Man kann versuchen, auf manchen Mauervorsprung zu steigen. Es gibt Fotografen mit Trittleitern, ein Kamerateam hat sich einen Kran gemietet und nimmt den Marsch der 35.000 von ganz oben auf. Doch Beginn und Ende des Zuges auf ein Bild, in einen Blick zu bekommen, ist an diesem Mittwochabend ein Ding der Unmöglichkeit. Der Trauerzug für Robert Enke sprengt die Dimensionen. Irgendwo in seiner Mitte sinnieren sie darüber, für wen sonst 35.000 in ihrer Trauer auf die Straße gegangen wären. „Enke ist besonders, er ist nicht irgendein Fußballstar“, sagt ein älterer Herr. „Er ist einem über die Jahre nahe geworden.“ Und je länger der Strom der Trauernden über den Opernplatz, die Karmarschstraße und hinter dem Rathausplatz entlangzieht, desto deutlicher wird, wie besonders das Ereignis dieses Todes für die Hannoveraner ist. Als der Zug an der Bauverwaltung vorbeikommt, stehen die Reinemachefrauen am Erdgeschossfenster und schlagen ungläubig die Hände vor das Gesicht. „Kennst du irgendeinen Torwart auf der Welt, für den eine halbe Stadt auf die Straße gehen würde?“, fragt ein Mann seinen Sohn. Der schweigt. Denn so etwas ist, bei allem Respekt, schwer zu glauben an diesem Tag nach dem Selbstmord des beliebtes Torwartes.
Irgendwie versuchen sich alle in ihrer Trauer zu helfen, sie erzählen sich davon, wie sie am Vorabend von der Nachricht erfahren haben. Doch fassen können es die meisten von ihnen am Tag danach noch nicht. Tarik Domlus zum Beispiel. Der Lindener arbeitete am Dienstagabend in seinem Kiosk, als sein Handy klingelte. In jenem Kiosk, den die Lindener als Treffpunkt für 96-Fans betrachten, weil Domlu sein Rollo kunstvoll mit einem Logo des Fußballklubs verziert hat. Seine Mutter war am Telefon, und was sie sagte, ließ den 29-Jährigen zunächst einmal völlig ratlos zurück. Robert Enke sei gestorben, sagte sie. Kurz danach kamen die ersten Fans zu Domlus Bude, die vis-à-vis der Bethlehemkirche liegt. Und fragten ihren Kioskmann, ob denn das wirklich stimmen könne, was zu Hause durch die Videotexte lief. Mehr als hundert wurden es über den Abend, viele schon mit Kerzen in der Hand, auf dem Weg durch den Nieselregen zum Stadion. Wohin auch sonst.
Am Mittwochmorgen ist Meike Mühlhause in Davenstedt eine Stunde früher aufgestanden als sonst. Sie hat sich die Zeitung genommen, alles gelesen, was dort über den Tod von Robert Enke zu lesen war, und hat „erst mal selbst geheult“. Dann ist sie leise zu ihrem siebenjährigen Sohn Nicolas ins Zimmer gegangen. Die Kinderkrankenschwester hat sich auf die Bettkante gesetzt, Nicolas hat sich ein bisschen aufgerichet in seinem Bett und sich den Schlaf aus den Augen gerieben. „Es ist etwas Schlimmes passiert gestern Abend“, hat Meike Mühlhause dann zu Nicolas gesagt. „Robert Enke ist tot.“
Der Tod des Torwarts Robert Enke ist eine Zäsur im Leben vieler Hannoveraner, und wer das nicht glaubt, kann sie fragen. Die, die auch gestern wieder vor das Stadion kamen, Blumen, Karten, Kuscheltiere niederlegten, sowieso. Auch die, die abends in der Kneipe Skat spielten, als die Nachricht kam. Und jene, die auf dem Sofa vor dem Fernseher saßen, die noch nie in ihrem Leben in der Fankurve gestanden haben und denen plötzlich der Atem stockte, als die Nachricht per Eilmeldung über die Bildschirme lief: Robert Enke ist tot.
Der siebenjährige Nicolas sagt erst einmal gar nichts an diesem Morgen. Dann fragt er seine Mutter: „Kannst du rote Rosen kaufen für Robert?“ In vielen Schulen ist an diesem Vormittag der Tod des Nationaltorwarts das wichtigste Gesprächsthema. Viele Schüler kommen mit Hannover-96-Fanschals in den Unterricht, so wie Nikolas und sein Freund, die ihr Robert-Enke-Trikot anziehen dürfen. Vielerorts bestimmt der Tod des Torwarts den Beginn der ersten Schulstunde. „Es ist die Aufgabe der Schule auf so ein Redebedürfnis auch einzugehen“, sagt Bernd Steinkamp, Schulleiter der IGS Roderbruch.
Als Nicolas und seine neunjährige Schwester Pia-Marie die Blumen schließlich vor dem Nordeingang der Arena ablegen, gehen ihre Rosen unter in einem Meer von Blumen, Karten, Schals. Auf den Karten verabschieden sich die Fans von Robert Enke wie von einem Freund – auch jene, die am Sonnabend in anderen Farben in ein anderes Stadion gehen. „Tschüs Robert, und halt das Himmelstor sauber“, hat einer geschrieben, „Auf ewig unsere Nummer eins“ ein anderer, und neben Schals des Hamburger SV liegt ein kurzer Brief von „schwarz-gelben Borussenfans“, die Enke „alles Gute“ auf seinem Weg wünschen. Justin aus Garbsen hat einen Teddy zwischen die letzten Grüße gelegt. So richtig, sagt sein Vater, verstehe Justin das alles wohl noch nicht. Aber der Zehnjährige versteht sehr gut. „Ach, ich habe so viele Teddys“, sagt er. „Der hier ist für Robert.“
In der Schlange vor einem der Kondolenzbücher steht Hermann Rieger. Rieger hat in der Fußball-Bundesliga in langen Jahren in Hamburg den Begriff des „Kulmasseurs“ geprägt. Seit vier Jahren lebt er in Hannover, man kennt ihn unter den Profis der Liga. „Als ich Robert das erste Mal traf, an einem Würstchenstand auf dem Sportplatz in Ricklingen, da kam er sofort zu mir“, sagt Rieger. Der Nieselregen pladdert auf seine HSV-Jacke mit der Raute, in den Augen des Bundesliga-Unikums liegt ein feuchter Schimmer. „Er hat mir damals gleich seine Telefonnummer gegeben für den Fall, dass ich mal was brauche. Er war einfach ein netter, hilfsbereiter Kerl.“ Dann zieht Rieger den HSV-Schal ein bisschen enger und reiht sich wieder ein in die Schlange der Wartenden.
Ein paar Kilometer entfernt, in der Sportabteilung von Kaufhof am Ernst-August-Platz, ist kurz zuvor die Pressekonferenz von Hannover 96 über den Bildschirm geflimmert. Fassungslosigkeit ist in den Gesichtern der Umstehenden zu lesen. „Das darf alles nicht war sein“, sagt eine Frau. Während sich die Menschen um den Bildschirm scharen, bleiben die 96-Fanartikel unberührt. Die Torwarttrikots hatte die Geschäftsleitung ohnehin entfernen lassen. Man wolle kein Geschäft mit Enke machen.
In der Grupenstraße haben Händler einen Tisch mit einem Foto Enkes platziert. „Eine Stadt, ein Verein, eine Leidenschaft“ steht auf einem Banner, immer wieder bleiben Passanten stehen und stellen Kerzen auf. „Wir feiern sonst mit dem Verein, dann stehen wir auch in den schweren Stunden zu 96 und zu Robert“, sagt Spielwarenhändler Marcel Saffaf.
von Felix Harbart, Stephan Fuhrer und Stefanie Nickel
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Kommentare
Nie mehr die Nummer 1 vergeben 96-er Fan aus Bothfeld – 13.11.09
Der Tod von Robert Enke ist ein schreckliches Ereignis. Ich bin voller Trauer, habe geweint. Ich kann verstehen, dass man diesem großartigen Torwart besonders ehren will. Die Namensgebung eines Platzes in unmittelbarer Stadionnähe wäre eine wunderbare Entscheidung. Die Nummer 1 sollte jedoch in Zukunft wieder einem Torwart von Hannover 96 zur Verfügung stehen. Der Verein muss diese Option behalten, weil der Torwart eine herausragende Position in einer Mannschaft hat und zu jeder Zeit gestärkt werden muss. Die Nummer 1 untermauert die Wichtigkeit des Spielers innerhalb der Mannschaft. Es ist zu erwarten, dass Florian Fromlowitz jetzt das 96-er Tor hüten wird, für ihn eine äußerst schwierige nach den Vorfällen der letzten Tage. Man kann ihn am besten unterstützen, wenn man ihm ab der Saison 2010/11 das Trikot mit der Nummer 1 in Aussicht stellen würde.@ MAA Zippl – 13.11.09
Kommentar wurde von HAZ.de gelöscht. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen unter www.haz.de/Nutzungsbedingungen.Was denn noch? MAA – 13.11.09
Was sollen diese Forderungen mit Platz umbenennen, Trikotnummer nicht mehr vergeben, Spiele verschieben, Abschiedsspiel etc.....Hier hat sich jemand umgebracht. Das ist weder vorbildhaft noch dient es zur Heldenverehrung
Mein aufrichtiges Beileid Jens – 12.11.09
Mein aufrichtiges Beileid,auch ich war entsetzt über diese schlimme Sache.Auch ich bin H96 Fan und mir fällt es wirklich schwer.
Trotzdem kann ich eine Sache nicht vergessen und ich finde es traurig das man noch nichts über den Lokomotivführer gehört hat.
Will ganz klar betonen das mich der Freitods von Robert Enke SEHR betroffen macht.
Aber habt ihr alle mal an den Lokomotivführer gedacht???
Kann mir sehr gut vorstellen das es diesem Mann richtig schlecht geht...,
hat man sich mal Gedanken gemacht wenn er durch so eine Sache arbeitsunfähig wird und deshalb nie wieder arbeiten kann???
Vielleicht aus dieser Sache nicht mehr raus kommt...,
seine Familie nicht mehr ernähren kann.
Mag sein das Robert Enke ein super Torwart war und ein toller Mensch(?).
Aber diese Sache lässt mich etwas daran zweifel...,nicht nur die Sache mit dem Lokomotivführer(obwohl die schon echt heftig ist!),sondern die Verantwortung auch seiner Frau und seiner adoptiv Tochter.
Also guter Sport...,dass bleibt.
Jetzt sollte man die anderen Schicksale die sich aus dem Freitod ergeben aber nicht vergessen.
Robert Enke: Hartmut H. – 12.11.09
Es wurden schon viele Worte gesagt, Worte des Gedenkens an Robert Enke. Es fällt einem schwer, neue zu finden. Daher kann ich mich den vielen Beileidsbekundungen nur anschließen. Aber diese Anteilnahmen werden irgendwann ein Ende haben. Wie wäre es, zu gegebener Zeit ein Bauwerk oder Platz mit fußballerischem Hintergrund nach ihm zu benennen? Vielleicht den Namen der AWD Arena um den Zusatz Robert Enke ergänzen? Man möge mir verzeihen, falls derartige Vorschläge bereits gemacht wurden.