Verbrechen wie das Säureattentat zu begehen, sieht der Sachverständige allerdings nicht: "Und darum schätze ich die Gefahr der Wiederholung einer derart schweren Straftat auch als gering ein." Empirische Erfahrungen, ob Säureattentäter nach einem ersten derartigen Verbrechen enthemmt seien und sich nochmals auf ähnliche Weise an früheren Partnerinnen rächen würden, gebe es nicht: "In Deutschland ist solch ein Säureangriff eine Rarität, nur in Ländern wie Indien oder Bangladesch soll es so etwas häufiger geben."

Das müssen Sie über den Fall Vanessa wissen:

Die Tat:  Im Streit über die vorangegangene Trennung lauerte Daniel F. seiner Ex-Freundin im Februar vor ihrer Wohnung in Leinhausen auf und ihr schüttete ihr einen aus Schwefelsäure bestehenden Abflussreiniger ins Gesicht. Anwohner fanden das Opfer gegen 5.30 Uhr und alarmierten den Notruf. Während ein Rettungswagen Vanessa Münstermann in das Friederikenstift brachte, wo sie kurz darauf das erste Mal operiert wurde, begann die Polizei, nach dem Verdächtigen zu fahnden und nahm ihn kurz darauf fest. Das Opfer lag nach der Säureattacke zwölf Tage im künstlichen Koma, wurde sieben Wochen in der Medizinischen Hochschule behandelt und ist seither stark entstellt.

Das Geständnis: In seinem Geständnis zum Prozessauftakt hatte der Angeklagte geschildert, wie er der Kosmetikerin früh morgens an ihrer Wohnung aufgelauert und ihr industriellen Rohrreiniger ins Gesicht geschüttet hatte. Weil er sich von der jungen Frau erniedrigt fühlte, habe er sie hässlich machen wollen, sagte er zur Begründung. Das linke Ohr der Frau wurde fast weggeätzt, ein Auge hat nur noch zehn Prozent Sehkraft, eine Gesichtshälfte ist schwer vernarbt. Sein Motiv, so sagte er, sei Rache gewesen, nicht Eifersucht. 

Die Anklage:  Die Anklage legte dem 33-jährigen Daniel F. zunächst versuchten Mord zur Last, dafür könnte er zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Die Verteidigung hatte in der Verhandlung auf eine Einweisung des Mannes in die Psychiatrie hingearbeitet. Der Angeklagte sei seelisch krank und nur eingeschränkt oder gar nicht schuldfähig, hieß es zur Begründung.

Das Opfer:  Die gelernte Kosmetikerin Vanessa Münstermann leidet stark unter den Folgen des Anschlags. Bei ihrer Aussage vor Gericht wirkte sie zwar sehr selbstbewusst, brach aber auch häufig in Tränen aus. Ihre Verletzungen sind fürchterlich - und ihr steht noch ein jahrelanger Leidensweg bevor. Auf dem linken Auge hat sie nur noch zehn Prozent Sehkraft, sollte sich dort noch Säure verbergen, muss es entfernt werden. Die Rekonstruktion ihres Ohrs hat sie aufgrund der starken Schmerzen bei der Behandlung aufgegeben. Sie muss häufig eine Maske tragen, damit die Narben in Mund und Nase nicht nach innen wachsen, doch diese Maske bereitet ihr starke Beklemmungen. Etliche Phasen der Behandlung können frühestens in zwei Jahren fortgesetzt werden, ihr stehen noch zahlreiche Operationen bevor. Dank starker Medikamente, so erklärte die 27-Jährige, sei sie derzeit schmerzfrei. Sie bekommt Antidepressiva, wird nichtsdestotrotz von Alpträumen geplagt: "Nachts wache ich oft von meinem eigenen Schreien auf." Auch habe sie große Angst vor der Zukunft: "Welcher Arbeitgeber will mich denn noch?" Derzeit lebe sie von 720 Euro Krankengeld, werde auch von Eltern und Freunden unterstützt.

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Der angeklagte Daniel F. im Gerichtssaal.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Von Michael Zgoll

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