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So erlebte Hannover die Wahlnacht

Public Viewing in der Cumberlandschen So erlebte Hannover die Wahlnacht

Diesen Wahl-Ausgang haben wohl die wenigsten erwartet: Bei Popcorn und Hotdogs verfolgten mehr als hundert Hannoveraner die Präsidentschaftswahlen in den USA in der Cumberlandschen Galerie. Dabei waren es nicht nur die Politikfreaks, die sich für die Wahl interessierten.

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Dutzende verfolgten die spannenden Wahlnacht in der Cumberlandschen Galerie.

Quelle: Körner

Hannover. Anna kichert. Mit langen blonden und mittelgescheitelten Haaren steht sie vor der Hamburger-Braterei Jim Block am Kröpcke, gleich will sie einen New York Cheese bestellen, im Menü für 8,60 Euro. Maria ist auch da am späten Vormittag nach der Trump-Wahl. Obwohl: Ist nicht Schule? Maria guckt, als wäre Schule, aber heute für sie beide eben nicht. Heute ist alles egal. Heute ist Trump-Tag.

Am Morgen haben sie tatsächlich in einem Riesenelektronikmarkt Fernsehen geguckt. Der neue Präsident kam winkend auf eine Bühne. Wie fanden sie das? „Seine Frau hat was machen lassen“, glaubt Anna. Also chirurgisch. Dazu die kurzen Röcke der Frauen, die mit dem Typ kamen, der vor Trump am Pult stand, Pence, genau, der Vizepräsident. Und sonst? Trump als Sieger, ist das okay? Marie sagt: „Weiß nicht, die Leute haben ihn gewählt, dann ist er Präsident.“

Bei Popcorn und Hotdogs verfolgten mehr als hundert Hannoveraner die Präsidentschaftswahlen in den USA in der Cumberlandschen Galerie.

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Der Wahl in den USA konnte am Mittwoch niemand entgehen. Donald Trump war Gesprächsthema wie die Mondlandung. Ein Einschlag, den die meisten nicht für möglich hielten. Man wusste, dass es diesen krakeelenden Milliardär gibt, so wie die Apollo-Rakete abgehoben hatte, aber erst, als man auf flackernden Schwarz-Weiß-Bildschirmen ein in den Boden gerammtes Sternenbanner ahnen konnte, gewöhnten sich die Menschen an den Gedanken, dass dieses Ereignis wirklich stattgefunden hatte. Amerika war auf den Mond gekommen. Nun betritt Donald Trump Washingtons Boden.

Gegen 7 Uhr am Morgen erreicht Berufspendler am Hauptbahnhof die Gewissheit, dass ein republikanischer Sieg nicht mehr zu verhindern ist. Das ist eine Überraschung auch für diejenigen, die sich nur nebenbei mit dem Duell in Übersee beschäftigten. Für Robert Helisch zum Beispiel: „Dass Trump wirklich gewinnt, hätte ich nicht gedacht.“ Er denkt, dass der republikanische Präsident das Bild von Amerika in der Welt stark verändern wird. Auch Saskia Gandyra hat den Wahlkampf verfolgt. Sie hätte Hillary gewählt. „Sie wollte viele Dinge wie Obama machen, das hätte ich gut gefunden.“

Die gesenkten Blicke etlicher Reisender gelten Nachrichtenseiten auf ihren Smartphones. Politik vertreibt Zeit. Ungläubig lesen viele vom Sieg des Republikaners, andere haben alles kommen sehen. „Ich habe mir schon gedacht, dass Trump am Ende doch gewinnen wird“, sagt Pascal Koch. Jetzt müsse man schauen, wie er die Versprechungen, die er den Amerikanern gemacht hat, umsetze. Eine Mauer zu Mexikos Grenze zu errichten, war eine dieser verbalen Großtaten. Horst Schmiedchen und Walter Schmidt beschäftigt eine andere, entscheidende Frage. Es ist eine Frage, die sich am Mittwoch um den Globus verbreitet, eine Frage, die sich Millionen Menschen stellen. Sie lautet: „Wie kann es sein, dass es jemand wie Trump geschafft hat, Präsident zu werden?“ Die Stapel in den City-Buchläden hätten wohl Antworten parat. Gestern standen Titel mit Analysen zu Trump oft deutlich präsenter als Bände, die sich mit Hillary Clintons Weg beschäftigten.

Eine Antwort zur Schmiedchen/Schmidt-Frage bietet Rechtsanwalt Ulrich von Jeinsen in Hannover an. Er ist ebenfalls Präsident, wenngleich vom niedersächsischen Ableger des Deutsch-Amerika-Klubs Amcham. Wenig Schlaf, viel Fernsehen, so verbrachte er die Nacht zu Mittwoch. Das Ergebnis überraschte ihn, auch in der Deutlichkeit. Seine Erklärung ein paar Stunden nach der Wahl: „Man hat gesehen, wie gut Populismus in der Bevölkerung ankommt.“ Populismus bedeutet, dass Politiker Leuten erzählen, was sie gerne hören wollen, auch wenn diese Erzählungen keine Probleme lösen. Ein Bildungsproblem, glaubt von Jeinsen. Politische Bildung sei in den USA wohl nötiger als in Deutschland.

Weil der Rechtsanwalt gleichzeitig Honorarkonsul von Mexiko ist, sorgt er sich nun auch noch um das Nachbarland der USA. Der künftige Präsident hatte sich mehr als einmal abfällig über deren Bewohner geäußert, die ihre Güter zu einem Großteil im Trump-Land verkaufen. Bisher jedenfalls. Mexiko ist zugleich Partnerland der Hannover-Messe 2018. Man könnte dort einiges zu besprechen haben, zum Beispiel, „wie sich das Land neue Märkte erschließen muss“. 

#whatsupAmerica" in der Leibniz-Uni

6.30 Uhr. Früher Mittwochmorgen in der Leibniz Universität, draußen weicht langsam die Nacht. „What’s up America?“, fragt die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, und darüber wollen 50 Männer und Frauen diskutieren. Zu diesem Zeitpunkt hat Donald Trump noch nicht genug Wahlmänner auf seiner Seite, aber es sieht schon so aus, als müsste Hillary Clinton dem verhassten Republikaner bald anrufen und gratulieren. Bei Kaffee und Donuts macht wieder die Schmiedchen/Schmidt-Frage die Runde: Wie konnte das bloß passieren? Die Stimmung ist ernüchtert. 

Der Politikwissenschaftler Benjamin Engst spielt, wenig wissenschaftlich, mit der Idee der Realitätsverweigerung. Decke über den Kopf und warten, bis das Schlimmste vorbei ist. „Ich möchte am liebsten wieder ins Bett gehen“, sagt er, natürlich ist das ein Scherz. 50 Menschen verfolgen gleichzeitig in Livestreams, ob die Ergebnisse der letzten Bundesstaaten hereingekommen sind. Engst stellt kompakt das amerikanische Wahlsystem vor und analysiert, was an Daten vorliegt. Er spricht über die gesellschaftliche Spaltung in den USA, die große Unsicherheit bei den Umfrageergebnissen und Wahlkreise, die aus strategischen Gründen immer größer zugeschnitten worden seien. Um 7.40 Uhr ist dann im Hörsaal wohl den meisten klar: Hillary Clinton hat keine Chance mehr. Entsetzen im Raum. Der Donald ist gelandet. 

Viele Gäste der Stiftung treibt die Frage um, welche Auswirkungen das Ergebnis auf Deutschland haben könnte. „Wir haben die Wahl die ganze Nacht live verfolgt und gehofft, dass der Abstand zwischen Trump und Clinton kleiner wird“ – aber was sich der Politikstudent Yannic Peper wünscht, tritt nicht ein. Vernunftdenken aus dem Hörsaal einer deutschen Universität ist meist nicht identisch mit Frust, Ressentiments und Existenzängsten etliche Flugstunden entfernt. Yannic Peper kann das Ergebnis nicht nachvollziehen. Fassungslos ist auch das Ehepaar Sosnowski. „Dass ein Mensch mit solchen Äußerungen an die Macht kommt, das ist unglaublich. Ich fürchte, dass diese Wahlkampfführung auch bei uns irgendwann ankommen wird“, erzählt Wolfgang Sosnowski.

Aber so weit ist es noch nicht. Sagt Politikwissenschaftler Benjamin Engst. Wahlkampf in den USA lebe vom „negative campaigning“, dies funktioniere in der Tragweite hierzulande so noch nicht. Trotzdem werde es Änderungen auch in deutschen Wahlkämpfen geben. „Es wird immer mehr darauf ankommen zu gucken, wo die unsicheren Wählergruppen liegen, und diese anzusprechen.“ 

In der Cumberlandschen Galerie räumen Helfer inzwischen die letzten Reste vom Fest auf, das keines wurde. Das Schauspielhaus hatte zum Public Viewing des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eingeladen, mit Hotdogs und Popcorn und die Nacht hindurch. Bis zu 100 Gäste kamen, aber nur der harte Kern von zwölf Leuten saß am Morgen noch immer vor der Großbildleinwand. Für die leitende Dramaturgin am Schauspielhaus, Judith Gerstenberg, beginnt nun ein normaler Arbeitstag. „Für uns geht es um 10 Uhr weiter mit den Proben. Das wird sehr sportlich.“ 

Im Rathaus liegt auch Oberbürgermeister Stefan Schostok mit seiner Prognose falsch. Einen Sieg von Trump hätte er nicht für möglich gehalten. Schostok beobachtete im Wahlkampf einen Populisten, der Stimmen von Wählern holte, die sich vom Regierungssystem abwandten. Schostok meint: „Diese Tendenz in unserer Demokratie müssen wir noch sehr viel ernster nehmen.“

Von Anna Beckmann, Julia Polley und Gunnar Menkens

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