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Aus der Stadt Reaktionen auf Einschränkung des Elternwillens sind gespalten
Hannover Aus der Stadt Reaktionen auf Einschränkung des Elternwillens sind gespalten
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23:40 18.08.2010
Von Bärbel Hilbig
Welche Schullaufbahnempfehlung haben die Kinder? Lehrerin Angela Geißler und ihre Kollegen an der Lutherschule wollen das in den ersten Schulwochen gar nicht wissen – damit sie die Schüler wie hier in der Klasse 5c möglichst unvoreingenommen beurteilen können. Quelle: Nico Herzog
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Für Astrid Wehly ist der ärgste Stress nun erst einmal überstanden. Ihre Tochter hat die Versetzung in die siebte Klasse am Gymnasium geschafft – trotz Realschulempfehlung. Es stand gar nicht zu befürchten, dass das Mädchen sitzenbleibt. In Mathe, dem Fach, dass ihr die in der Grundschule in die Quere gekommen war, arbeitete sie sich in der fünften Klasse auf die Note Zwei hoch. Doch die 13-Jährige wusste, dass sie im Fall des Sitzenbleibens in der sechsten Klasse, anders als Kinder mit Gymnasialempfehlung, womöglich von der Schule geflogen wäre.

„Das löst Ängste aus. Wenn sie mal eine Fünf geschrieben hatte, fragte sie als erstes, ob sie jetzt von der Schule muss“, erinnert sich Wehly. Sie hat viel mit ihrer Tochter gelernt, hat gleichzeitig versucht, keinen Druck aufzubauen. „Der Wechsel an die Realschule wäre kein Drama.“ Doch die Mutter ist davon überzeugt, dass viele Kinder Zeit brauchen zur Entwicklung. Und so, wie ihre Tochter sich manches zweimal erklären lassen muss, gehe es auch anderen Schülern. „Ich habe den Eindruck, 20 Prozent der Kinder schaffen es locker am Gymnasium, der Rest arbeitet richtig.“

Wehly kann dem neuen Plan der Landtagsfraktionen von CDU und FDP deshalb nichts abgewinnen: Den Schulen soll die Möglichkeit gegeben werden, Kinder bei mangelnder Leistung bereits nach der fünften Klasse gegen den Willen ihrer Eltern auf eine niedrigere Schulform zu schicken. „Eine Entscheidung nach der fünften Klasse ist viel zu früh. Das würde den Druck noch mehr erhöhen.“

Der freie Elternwille bei der Schulwahl sei in Niedersachsen gute Praxis, die weitergeführt werden sollte, sagt Nikolaus Lange, Elternratsvorsitzender der Schillerschule. „In jedem Fall darf solch eine grundlegende Veränderung, wie jetzt angedacht, nicht auf die Schnelle und ohne breite Zustimmung erfolgen.“ Auch Barbara Ernst, Elternratsvorsitzende des Kurt-Schwitters-Gymnasiums, wünscht sich keine bayerischen Verhältnisse in Niedersachsen. Dort haben die Eltern keine Mitsprache. „Wir haben dort zahlreiche Freunde. In der dritten und vierten Klasse waren ihre Wochenenden vom Lernen bestimmt, damit das Kind es aufs Gymnasium schafft.“

Die Situation in Niedersachsen eröffne mehr Möglichkeiten. „Die meisten Kinder mit Realschulempfehlung kommen gut auf dem Gymnasium zurecht.“ Doch Barbara Ernst geht auch davon aus, dass es vereinzelt für Kinder auch besser sein könnte, bereits nach einem Jahr Gymnasium oder Realschule wieder zu verlassen. „Kinder leiden, wenn ihnen immer vorgeführt wird, dass sie zu den Schlechtesten gehören.“ Damit liegt Ernst auf einer Linie mit zahlreichen Lehrern.

Die Lutherschule hat vergangenes Schuljahr fünf von rund 120 Kindern nach der sechsten Klasse an die Realschule überwiesen. „Viele Kinder entwickeln sich weiter. Aber manche sind von Anfang an hoffnungslos überfordert“, sagt Mathelehrerin Angela Geißler. Für diese Schüler, da ist sich Geißler mit anderen Klassenlehrerinnen des Nordstädter Gymnasiums einig, wäre eine frühe Entscheidung besser. Den Lehrerinnen begegnen Kindern mit Magenschmerzen, die sich bereits im ersten Jahr am Gymnasium quälen. „Wir beraten die Eltern. Manche wollen es aber einfach nicht wahrhaben“, sagt Schulleiter Karl-Heinz Heinemann. Für die Lehrer wäre es eine zusätzliche Handlungsmöglichkeit, wenn der Schulwechsel nach der fünften und nach der sechsten Klasse gegen den Wollen der Eltern möglich wäre.

Helma Kaienburg sieht das völlig anders. „Es wäre viel zu früh, Kinder nach einem Jahr schon wieder wegzuschicken. Ich finde das brutal.“ Die Tellkampfschule setzt auf Förderung: Alle Kinder bekommen individuell Rechtschreibaufgaben, die bei ihren speziellen Problemen ansetzen. Einwandererkinder zeigten mündlich oft gute Leistungen, hätten schriftlich aber Nachholbedarf, sagt Schulleiterin Kaienburg. Je nach Bedarf und nach den Möglichkeiten der Schule gibt es auch Unterstützung in Englisch und Mathe. „Wir versuchen wirklich, die Kinder mitzunehmen.“ Mit mehr Geld und Lehrerstunden wäre es deutlich häufiger möglich, Sitzenbleiben oder Schulwechsel zu verhindern. Doch eine zwangsweise Abschulung, für die wenigen, die tatsächlich nicht mitkommen, sei keine Lösung. „Man muss in diesen Fällen die Kraft aufbringen, die Eltern von einem Schulwechsel zu überzeugen. Der Zwang schwebt sonst wie ein Damoklesschwert über allen Kindern mit Realschulempfehlung.“

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