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Rund um Obdachlosenunterkunft wächst der Unmut

Bettel-Clan Rund um Obdachlosenunterkunft wächst der Unmut

Eine Obdachlosenunterkunft für Südosteuropäer im Stadtteil Burg sorgt für Probleme. Dort wächst der Ärger der Anwohner um die Bettel-Clans, die dort wohnen. Doch die Stadt und der Betreiber sind hilflos gegenüber dem Treiben. Eine Parallelwelt hat sich dort entwickelt.

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„Es herrschen klare Hierarchien in den Familien und Lebensvorstellungen, die sich von unseren stark unterscheiden“: Auch der Betreiber der Unterkunft sieht die Lage am Burgweg kritisch.

Hannover. Die dunkle Limousine hält direkt vor der Obdachlosenunterkunft. Männer in Trainingsanzügen steigen aus, andere Männer verlassen ihre Wohncontainer, schlendern heran und begutachten das Auto. Worte in einer fremden Sprache werden gewechselt, dann verlässt die Limousine die Unterkunft am Burgweg zwischen Herrenhausen und Hainholz. Irgendwie passt all das nicht zusammen: das teure Auto, die bescheidene Behausung. Aber das ist nicht alles, was Anwohner, Kleingärtner und Passanten im Stadtteil Burg irritiert.

Es sind auch nicht nur die Abfälle, die ringsum das Gelände verstreut sind, die alten Matratzen, der Plastikmüll und die Lumpen. Auch wenn es wirklich schlimm aussieht. Anwohnerin Vera Corterier-Karrass etwa sagt: „So geht es nicht weiter, es ist schlimm.“ Das sieht inzwischen auch der Betreiber der Obdachlosenunterkunft so. Die Bewohner der Unterkunft seien für Integrationsangebote kaum noch erreichbar, sagt Randolf Brand, Geschäftsführer des Betreiberunternehmens Fair Facility Management. Und das ist es vor allem, was das Umfeld der Unterkunft beunruhigt: Wie sehr sich dort im Burgweg eine Parallelwelt entwickelt hat.

Derzeit leben rund 80 Bewohner in der ehemaligen Schule im Burgweg, überwiegend südosteuropäischer Herkunft, 14 Menschen sind in einer dazugehörigen Turnhalle untergebracht. Weitere leben in Containern in unmittelbarer Nachbarschaft. „Die Bewohner gehören zum großen Teil zu zwei Familienclans“, berichtet Randolf Brand. Der Geschäftsführer hat kein Problem damit, über die Schwierigkeiten zu sprechen. Den Zustand der Schule und das Umfeld zwischen den Kleingärten hält er für unbefriedigend. Die Bewohnerschaft erweise sich als extrem schwierig im Umgang. „Es herrschen klare Hierarchien in den Familien und Lebensvorstellungen, die sich von unseren stark unterscheiden“, sagt Brand. Die Stadtverwaltung Hannover verweist auf diverse Integrationsbemühungen und darauf, dass sie „in engem Kontakt“ mit der Polizeidirektion Hannover stehe. Für die Polizei ist die Unterkunft kein Brennpunkt. Die Bewohner seien „nicht auffällig“, sagt eine Sprecherin der Behörde. Dennoch geht unter den Anwohnern die Angst um.

Müll, mysteriöse Limousinen, schwierige Integration: Eine Obdachlosenunterkunft für Südosteuropäer im Stadtteil Burg sorgt für Probleme. Dort wächst der Ärger der Anwohner um die Bettel-Clans, die dort wohnen. Doch die Stadt und der Betreiber sind hilflos gegenüber dem Treiben. Eine Parallelwelt hat sich dort entwickelt.

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Angebote der Sozialarbeit, wie etwa Sprachcafés, würden nur schlecht angenommen. Auch zu Bedrohungen gegenüber den Mitarbeitern sei es bereits gekommen. Grundsätzlich würden die Bewohner nur wenig Interesse an Integration zeigen. Manche zögen tagsüber in die Stadt, berichtet Brand - zum Betteln. „Ich halte die Unterkunft auf Dauer für ungeeignet“, sagt Brand. Gegen den Vorwurf, nicht gegen Müll vorzugehen, wehrt er sich energisch. „Es wird täglich gereinigt. Wenn abgemeldete Autos oder Autoreifen herumliegen, informieren wir die Stadt“, sagt der Betreiber.

Die Stadtverwaltung zählt auf Nachfrage der HAZ auf, welche Integrationsangebote man bereithalte. Sie reichen von Einzelberatung für die Bewohner bis zum Rugbyspielen mit Kindern aus der Unterkunft. Einige Projekte, etwa das Bepflanzen von Blumenkästen, seien gut angenommen worden, sagt Stadtsprecher Alexis Demos. „Ungeachtet dessen ist die Stadt mit dem Betreiber im intensiven Gespräch, um gemeinsam auszuloten, inwieweit die Situation vor Ort verbessert werden kann“, sagt Demos. Im Übrigen werde die Stadt den Hinweisen auf Autos, die ohne Kennzeichen vor der Unterkunft halten, nachgehen.

Integrationsprobleme und Vermüllung

Dem Bezirksrat Nord ist das zu wenig. SPD und CDU dort sind sich einig, dass mehr Engagement nötig ist. Beide wollen jetzt gegen die Vermüllung vorgehen und darauf dringen, dass die Integrationsprobleme angepackt werden. „Wenn die Maßnahmen des Betreibers nicht funktionieren, müssen wir parteiübergreifend Druck ausüben“, sagt CDU-Fraktionschef Wolfgang Neubauer. Karlheinz Mönkeberg, stellvertretender Bezirksbürgermeister der SPD, geht einen Schritt weiter. „Wenn der Betreiber das nicht hinkriegt, muss ein neuer her“, so Mönkeberg. Erstmalig benennt der Bezirksrat mit eindeutigen Worten ein Problem, dass die Verwaltung nur ungern öffentlich diskutiert.

Stadtbezirksmanagerin Rita Heitsch ist das alles bekannt. „Das Problem ist, dass diese Bevölkerungsgruppe aus einer Gegend stammt, in der wenige Regeln akzeptiert werden“, sagt Heitsch. Ihr Eingeständnis klingt beinahe hilflos. Man könne die Menschen aber auch nicht einfach rauswerfen, erklärt sie das Dilemma. „Dann stehen sie am nächsten Tag wieder vor der Tür“, sagt Heitsch. Die Stadt ist gesetzlich dazu verpflichtet, Wohnungslosen ein Dach über dem Kopf bereitzustellen, auch EU-Bürgern aus Rumänien und Bulgarien.

Im Frühjahr fand für die Bewohner eine Abfallberatung statt. „Im Rahmen dieser Beratung wurden die Bewohner über die verschiedenen Arten von Müll informiert und wie diese zu ordnen sind“, teilt die Stadt mit. Für die Flächen rund um die Unterkunft sei das Entsorgungsunternehmen Aha zuständig, die Reinigung erfolge wöchentlich. Sollte das nicht ausreichen, werde man mit Aha besprechen, „inwieweit der Reinigungszyklus dem Bedarf angepasst werden kann.“ Am Eingangszaun mahnt ein handgeschriebener Zettel auf Rumänisch zur Ordnung. „Bitte sauber halten“, steht darauf.

Von Mario Moers und Andreas Schinkel

Bemühungen um
 die Kinder

Zwei Drittel der Bewohner der Obdachlosenunterkunft in Burg sind Kinder. Einmal die Woche bietet die Stiftung Eine Chance für Kinder auf Initiative des Kommunalen Sozialdienstes in der Unterkunft eine medizinische Untersuchung und Beratung an.

Der Migrantenverein Kargah organisiert ebenfalls wöchentlich eine Kinderbetreuung, außerdem unterstützt man die Mütter bei der Suche nach einem Kita-Platz. Ab Mitte Oktober veranstaltet die Arbeiterwohlfahrt einen niedrigschwelligen Sprachkurs für die Mütter der Unterkunft. Zwei Sozialarbeiter spielen mit den Kindern Rugby und organisieren gemeinsame Aktionen, auch zur Reinigung des Geländes.

Aus Sicht des Betreibers müsste die Politik den Kindern der Unterkunft noch stärkere Aufmerksamkeit widmen. „Die Kleinen tun mir leid. Für sie müsste noch mehr getan werden“, so Fair-Facility-Management-Geschäftsführer Randolf Brand.

mm

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