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Aus der Stadt Gartenbauschule startete vor 125 Jahren
Hannover Aus der Stadt Gartenbauschule startete vor 125 Jahren
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20:09 20.06.2018
Gedenkstätte Ahlem Quelle: Bittner, Region Hannover
Hannover

Wenn Iftach Shachar von seinem Großvater erzählt, ist der Stolz in seiner Stimme unüberhörbar. Als Shlomo Weinberg-Oren 1936 im Kibbuz Yagur bei Haifa ankam, bestand die Gemeinschaftssiedlung erst gut zehn Jahre. Der Gartenarchitekt prägte den Kibbuz nachhaltig, verwandelte den trockenen Ort in eine Ansammlung von grünen Gärten. „Die Kibbuz-Bewohner waren arm und hatten kaum zu essen“, berichtet Iftach Shachar. Dennoch sei es seinem Großvater nicht einfach um Luxus gegangen. „Wenn du in einer Blechhütte unter sengender Sonne lebst, ist ein Garten die einzige Zuflucht.“

Das Handwerkszeug für seine Arbeit hatte Shlomo Weinberg-Oren in Hannover gelernt, wo er sich von 1906 bis 1909 in der Gartenbauschule Ahlem zum Gärtner ausbilden ließ. In der Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem, wie sie zunächst hieß, erlernten jüdische Jugendliche Gartenbau und weitere praktische Berufe wie Schuhmacher, Schneider und Hauswirtschafter. In einer Volksschule für Mädchen und Jungen orientierten die Lehrer bereits Kinder im „Handfertigkeitsuntericht“ auf praktische Arbeit. Die Ausbildungsstätte, ab 1919 als Israelitische Gartenbauschule Ahlem bekannt, erwarb sich international einen Ruf: Die Absolventen gingen in alle Welt, viele nach Nord- und Südamerika oder Palästina, und machten Ahlem durch ihre Arbeit bekannt.

Shlomo Weinberg-Oren, arbeitete noch einige Jahre in Deutschland und besuchte auch die Höhere Gartenbauschule Dresden-Pillnitz. Sein Enkel lebt noch heute in Yagur, die Siedlung galt lange als der größte Kibbuz in Israel. Weinberg-Oren plante noch mehr als 40 Kibbuz-Gärten, außerdem öffentliche Parks in Israel. Die Gartenbauschule Ahlem schlossen die Nationalsozialisten 1942 und verwandelten sie Schule in eine Sammelstelle für Deportationen, ein Gefängnis und eine Hinrichtungsstätte. Die Gedenkstätte Ahlem dokumentiert die Geschichte des Orts.

Die Gründung der Gartenbauschule in Ahlem liegt jetzt 125 Jahre zurück. Zum Jubiläum veranstaltet die Gedenkstätte Ahlem gemeinsam mit der Leibniz-Universität am Freitag eine wissenschaftliche Tagung mit Experten aus Israel, Russland und Deutschland. Dabei geht es um die Gründung von Ausbildungsstätten für Juden im 19. und 20. Jahrhundert. Die Einrichtungen zielten auf handwerkliche Berufe, die Juden zuvor lange verschlossen waren. „Erstmals wird die Gartenbauschule Ahlem in einen größeren historischen Kontext gestellt, um ihre Bedeutung für die Berufsumschichtung der Juden in Deutschland präziser einzuordnen“, erklärt Stefanie Burmeister, Leiterin der Gedenkstätte Ahlem. Iftach Shachar berichtet auf der Tagung von seinem Großvater.

Der hannoversche Bankier Moritz Simon verfolgte bei der Schulgründung 1893 noch das Ziel, die in Ahlem ausgebildeten Gärtner in Deutschland zu halten. Mit seiner Schule wollte er gegen antijüdische Stimmung und Ressentiments angehen. Doch mit der zunehmend bedrohlichen Lage für Juden in Deutschland, stieg die Zahl der Auswanderer unter den Absolventen stark an. Ab 1933 verstärkte sich der Trend zur Auswanderung nach Palästina schlagartig. Die Ausbildung in Ahlem erwies sich für viele der Gartenbauschüler als lebensrettend.

Denkmal-Gartenfest mit Kultur auf 19 Bühnen

Mit einem großen Gartenfest feiert die Region Hannover Sonntag von 11 bis 20 Uhr 125 Jahre Gartenbau in Ahlem. An 19 Spielorten laufen auf dem Gelände der Gedenkstätte Ahlem ab 12 Uhr Theater, Slam-Poetry, Zauberei und viel Musik. Höhepunkt ist das Konzert der israelischen Sängerin und Friedensaktivistin Yael Deckelbaum um 18 Uhr. Zwei weitere Künstler kommen aus Israel: die äthiopisch-israelische Sängerin Aveva und der Singer-Songwriter Sun Tailor. Mitarbeiter des Museums Ghetto Fighters House aus West-Galiläa treten mit jüdischen Wiegenliedern auf.

Führungen geben historische, architektonische und botanische Einblicke. Es gibt Kinderspiele, Ponyreiten, die Blumen-Sommerschau der Justus-von-Liebig-Schule sowie Vorträge der Hochschule Hannover zu Biokunststoffen und Verpackungstechnologie. Auch die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau der Landwirtschaftskammer, das Fraunhofer-Institut und der Verein Neues Land bieten Programm: Sie sind Nachbarn auf dem weitläufigen Gelände der Gedenkstätte Ahlem an der Heisterbergallee 10. Der Eintritt ist frei.

Von Bärbel Hilbig

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