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„Das Gesetz gilt auch an Spieltagen“

Polizei-Einsatzleiter Fußball im Interview „Das Gesetz gilt auch an Spieltagen“

Der Leiter Einsatz der Polizeiinspektion West, Markus Kiel, spricht im Interview über Hannover 96, die Folgen für die Polizei durch den Abstieg des Vereins in die 2. Liga und über gewaltbereite Fußballfans.

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Markus Kiel (41) ist der Leiter der Abteilung Einsatz bei der Polizeiinspektion West. Dort fungiert der Polizeirat auch als einer von zwei Einsatzleitern Fußball. 

Quelle: Schaarschmidt

Herr Kiel, was bedeutet der Abstieg von Hannover 96 in die 2. Liga für Sie und die Polizei Hannover?
Erst einmal ist es sehr schade, dass Hannover 96 abgestiegen ist, und es tut mir leid - für den Verein, für die Stadt und natürlich für die Fans. Für die Polizei bedeutet es aber auch, dass wir uns in der kommenden Saison auf viele umfangreiche Einsätze vorbereiten müssen.

Im November 2013 waren beim Hinrundenspiel in Hannover etwa 1800 Beamte im Einsatz, die Kosten wurden auf etwa eine halbe Million Euro geschätzt. Bei der Rückrundenpartie in Braunschweig waren etwa doppelt so viele Einsatzkräfte unterwegs, die Kosten vervierfachten sich. Damals spielten die beiden Mannschaften aber in der Bundesliga gegeneinander. Denken Sie nicht, dass die Aufeinandertreffen in der 2. Liga weniger brisant werden?
Nein. Wir gehen davon aus, dass die Fans den Spielen genauso entgegenfiebern wie in der Bundesliga. Hannover 96 hat für die 2. Liga bereits 18 500 Dauerkarten verkauft. Das ist beeindruckend und zeigt, dass die Fans mit dem Verein in die 2. Liga gehen. Hierzu gehört auch die aktive Fanszene von Hannover 96, darunter befinden sich auch die Ultras. Leider gibt es in der Ultra-Fanszene auch gewaltbereite Risikofans. Ob bei der Partie gegen Eintracht Braunschweig wieder mit derartigen Ausschreitungen wie im Jahr 2013 zu rechnen ist, hängt insbesondere vom Verhalten der Risikofans beider Vereine ab. Wir werden uns jedenfalls intensiv auf den Einsatz vorbereiten. Zudem birgt der Abstieg noch eine Besonderheit: In der 2. Liga spielen in der kommenden Saison sehr viele Traditionsmannschaften, die über eine große und sehr aktive Fanszene verfügen. Das birgt Potenzial für weitere Konflikte.

Gibt es da Mannschaften, die besonders herausstechen?
Neben der erwähnten Partie gegen Braunschweig stufen wir auch das Aufeinandertreffen mit Dynamo Dresden als Hochrisikospiel ein. Auf diese Spieltage werden wir uns noch mehr als sonst vorbereiten. Zudem liegt die Einsatzleitung dann nicht bei der Polizeiinspektion West, sondern bei der Behörde, also der Polizeidirektion Hannover.

Das sind zwei Spiele, sprachen Sie nicht von mehr Mannschaften?
Ja, neben den Hochrisikospielen bereiten wir uns auch auf besondere Risikospiele gegen den FC St. Pauli, Fortuna Düsseldorf, den VfL Bochum, den 1. FC Nürnberg, Union Berlin, den Karlsruher SC und den 1. FC Kaiserslautern vor.

Das sind viele Mannschaften, bei denen man nicht davon ausgeht, dass es eine Feindschaft zwischen den Vereinen oder deren Fans geben könnte ...
Das stimmt zunächst grundsätzlich. Hier müssen wir jedoch zwischen den normalen Fans und den Risikofans differenzieren. Alle Vereine haben eine aktive Ultra-Szene, die sich mit der jeweils anderen Ultra-Szene messen will. Das ist zunächst einmal gar nichts Schlechtes, wenn dies in einer legitimen Art erfolgen würde. Die Vereine brauchen die Ultras. Auch die hannoverschen Ultras sind im Grunde wichtig. Sie sind für einen Großteil der Stimmung im Stadion verantwortlich und denken sich meist tolle Choreografien aus.

Aber was ist dann das Problem?
Innerhalb der Szene gibt es eine Gruppe von gewaltbereiten Risikofans. Im Fall von Hannover 96 sind das etwa 100 bis 150 Personen an den Spieltagen. Sie haben eine ganz eigene Interpretation davon, wie sie ihren Verein unterstützen und die Spieltage erleben wollen. Zwischen diesen Risikogruppen der Vereine hat sich leider zumeist ein feindschaftliches Fanverhältnis entwickelt. Gerade diese gewaltbereiten Risikofans bereiten uns fast jeden Spieltag in Hannover die Probleme.

Inwiefern?
Erinnern Sie sich an das Spiel gegen Eintracht Frankfurt in der vergangenen Saison? Da verabredeten sich die Risikofans von 96 mit den Risikofans der Gäste. Sie wollten sich in der Innenstadt prügeln. Wir haben das mitbekommen und verhindert, dass die beiden Lager aufeinandertrafen. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Der normale Fan im Stadion bekommt davon nichts mit. Der Großteil der Ultra-Szene, der sich friedlich verhält und sich bei solchen Aktionen nicht direkt beteiligt, toleriert die gewaltbereiten Risikofans aber offenbar und bietet ihnen dadurch Schutz. Wir können beobachten, wie diese gewaltbereiten Störer dies auch ganz bewusst ausnutzen. Ich würde mir wünschen, dass die friedlichen Ultras, die positive aktive Fanszene, den Gewalttätern keinen Rückzugsraum bieten und sich von deren Verhalten distanzieren.

Wie versucht die Polizei, solche Konflikte schon im Vorfeld zu entschärfen?
Vor den Partien selbst stehen wir in Kontakt mit dem Verein und machen eine sogenannte Sicherheitsbesprechung über die Rahmenbedingungen. Da geht es dann um Dinge wie zum Beispiel Alkoholverbot oder darum, wie man mit den Risikofans umgehen will. Wir versenden Faninformationen zum Spieltag und betreiben offensive Öffentlichkeitsarbeit.

Muss sich der Vater, der mit seinem Sohn zum Fußball will, in der kommenden Saison auf mehr Kontrollen einstellen?
Für die Kontrollen ist der Verein zuständig. Ich denke jedoch nicht.

Haben Sie eine Botschaft für die Ultra-Szene für die kommende Saison?
Auf die Ultras und vor allem die Risikofans unter ihnen können wir als Polizei leider direkt keinen Einfluss nehmen, da sie nicht mit uns reden. Der Verein, die Fanbeauftragten, das Fanprojekt und der Fanbeirat stehen jedoch meines Wissens mit ihnen in Kontakt. Was wir sehr begrüßen. Jede Art von Kommunikation ist gut.

Sie sagen, dass die Ultras nicht mit Ihnen reden. Würden Sie denn gerne mit den Ultras reden?
Es wäre schön, wenn wir dahin kommen könnten, dass wir uns an einen Tisch setzen und miteinander austauschen. Grundsätzlich finden wir es gut, wie der Hauptteil der Ultras den Verein unterstützt, und haben auch für gewisse Verhaltensweisen Verständnis. Deshalb unternehmen wir auch immer wieder Versuche, ihnen entgegenzukommen, bieten ihnen an, bestimmte Routen auf ihren Fanmärschen zu gehen. Aber meist machen sie dann genau das Gegenteil davon. Kein Verständnis haben wir für jedwede Form von Gewalt - und hier werden wir bei unserer konsequenten Linie bleiben.

In der vergangenen Saison attackierte der Fanblock sogar direkt die Polizei mit einem Banner, auf dem eine Faust mit einem Messer zu sehen war und daneben der Schriftzug „We Teens“ (Wir lieben Teenager). Damit bezogen sich die Risikofans auf den Angriff einer 15-Jährigen auf einen Bundespolizisten ...
Ich sagte, dass die Choreografien der Fans meist gut sind. In diesem Fall jedoch nicht. Bei dem Spiel gegen Wolfsburg war ich auch erstaunt über den Hass, der uns mit diesem Plakat entgegenschlug. Das ging entschieden zu weit. Das Problem liegt oft darin, dass die Risikofans offenbar der Meinung sind, dass das Strafgesetzbuch an Spieltagen außer Kraft gesetzt ist. Das ist aber nicht der Fall - und jeder muss für sein Verhalten auch die Konsequenzen tragen. Die Einsichtsfähigkeit ist bei den hier beschriebenen Fanszenen meist nicht vorhanden. Polizeiliche Maßnahmen stoßen auf keine Zustimmung, und zumeist friedliche Ultras solidarisieren sich dann mit den gewaltbereiten Risikofans gegen die Polizei.

Wenn diese gewaltbereiten Fans jedoch nicht für ihre Taten belangt werden, was immer wieder vorkommen kann, wundert es nicht, wenn sie den Eindruck bekommen, es gäbe keine Regeln ...
Das stimmt leider. Wir haben in der vergangenen Saison aber etwas getan, was wir in diesem Umfang so noch nie gemacht haben. 45 Risikofans, denen wir ihre wiederholten Vergehen einwandfrei nachweisen konnten, haben wir mit einem Aufenthaltsverbot belegt. Das heißt, sie dürfen sich an Spieltagen weder in der Innenstadt noch in Stadionnähe aufhalten. 39 davon haben nach meiner Kenntnis Bestand.

Interview: Jörn Kießler

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