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Ringen um die Gotteshäuser in Hannover

Kirchenentwidmungen Ringen um die Gotteshäuser in Hannover

Welche Kirche muss als nächste weichen? Wo wird zusammengelegt, wo neu genutzt? Experten untersuchen jetzt alle Nachkriegskirchen auf ihre Bedeutung für das Stadtbild. Das Ergebnis steht auf einer "Rettungsliste".

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Quelle: dpa

Hannover. Ihre Türme prägen die Stadtsilhouette, ihre Säle sind jahrzehntelang quasi Stadtteiltreffs gewesen: 59 evangelisch-lutherisch geweihte Kirchen gibt es in Hannover. Gut die Hälfte davon, 30 an der Zahl, stammen aus der Nachkriegszeit. „Alle 500 Meter soll es eine Kirche geben“, hatte Landessuperintendent Otto Schnübbe Ende der sechziger Jahre gesagt. Heute aber spricht kaum noch jemand von Kirchenneubauten. Es gibt zu viele in Hannover. Oder zu wenig Menschen, die sie füllen und finanzieren. Wie man es eben nimmt.

Zwei Nachkriegskirchen sind schon abgerissen, fünf weitere entwidmet - die sechste kommt am Sonntag in der Südstadt hinzu. Die Diskussion darüber, von welchem Sakralbau man sich trennen will oder muss, ist schmerzhaft für die Gemeinden. „Aber wir müssen sie führen“, sagt Superintendent Thomas Höflich. Allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen sei es undenkbar, alle Kirchen, alle Gemeinde- und Pfarrhäuser zu behalten.

Gemeinsam mit der staatlichen Denkmalpflege und den Bau- und Kunstpflegern der Landeskirche hat das Stadtkirchenamt deshalb jetzt eine Liste aller evangelisch-lutherischen Kirchenbauten in Hannover erstellt, auf der die wesentlichen Merkmale der Bauwerke zusammengetragen sind. „Es ist keine Abrissliste“, beeilt sich Höflich zu betonen. Vielmehr sei es „eine Erhaltungsliste oder besser noch Wertschätzungsliste“. Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten.

Die Realität sieht so aus: Nur noch jeder dritte Hannoveraner ist Mitglied einer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. In Hannovers Stadtkirchenverband (mit Garbsen und Seelze) sind es 204000. Und noch gravierender ist die Taufquote. 13 Prozent betrage sie derzeit bei den bis Vierjährigen, sagt Superintendent Höflich. Die Zahl der Gemeindeglieder wird also auf absehbare Zeit noch mal um mehr als die Hälfte sinken. „Das birgt in vielerlei Hinsicht Herausforderungen.“

Die vielen Kirchen sind nicht nur zu teuer im Unterhalt, sondern oft auch unzweckmäßig. Etwa die Gnadenkirche in Mittelfeld, wo der Saal im Obergeschoss liegt, die Toiletten sich aber im Keller befinden. „Es ist erstaunlich, wie wir jahrelang Gehbehinderte und Eltern mit Kinderwagen ganz selbstverständlich von Veranstaltungen ausgegrenzt haben“, sagt Höflich. Natürlich müsse ein zeitgemäßes Kirchengebäude heutzutage „barrierefrei und inklusiv“ sein - also nutzbar für alle.

Aber für die Frage nach Fortbestand oder Aufgabe ist längst nicht mehr nur die interne Kosten-Nutzen-Rechnung der Kirche entscheidend. Als die Stöckener Kirchengemeinde jetzt nach quälender Diskussion ihre entwidmete Corvinuskirche zum Verkauf und Abriss freigeben sollte, machte ihr auf einmal die staatliche Denkmalpflege einen Strich durch die Rechnung. Sie stufte das 1962 erbaute Gebäude als bedeutend für die Kirchenbaugeschichte der Nachkriegszeit ein und stellte es unter Denkmalschutz. Ein überraschender Vorgang auch für Superintendent Höflich.

Inzwischen hat ein Gericht die Entscheidung der Denkmalpfleger gekippt - doch für die Kirchenverwaltung ist das ein willkommener Anlass, alle Nachkriegsbauten auf ihre Schutzwürdigkeit zu untersuchen. Schließlich käme niemand bei der Kreuzkirche (Baujahr 1333), der Kirchröder Jakobikirche (1784) oder der Lindener Bethlehemkirche (1906) auf die Idee, einen Abriss zu diskutieren. „Wenn wir uns von Kirchenbauten trennen, dann wird es wohl immer die Nachkriegsgebäude treffen“, sagt Höflich.

Und so hat sich die Arbeitsgruppe auf den Weg gemacht und besucht alle Nachkriegskirchen der Stadt. Bei 23 war man schon, sieben stehen noch aus. Und ganz langsam kristallisiert sich ein Eindruck heraus, welche Kirchen wohl nicht aufgegeben werden. Etwa die architektonisch kuriose Bugenhagenkirche in der Südstadt mit ihrem fast runden Natursteinkorpus und einer Leichtigkeit im Inneren, die Höflich an einen antiken Tempel erinnert. „Da haben die Augen der Denkmalpfleger euphorisch geleuchtet“, verrät Höflich. Klar dürfte auch sein, dass die St.-Martins-Kirche in Linden bestehen bleibt. Dem historischen Turm hat Stararchitekt Dieter Oesterlen 1957 ein neues Schiff verpasst. Noch komplizierter ist die Situation bei der Lister Matthäuskirche. Von dem 1906 erbauten Sakralbau ließ der Krieg nur Kirche und Chor stehen; 1981 baute das Architektenehepaar Vogel ein Beton-Kirchenschiff dazwischen, 2007 kam noch ein Gemeindehaus aus Glas und Stahl hinzu. Auch die Döhrener St.-Petri-Kirche hat zum historischen Turm eine Nachkriegskirche erhalten - von Otto Bartning, dem Stararchitekten der deutschen Notkirchen. Sie steht, ebenso wie die Lister Matthäuskirche, unter Denkmalschutz.

Welche der anderen Kirchen ebenfalls unter den Schutz des Staates gestellt werden, das schält sich aus der Liste allmählich heraus. Akribisch hat die Arbeitsgruppe etwa notiert, welcher hannoversche Kirchenbau in welchem Architekturführer erwähnt ist oder in der Baukulturliste der Architektenkammer. Und so lässt sich erahnen, dass etwa die Vahrenwalder Heilig-Geist-Kirche wohl Bestand haben wird, auch die Bugenhagenkirche ist hochdekoriert.

Die Arbeit an der Liste ist noch nicht abgeschlossen. Auf die Frage, wie viele evangelische Kirchen Hannover wohl in zehn Jahren haben wird, legt Höflich die Stirn in Falten. „Ich habe wohl die Vorstellung einer Zahl“, sagt er schließlich: „Aber wenn ich sie sage, beginnt die Spekulation darüber, welche Kirche es trifft - und das versetzt alle in Schockstarre.“ Viel wichtiger aber als ein Erstarren sei, nach kreativen Wegen zu suchen. „Wo die Gemeinden ein aktives Eigenleben haben und nach intelligenten Nutzungen für ihre Bauten suchen, da werden Stadtkirchenverband und Landeskirche helfen“, sagt er. Man ahnt: Der schmerzhafte Prozess wird noch lange dauern.

Die Entwidmung der Athanasiuskirche in der Böhmerstraße8 (Südstadt) beginnt am Sonntag um 10 Uhr. Am Ende der Zeremonie werden die geweihten Gegenstände aus der Kirche getragen - sie kommen in die Pauluskirche in der Meterstraße.

Diese Kirchen sollen bleiben

Die St.-Martins-Kirche hat den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Der Turm wurde 1854 fertig. Mit respektvollem Abstand baute Dieter Oestelen den Neubau daneben.

Die Matthäuskirche der Lister Gemeinde wurde 1906 erbaut. Nachdem die Kirche im Zweiten Weltkrieg starke Schäden erlitt, wurde sie 1981 wieder aufgebaut.

Die Matthiaskirche wurde 1964 von Fritz Mues in Groß-Buchholz erbaut. Auch sie soll bestehen bleiben. Bis 2014 soll das Gemeindehaus in die Kirche integriert werden.

Die Bugenhagenkirche wurde im Jahr 1962 von Werner Dierschke gebaut. Sie hat eine besondere Form – neben dem Turm steht das runde Kirchengebäude.

Diese Kirchen sind bereits keine Kirchen mehr

Die Athanasiuskirche war früher eine von drei Kirchen der Südstadtgemeinde, bald ist sie ihr neues Gemeindezentrum. Kommenden Sonntag wird der Bau von 1964 in einem letzten Gottesdienst entwidmet.

Die Uhlhornkirche wurde am Volkstrauertag am 18. November 2012 entwidmet. Seitdem steht das Kirchengebäude am Leineufer, 1971 vom Architekten Fritz Eggeling gebaut, zum Verkauf.

Die Corvinuskirche stand 2011 schon unter Denkmalschutz – bis die Gemeinde Ledeburg-Stöcken erfolgreich dagegen klagte. Nun kann das ehemalige Gotteshaus zum Verkauf angeboten werden.

Die Gustav-Adolf-Kirche, erbaut von Fritz Eggeling im Jahr 1971, wurde 46 Jahre später schon wieder entwidmet. Übernommen von der Liberalen Jüdischen Gemeinde bauten die Architekten Ahrens und Grabenhorst das Gotteshaus zu einem Gemeindezentrum um und bekamen dafür im Jahr 2010 den Staatspreis für Architektur. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Räume sind nun offen und hell, auch der Innenhof wurde ausgebaut. Dazu befindet sich nun ein Café im Gebäude. Das Gemeindezentrum umfasst eine Synagoge, eine öffentliche jüdische Bibliothek, ein Kinder- und Jugendzentrum, ein Kultur- und Bildungszentrum, sowie Veranstaltungs-, Seminar- und Übungsräume. Es trägt den Namen Etz Chaim, das heißt „Baum des Lebens“.

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Kirche entwidmet
Am Sonntag haben sich zahlreiche Gemeindemitglieder ein letztes Mal in der Athanasiuskirche versammelt, um bei der Entwidmung der Kirche dabei zu sein.

Knapp 50 Jahre nach ihrer Errichtung ist die Athanasiuskirche kein Gotteshaus mehr. In einem bewegenden Gottesdienst hat die evangelische Südstadt-Gemeinde am Sonntag Abschied von ihrer Kirche genommen. Taufbecken, Osterkerze und Abendmahlutensilien wurden in einer Prozession zur Pauluskirche getragen.

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