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Aus der Stadt Psychiater aus Heideviertel vor Gericht
Hannover Aus der Stadt Psychiater aus Heideviertel vor Gericht
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00:15 15.01.2016
Von Michael Zgoll
Psychiater Hans-Joachim R. (M.) mit seinem Verteidiger Jens Klinkert (r.).  Quelle: Kutter
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Hannover

Ein Psychiater und Psychotherapeut aus dem Heideviertel, der die Justiz in Hannover und Hildesheim seit Jahren beschäftigt und sich 2010 schon einmal in U-Haft befand, hat am Montag zum Auftakt eines Betrugsprozesses auf einer Anklagebank im hannoverschen Amtsgericht Platz genommen. Die Anklage wirft Hans-Joachim R. das Ausstellen falscher Gesundheitszeugnisse und Strafvereitelung vor; so soll der 67-jährige Mediziner einer Frau zu einer Berufsunfähigkeitsrente verholfen und zwei Straftätern wider besseres Wissen psychische Erkrankungen bescheinigt haben. Doch weil sich der wegen Beihilfe angeklagte Walter N. (60) kurzfristig krankgemeldet hatte, setzte das Schöffengericht unter Vorsitz von Lars Römermann das Verfahren aus und terminierte neu – dieses Mal ab Mitte August.

Die drei Fälle am Amtsgericht sind offenbar nur die Spitze eines Eisbergs von Gefälligkeitsgutachten oder völlig falschen Expertisen, mit denen sich Doktor R. ein erkleckliches Zubrot verdiente. Am Landgericht Hildesheim wird nach Auskunft von Presserichter Felix Muntschick innerhalb der nächsten vier Monate ein Verfahren gegen den Psychiater anberaumt, in dem es ebenfalls um mehrfachen Betrug geht. So soll R. einem durchaus arbeitssamen Ehepaar eine Berufsunfähigkeit bescheinigt haben, woraufhin die beiden von einer Versicherung Leistungen im sechsstelligen Euro-Bereich kassierten. Der Schaden, den die falschen Atteste von R. in insgesamt sechs Fällen verursachten, liegt laut Staatsanwaltschaft bei 530 000 Euro. Allerdings gibt es ein Problem, das jetzt in Hannover wieder auftritt: Bereits 2011 war in Hildesheim ein erster Prozess geplatzt, weil sich ein mitangeklagter Patient ständig krankmeldete.

Im jetzt in Hannover anstehenden Verfahren hat die Sachverständigen-Tätigkeit von Hans-Joachim R. und Walter N. laut Anklage insbesondere die Deutsche Rentenversicherung geschädigt. So bescheinigte der Psychiater einer Altenpflegerin 2008 eine schwere Depression, die eine vollständige Erwerbsunfähigkeit zur Folge habe – nicht nur eine 25-prozentige Minderung, wie bereits früher anerkannt. In der Expertise, von N. aufgezeichnet und von R. unterschrieben, wurde behauptet, dass „keine Bedingungen“ vorstellbar seien, unter denen die Patientin ohne Gesundheitsgefährdung einer längeren Erwerbstätigkeit nachgehen könne; die Rede war auch von frühem sexuellen Missbrauch und Suizidrisiken. Auf dieser Basis erkannte die Rentenversicherung 2009 die Klageforderung an. Den Gutachtern billigte das Gericht ein Honorar von gut 1200 Euro zu.

Erst später kam heraus, dass Walter N. überhaupt kein Mediziner, sondern nur Unternehmensberater und wegen Betrügereien mehrfach vorbestraft ist. Die Altenpflegerin soll ausgesagt haben, für das Gefälligkeitsgutachten 1500 Euro gezahlt zu haben. Laut Staatsanwaltschaft war die Frau noch nie wegen Depressionen in ärztlicher Behandlung, auch sei eine fachgerechte Therapie durch Dr. R. höchst zweifelhaft.

Ein zweiter Fall, über den Richter Römermann und die Schöffen zu verhandeln haben, dreht sich um eine Frau, die 2010 wegen gewerbsmäßigen Diebstahls von Medikamenten im Wert von 52 500 Euro angeklagt war. Sie wartete mit einem Gutachten von R. auf, der ihr krankhafte Kleptomanie und Steuerungsunfähigkeit bescheinigte. Später allerdings zerpflückte ein renommierter Psychiater die Expertise des 67-Jährigen aus dem Heideviertel, der auch als „christlicher Seelsorger“ und Experte für Naturheilverfahren und Botox-Faltenbehandlung auftritt – von Kleptomanie könne keine Rede sein. Die Frau wurde zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen verurteilt.

Im dritten Fall schließlich bescheinigten R. und N. einer verurteilten Brandstifterin und Versicherungsbetrügerin eine schwere Depression, um sie – nach massiven Verstößen gegen Bewährungsauflagen – vor dem Antritt einer Haftstrafe zu bewahren. Doch das auf einem unhaltbaren Gutachten basierende Gnadengesuch wurde abgelehnt, die Frau musste die Strafe antreten.

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