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Warten auf eine Psychotherapie nimmt kein Ende

Therapeuten erbost über neue Richtlinie Warten auf eine Psychotherapie nimmt kein Ende

Seit dem 1. April sollen Psychotherapeuten mindestens 200 Minuten pro Woche für Terminvereinbarungen telefonisch erreichbar sein. In der Konsequenz haben sie noch weniger Zeit für Patienten. Viele Psychotherapeuten sind erbost über eine neue Richtlinie, die eigentlich seelisch Kranken schneller Zugang zu einer Therapie eröffnen soll.

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Bisher ist die Suche nach einem Psychotherapeuten schwierig, weil die meisten ausgebucht sind. Ob neue Telefonzeiten und Sprechstunden und Akuttherapie dies ändern, ist umstritten. 

Quelle: Marijan Murat

Hannover. Seit Anfang April müssen die Therapeuten zu festen Zeiten telefonisch für Terminabsprachen erreichbar sein. Neu ist auch eine Sprechstunde, in der Psychotherapeuten vor einer Therapie den Therapiebedarf des Klienten einschätzen. Ist ihre Situation dringlich, bekommen Betroffene kurzfristig zumindest eine verkürzte Akutbehandlung.

„Ich bezweifle, dass das möglich ist. Bei den Patienten werden Erwartungen auf schnelle Hilfe geweckt, die sich wahrscheinlich nicht erfüllen lassen“, befürchtet der erfahrene Therapeut Heiner Hellmann. Denn die neu eingeführten Angebote gehen von der Arbeitszeit ab, die die Fachleute bisher für die eigentlichen Therapien aufwenden. Am Ende, so Hellmanns Befürchtung, verlängert sich für die meisten Patienten die Wartezeit auf eine reguläre Therapie.

Dabei dauert die Suche nach einem Psychotherapeuten schon bisher lange, oft viel zu lange für einen seelisch angeschlagenen Menschen, den vielleicht Angst­zustände, Panikattacken oder Schlafstörungen quälen. Die Wartezeit beträgt drei Monate und vielfach auch länger, Hellmann. „Das tut der psychischen Gesundheit nicht gut, denn in dieser Zeit kann ein seelisches Leiden sich verfestigen“, sagt der Vorsitzende des Landesverbands Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (VPP).

Zum Telefondienst verdonnert

Als Selbstständige ohne Angestellte sehen sich die Psychotherapeuten mit Kassenzulassung nun zu Telefonbereitschaft verdonnert, die sie nicht einmal bezahlt bekommen. Bei gut drei Stunden Telefondienst und eineinhalb Stunden Erstsprechstunde pro Woche kommt einige Zeit zusammen. Anrufbeantworter, mit denen sich Therapeuten bisher behalfen, sind tabu. Hellmann überlegt, ob er während des Telefondiensts seine Buchhaltung erledigt. „Wir müssen jetzt am Telefon in Rufbereitschaft ausharren. Einen Patientenbericht, der Konzentration erfordert, kann ich in dieser Zeit nicht schreiben.“

Therapeut Berndt Zuschlag hat bereits Angebote von diversen Callcentern für 300 Euro im Monat bekommen. Sein Verdienstausfall, wenn er selbst am Telefon sitzt, liege deutlich höher, haben die Anbieter ihm vorgerechnet. „Aber dann hätten die Patienten jemanden am Telefon, der keine Ahnung hat.“ Zuschlag passt die gesamte Reform nicht. Die psychotherapeutische Sprechstunde zur Diagnose sieht er kritisch. „Die Kassen wollen, dass wir aussieben und den Patienten bescheinigen, eine Paarberatung oder Sport reichten aus, um ihr Problem zu lösen.“ Das spare den Kassen Geld. „Außerdem können wir für Patienten jetzt nur noch weniger Therapie anbieten, weil wir unsere Stunden sinnlos vergeuden.“

Schnelle Lösungen sind selten

Gesetzgeber und Kassen hofften, dass durch das abgestufte Verfahren der Bedarf für längere Therapien abnehme, sagt auch Heiner Hellmann. Grundsätzlich begrüßt der Landesverbandsvorsitzende die therapeutische Sprechstunde zur Diagnose und auch die Akutbehandlung, die allerdings niedriger honoriert wird. „Der Vorteil liegt darin, dass wir mit einer Akutbehandlung jetzt sofort beginnen können, ohne auf eine Bewilligung der Kasse zu warten.“ Allerdings geht Hellmann davon aus, dass sich psychische Probleme nur selten schnell lösen lassen. Und nach der Akutbehandlung folge eine nun längere Wartezeit. „Viele Kollegen sind schlicht ausgebucht. Wir bräuchten eigentlich doppelt so viele Therapeuten in Deutschland.“

Neue Regeln gelten ab 1. April

Einen schnelleren ersten Kontakt zum Psychotherapeuten soll eine neue Regelung ebnen, die seit 1. April gilt. Damit Patienten nicht mehr so lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, sollen Psychotherapeuten mindestens 200 Minuten pro Woche für Terminvereinbarungen telefonisch erreichbar sein. Die Psychotherapie-Richtlinie sieht außerdem vor, dass die Fachleute 100 Minuten pro Woche eine psychotherapeutische Sprechstunde anbieten. Im Gespräch soll der Psychotherapeut innerhalb von 50 Minuten erkunden, ob der Klient tatsächlich eine Therapie braucht, eine erste Diagnose stellen und eine Behandlung empfehlen. In dringenden Fällen rät er zur Akutbehandlung. Die neu eingeführte Akutbehandlung beginnt maximal 14 Tage nach dem Erstgespräch. Sie umfasst maximal zwölf Sitzungen à 50 Minuten oder 24 Sitzungen à 25 Minuten.

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