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Aus der Stadt Reinstes Deutsch in Hannover?
Hannover Aus der Stadt Reinstes Deutsch in Hannover?
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14:15 20.08.2009
Von Thorsten Fuchs
Der Duden ist die "Bibel" für richtiges Deutsch. Quelle: ddp

Es war mal wieder eine dieser Ideen, mit denen sich der Philosophieprofessor in seiner Heimatstadt keine Freunde machte. In den zwanziger Jahren ersann Theodor Lessing die Figur eines lernbegierigen Franzosen, der von seinem Vater dorthin geschickt wird, „wo der deutsche Laut am reinsten und richtigsten gesprochen wird“, nach Hannover. Was er hier erlebt, verwirrt den jungen Mann jedoch zutiefst. „Daan Rock päötscht gräöde ins dickste Wasser“, ruft ihm seine Gastgeberin angesichts mächtiger Pfützen zur Begrüßung am Bahnhof zu. „Mir ahnte nur dunkel“, stellte der Franzose indigniert fest, „dass vom Regenwetter die Rede war.“

Lessings Satire zielte auf den Kern des hannoverschen Selbstverständnisses. Bei aller Zurückhaltung: Hochdeutsch können wir besser als alle anderen – dessen rühmen wir uns gern. Hannover: ein Hort des klaren Klangs und, ja, des besten Deutsch überhaupt. Mit einer Spur von Überheblichkeit hören wir den Bayern, Schwaben und Sachsen zu, wie sie sich vergeblich an hochdeutschen Lautfolgen versuchen. Ein wenig Hochmut gestatten wir uns da schon mal – und dass dabei immer ein Gutteil Übertreibung mitschwingt, darüber sehen wir großzügig hinweg.

Denn auch uns wurde das Hochdeutsche nicht in die Wiege gelegt. Natürlich wurde auch hier, wie in ganz Norddeutschland, ursprünglich Niederdeutsch gesprochen. Dass wir davon abließen, hat vor allem damit zu tun, dass Hannover Residenzstadt wurde – und die vielen oftmals zugewanderten Beamten in den immer größer werdenden Verwaltungen der Stadt nicht Platt snackten, sondern so sprachen, wie es im 18. Jahrhundert Mode war: eine Mischung aus ostmitteldeutscher Schrift- und norddeutscher Aussprache.

Wer in Hannover nun etwas auf sich hielt, wer dazugehören wollte in dieser von jeher durch den Hof geprägten Stadt, der sprach so wie die besseren Leute. Goethes Vorliebe für die norddeutsche Aussprache auf der Bühne adelte dieses Bemühen zusätzlich. „Um 1800“, sagt der Sprachwissenschaftler Claus Ahlzweig von der Leibniz Universität Hannover, „gelten die norddeutschen Residenzstädte als Vorbilder für eine ‚reine Aussprache‘.“

Dass sich Hannover dann gegenüber Lüneburg, Celle oder Braunschweig als Symbol für das beste Deutsch durchsetzte, hatte keine sprachlichen Gründe. Wenn die Menschen sich unterhielten, dürfte das nicht hochdeutscher geklungen haben als in den Nachbarstädten. Als Provinzialhauptstadt wuchs Hannover im 19. Jahrhundert jedoch weit stärker als seine Sprachkonkurrenten. Und weil der Größte den Ton angibt, stand das Diktum schnell fest: Wer bestes Hochdeutsch lernen will, der fahre nach Hannover.

Das Plattdeutsche hatte da keine Chance. So umfassend wie wohl in kaum einer anderen norddeutschen Stadt verschwand es aus den Gesprächen und dem Bewusstsein der Hannoveraner. Mochte sich auf dem Land das Calenberger Platt erhalten – die stadthannoversche Variante geriet bald in Vergessenheit. „Sau suihste iut!“ und „Eck segge man bloß“ heißen Bücher, die der hannoversche Schriftsteller Wilhelm Henze zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb. Seinen Erfolg verdankte er aber schon damals vor allem einer Romantisierung des Verlorenen. Verstanden mag die Geschichten noch mancher haben, geredet hat in Hannover kaum mehr jemand so. „Wahrscheinlich hat es im 20. Jahrhundert keine relevante Anzahl von Plattdeutschsprechern in Hannover mehr gegeben“, meint Ahlzweig.

Es gab jedoch etwas anderes, das das Bild von der Hochdeutsch-Hochburg gründlich hätte trüben können: eine Umgangssprache, eine Art hannoversches Missingsch, das sich vom hochsprachlichen Ideal deutlich unterschied. „Ba ’er Laane liecht ’er Laanekanäöl“ klingt eindeutig anders als „Bei der Leine liegt der Leinekanal“, und dass „anner Laane“ unter „Aale“ Zeitmangel zu verstehen ist, erschließt sich Nichthannoveranern oft auch erst beim zweiten Hören. Jedes „ei“ wird zum „aa“, und überhaupt schlurt der Hannoveraner bei den Vokalen. Dazu kommt der Wortschatz, der außerhalb Hannovers kaum bekannt ist und dem seit den zwanziger Jahren eine Reihe von Wörterbüchern gewidmet wurde. Da gibt es den „Döllmer“ (dummer Mensch), den „Haanacker“ (Schlaumeier) oder den „sackermentschen Kerl“ (Teufelskerl), da ist etwas „schauderös“ (abschreckend), „öllerhaft“ (überaltert), oder jemand benimmt sich „betöte“ (zurückhaltend).

Doch sosehr das lange „aa“ und manches hannoversche Wort die Sprache der Älteren heute noch prägen, so umfassend sind die Besonderheiten bei den Jüngeren verschwunden. Es ist schon kurios: Wahrscheinlich wird heute in Hannover „reineres“ Hochdeutsch gesprochen als je zuvor – in einer Zeit, in der die Wertschätzung für regionale Eigenheiten überall steigt. „Der im besten Sinne des Wortes eigenartige Klang und der typische Wortschatz wurden schlichtweg aufgegeben“, sagt Reinhard Goltz, Direktor des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen, mit Bedauern.

Zur Selbstaufwertung taugt die Dialektfreiheit jedoch nicht mehr: Jüngeren Deutschen ist ohnehin kaum mehr anzuhören, woher sie kommen. Im Gegensatz dazu hat Goltz ein neues Bewusstsein für regionale Eigenheiten ausgemacht: „Wir schätzen nicht nur die regionale Küche, sondern auch das niederdeutsche Idiom.“ So plädiert er für eine Wiederentdeckung der hannoverschen Variante – und kann sich dabei auch auf Theodor Lessing berufen. Hinter seinem Spott verbarg sich nämlich großes Feingefühl für die Sprache seiner Heimatstadt: Diese, lobte er, sei so „wesensecht, lebensfrisch, volkhaft wie keine zweite in Europa“.

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