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Rauchst du schon, oder arbeitest du noch?

Verqualmte Zeit Rauchst du schon, oder arbeitest du noch?

Rauchst du schon, oder arbeitest du noch? Was tun mit den Mitarbeitern? Müssen sie die verqualmte Zeit nacharbeiten? Ein Blick in den Nebel.

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Quelle: Nancy Heusel (Symbolbild)

Weißer Rauch wird nicht aufsteigen, wenn die Richter am Arbeitsgericht Hannover die Frage entscheiden, ob die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft Niedersachsen-Bremen zwei Mitarbeiter abmahnen durfte, die sich für die Zeit ihrer Raucherpause nicht ausgestempelt hatten. Doch das Urteil hat eine Tragweite über die Rauchergemeinde hinaus. Schließlich wird das Gericht die Frage der Gleichbehandlung von Rauchern und Nichtrauchern beantworten müssen. Was unterscheidet die Zigarette zwischendurch vom Becher Kaffee, den sich ein Mitarbeiter während der Arbeitszeit holt?

Bei den Bürgern gehen die Meinungen über das Rauchen am Arbeitsplatz weit auseinander. Einem Aufruf dieser Zeitung folgend haben Leser das Thema aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Dabei sprach sich zwar eine Mehrheit für Zwischenpausen aus, die meisten waren aber der Meinung, dass rauchende Mitarbeiter dafür ausstempeln sollten. Uneinigkeit herrscht über die Frage, wie viele Minuten die rauchenden Mitarbeiter pro Tag weniger arbeiten als Nichtraucher. Christian Hacke beziffert die Abwesenheit vom Arbeitsplatz auf 80 Minuten pro Tag. Ein Mitarbeiter der Norddeutschen Landesbank, der anonym bleiben möchte, setzt aufgrund der langen Wege in den Gebäuden der Nord/LB eine Stunde täglich pro Raucher an. Im Internet rechnet der Nutzer „leibniz“ hingegen vor, bei den im aktuellen Prozess beanstandeten 21 Stunden verpasster Arbeitszeit handele es sich lediglich um ganze neun Minuten pro Tag.

Beide Seiten versuchen ihre Argumente wissenschaftlich zu unterfüttern. Die Hauptvertrauensperson der schwerbehinderten Menschen im Innenministerium, Sabine Israel, schreibt, Raucherpausen stellten für den Körper keine Erholung dar. Dagegen verweist Hubertus Kleinauf-Wegener auf eine Studie, derzufolge Raucher besser in die Firma integriert seien als Nichtraucher. Er bleibt aber einen Nachweis schuldig.
Das Thema emotionalisiert: Ein Raucher sieht sich als Teil einer „verfolgten Minderheit“, ein anderer fühlt sich „schikaniert“. Internetnutzer „Schechow“ sieht dagegen eine Diskriminierung der Nichtraucher. Er regt klare gesetzliche Regelungen zum Rauchen am Arbeitsplatz an.

Vereinzelt wird der Versuch unternommen, Rauchen als Arbeit darzustellen. So gibt Tobias Rohde zu bedenken, dass sich „Mitarbeiter während der Raucherpause über arbeitsrelevante Themen unterhalten“. Er stellt Zigarettenpausen mit anderen Unterbrechungen gleich. Ein Nutzer beobachtet täglich an seinem Arbeitsplatz, wie „Kaffeetrinker auf dem Gang stehen und quatschen“, wodurch sie sich genauso verhielten wie die Raucher. Dagegen wendet Christian Hacke ein, dass der Pott Kaffee am Arbeitsplatz getrunken werde, wo der Mitarbeiter auch erreichbar sei.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) plädiert für einvernehmliche Lösungen auf Unternehmensebene. „Wir sprechen uns für eine kulante Handhabung aus“, sagt DGB-Sprecherin Tina Kolbeck. Im Vordergrund stehe aber der Nichtraucherschutz. Der Kommunale Arbeitgeberverband Niedersachsen gibt seinen Mitgliedsunternehmen keine Empfehlungen. „Wir bekommen in dieser Angelegenheit aber auch kaum Anfragen“, teilte ein Sprecher mit.
Geht man nach den Erfahrungen, die die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover mit dem Thema Rauchen am Arbeitsplatz gemacht hat, dann werden Fragen rund um den Glimmstängel in den Betrieben weit weniger kontrovers diskutiert als es der Prozess vor dem Arbeitsgericht erscheinen lässt. „Wir haben bisher keinerlei Anfragen aus Betrieben zu dem Thema“, sagt IHK-Jurist Marc Weigand. „Wir gehen davon aus, dass die Betriebe die Probleme intern regeln.“

Einen Grund dafür sieht Weigand in der auch von den HAZ-Lesern diskutierten Kaffeepott-Analogie. „Würde der Arbeitgeber festlegen, dass Raucher ausstempeln müssen, könnten Arbeitnehmer darin eine Ungleichbehandlung sehen.“ Sprich: Warum darf der Kaffeetrinker seinem Genuss während der Arbeitszeit frönen, der Raucher seinem aber nicht? Wer also eine Pflicht zum Ausstempeln ausspricht, begibt sich auf rechtlich unsicheres Terrain, sagt Weigand. Also zeigt man sich vorsichtshalber kulant. Catharina Daues von den Unternehmerverbänden Niedersachsen sieht die Rauchpause wie auch den Gang zu Toilette als Normalität im Arbeitsalltag.

So kommt es, dass kaum ein Unternehmen seine rauchenden Mitarbeiter besonders hart an die Kandare nehmen will. Wie bei der Nord/LB, Volkswagen Nutzfahrzeuge oder der Hannover Rück lässt auch Continental seine Angestellten ungestempelt rauchen. „Wir vertrauen unseren Mitarbeitern, dass sie ihre Zeit richtig einteilen“, sagt Unternehmenssprecherin Antje Lewe. Wie viele andere Unternehmen hält Continental weiterhin Raucherräume bereit, in die sich die Kollegen zurückziehen können.

Das tut die Polizeidirektion Hannover seit einigen Jahren nicht mehr. „Wer rauchen möchte, muss dafür vor die Tür gehen“, sagt Sprecher Stefan Wittke. Doch wie im Rest der Gesellschaft sei auch bei der Polizei die Anzahl der Raucher in den vergangenen 20 Jahren stark zurückgegangen.

Ob der Qualm sich im Betrieb zum Konfliktthema auswächst, hänge sehr von der Kulanz des Arbeitgebers ab, sagt Brit Schlichting vom Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Uni Hannover. Häufig aber steckten hinter Reibereien ums Rauchen eigentlich andere, etwa arbeitsorganisatorische Konflikte. „Dann streitet man sich quasi stellvertretend ums Rauchen.“

Sören Hendrik Maak 
und Felix Harbart

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