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Die Entdeckung der Beton-Oase

Rundgänge durch das Ihme-Zentrum Die Entdeckung der Beton-Oase

Politikwissenschaftler Constantin Alexander bietet Rundgänge durch das Ihme-Zentrum – und weckt damit neues Interesse an dem umstrittenen Bauwerk. Es ist einer der ungewöhnlichsten Spaziergänge, die es derzeit in Hannover gibt - und er soll den Blick verändern auf dieses Gebäude.

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Erkundung am Fluss: Die Besuchergruppe passiert die Ida-Arenhold-Brücke über der Ihme.

Quelle: Moers

Hannover. Viele waren lange nicht mehr hier. Haben Fotos gesehen, wie heruntergekommen es jetzt sein soll im Ihme-Zentrum. Dass nicht mehr viel übrig geblieben ist von der großen Idee von einst, der „Stadt in der Stadt“. Einer autarken Einheit aus Wohnen und Gewerbe, in der man aus der Wohnung mit dem Aufzug zum Einkaufen zu „Saturn“ fahren konnte und noch heute die Müllbeutel mit dem Müllschlucker auf den Weg von oben nach unten fallen lässt. „Ich erinnere mich noch, dass hier eine kleine Oase war“, erzählt eine Frau. Jetzt prangt dort zwischen wackligen Bauzäunen, abgerissenenem Flatterband und bloßem Beton das Schild: „Betreten der Baustelle verboten“. Die Gruppe lacht.

Eine Handvoll Hannoveraner ist diesmal nach Linden gekommen, um durch das Ihme-Zentrum zu spazieren. Weil sie sich selbst mal ein Bild davon machen wollten, wie es um den Gebäudekomplex steht, von dem viele sagen, er sei ein „Schandfleck“ für die Stadt. „Wir machen hier keinen Slum-Tourismus“, stellt Constantin Alexander zu Beginn der Tour klar. „Das hier ist die Heimat von Menschen.“ Seit einem Jahr ist es auch die Heimat des Politikwissenschaftlers - er ist aus freien Stücken in das Ihme-Zentrum gezogen, angezogen vom morbiden Charme der Betonburg, getrieben vom wissenschaftlichen Interesse an dessen unentdeckten Möglichkeiten. Im Selbstversuch will er herausfinden, wie es sich wohnt auf Hannovers größter Dauerbaustelle - und welches Potenzial im Ihme-Zentrum steckt. Die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlicht er wöchentlich in einem Internet-Blog. Bei Rundgängen haben Besucher die Gelegenheit, den Stadtforscher bei seinem ungewöhnlichen Projekt zu begleiten. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, mit den Vorurteilen zum Ihme-Zentrum aufzuräumen - und neue Möglichkeiten der Nutzung aufzuzeigen. Ganz abseits der Investoren-Debatte, den unzähligen Rettungsversuchen, der Stagnation.

Tour beginnt an der Benno-Ohnesorg-Brücke

Es ist einer der ungewöhnlichsten Spaziergänge, die es derzeit in Hannover gibt - und er solle den Blick verändern auf dieses Gebäude, sagt Constantin Alexander. Die Tour beginnt an der Benno-Ohnesorg-Brücke mit einem Panoramablick auf die am Wasser gelegene Fassade. Dort stören keine herunterhängenden Kabel, halb abgebrochenen Wände und Bauzäune den Blick. In diese Bereiche, die Psychologen „Angsträume“ nennen, geht es anschließend; durch die düstere Tiefgarage und mit Graffiti beschmierte Flure. Ein Teilnehmer ist begeisterter „Urban Explorer“. So nennen sich Menschen, die in ihrer Freizeit Industrieruinen und andere „verlorene Orte“ durchstreifen. Eine ehemalige Bewohnerin hatte von der Zwangsversteigerung in der Zeitung gelesen und will nun mehr wissen.

Überhaupt scheint das ungewisse Schicksal des Ihme-Zentrums derzeit viele zu interessieren. Die Rundgänge, die Constantin Alexander kostenlos anbietet, sind stets gut besucht. Bis zu 40 Leute sind schon mitgegangen, einmal hat Oberbürgermeister Stefan Schostok ein Grußwort zu Beginn der Runde gesprochen.

„Ich finde es fantastisch, dass er das Gebäude selbst erlebt“, erklärt Kommunikationsdesigner Markus Miksch seine Neugierde. Nachdem die Truppe die heruntergekommene Parkgarage und zahlreiche Baugerüste durchquert hat, macht sie auf der leer stehenden Einkaufsebene halt. Hier haben die Teilnehmer die meisten Erinnerungen: An vergangene Shoppingtouren, florierende Geschäfte. „Stellt euch vor, dort oben gäbe es hängende Gärten“: Leidenschaft liegt in seiner Stimme, wenn Alexander den Rundgangsbesuchern die Visionen für das Ihme-Zentrum vorstellt, die er im vergangenen Jahr bei Gesprächen mit Architekten, Planern, Kulturschaffenden und Bewohnern gesammelt hat. Eine Grüne Oase könnte es demnach sein, ein Zero-Energie-Haus, Skatepark oder Kulturzentrum. Alexander interessieren alle Ideen, die nicht „Abriss“ oder „Einkaufszentrum“ lauten. Doch um Letzteres wird es vielleicht bald gehen: Im Frühjahr haben Investoren die insolventen Gewerbeareale im Zentrum bei einer Zwangsversteigerung übernommen - noch ist unklar, mit welchen Ideen sie es modernisieren wollen.

Leben als „eingebetteter Forscher“

Foto: Politikwissenschaftler und Nachhaltigkeitsexperte: Constantin Alexander ist in das Ihme-Zentrum gezogen - um darüber zu forschen.

Politikwissenschaftler und Nachhaltigkeitsexperte: Constantin Alexander ist in das Ihme-Zentrum gezogen - um darüber zu forschen.

Quelle: Michael Thomas

Ausgangspunkt für Alexanders Leben als „eingebetteter Forscher“, ist eine Umweltanalyse, die er im Studiengang Nachhaltigkeitsmanagement erstellt. Im vergangenen Sommer ist er dafür selbst in eine 70-Quadratmeter Wohnung im fünften Stock gezogen. Auf Partys gilt er seitdem „als der Hipster, der ins Ihme-Zentrum gezogen ist und die Gentrifizierung plant,“ erzählt er schmunzelnd. Mit solchen Spötteleien kann er leben, wie mit den mitleidigen Blicken. Einige Bekannte sorgen sich um sein Wohlergehen und seine Sicherheit. Der Ausblick auf das Wasser sei fantastisch, schwärmt Constantin Alexander jedoch. „Nur das Gewerbe ist gescheitert“, lautet sein vorläufiges Fazit. Eine fatale Fehlplanung sei es, dass die Geschäftsflächen nicht auf Straßenhöhe liegen.

„Das Zentrum muss zum Campus werden”

Der meistgelesene Beitrag in Alexanders Blog trägt die Überschrift „Das Zentrum muss zum Campus werden”. Dort werden die Entwürfe zweier Innenarchitekturstudentinnen vorgestellt, die sich in ihrer Abschlussarbeit mit der Umgestaltung des Zentrums auseinandergesetzt haben. „Wir hörten immer mehr Geschichten über fertige U-Bahnstationen, geheime Partys, Junkies und Prostitution, und das Zentrum ließ neben einer gewissen Abscheu auch das Interesse wachsen“, erklären Elsa Berger und Linda Iglesias Navarro. Ihre Utopie: Die kreativen Studiengänge von der Expo-Plaza könnten in das Ihme-Zentrum umziehen. Davon versprechen sie sich Synergien, von denen der Komplex, die Studenten und letzten Endes die ganze Stadt profitieren könnte. Wie realistisch die Vorschläge sind, die Alexander sammelt, spielt für ihn derzeit nur eine zweitrangige Rolle. Innovative Nachhaltigkeitsprojekte könnten helfen, den grauen Klotz in eine florierende Öko- oder Kultur-Oase mit Vorzeigecharakter zu verwandeln, so sein Lösungsvorschlag.

Viele Bewohner sehen das Engagement von Alexander mit Wohlwollen. „Eines unserer Probleme ist ja, dass etliche Menschen über das Ihme-Zentrum reden, die nie dagewesen sind. Die Rundgänge tragen dazu bei, dass mehr Menschen die Immobilie wirklich Kennenlernen“, sagt Thomas Ganskow, der zugleich Sprecher der Bürgerinitiative Linden/Ihme-Zentrum ist. Die Rundgänge schafften Transparenz zur Stadtgesellschaft, „und vielleicht erhöhen sie ja auch den Druck auf den Investor, endlich klarer zu sagen, was er konkret vorhat.“

Auf einer ersten Eigentümerversammlung nach dem Verkauf an die Berliner Newtown-Gruppe kündigte Verwalter Torsten Jaskulski an, das Unternehmen wolle „einen vernünftigen Einzelhandel“ etablieren. Nach Grüner Oase hört sich das noch nicht an.

Nächste Führung am 19. August

Der nächste geführte Rundgang findet am 19. August statt. Die Tour dauert etwa zwei Stunden und ist kostenlos. Die Uhrzeit und der Treffpunkt werden nach vorheriger Anmeldung an diese E-Mail mitgeteilt: wirtschaftsuchtbilder@gmx.de

Wie könnte das Ihme-Zentrum aussehen?

Ökotopia: „Urban Farming“ und „Indoor Farming“ sind nur zwei von unzähligen Ansätzen, die auf eine nachhaltige Nutzung des Gebäudes abzielen. Dort, wo früher Elektronikartikel und Schuhe verkauft wurden, könnten Lebensmittel angebaut werden. Private Gärten und Initiativen könnten zudem die öffentlichen Flächen begrünen. Beispiele für gelungene „Urban Gardening“-Projekte gibt es bereits mehrere in Hannover. Weitere Ideen sind das Aufstellen einer Bio-Gas-Anlage oder Windräder auf den Dächern.

Barrierefreies Wohnen: Ein überdurchschnittlich großer Teil der Bewohner im Ihme-Zentrum ist 60 Jahre und älter. Weil ein großer Teil der Wohnungen barrierefrei ist, bleibt das Zentrum auch im Alter ein attraktiver Wohnort. Pflegedienste oder ähnliche Angebote gibt es dort dagegen nicht – bislang. Ein geplantes Wohngebiet am Annastift in Wülfel setzt etwa auf Barrierefreiheit für Senioren.

Uni-Campus: Ein Wohnheim gibt es bereits, warum nicht gleich einen ganzen Campus mitten in die Stadt verlagern? Die Vorstellung, etwa die Kreativ-Studiengänge der Hochschule Hannover, in das Ihme-Zentrum zu holen, dürfte besonders unter Studenten und in der Kreativszene für Begeisterung sorgen.

Kultur- und Sportzentrum: Klettersprossen an den Hauswänden, ein moderner Trimm-dich-Pfad am Ihme-Ufer, Skate- und Sportplätze in den leer stehenden großen Gewerbeflächen: Die ungenutzten Flächen im Ihme-Zentrum bieten viele Freiräume. Kultur- und Sportangebote könnten auch ortsfremde Besucher anlocken. Das Theater in der Glocksee nutzte den Komplex jüngst als Spielstätte. In dem Stück „Tante Titanik“ spielte das Ihme-Zentrum bezeichnenderweise die Rolle des sinkenden Riesendampfers.

Pop-up-Dinner: Es braucht nicht viel: Ein paar Tische, Stühle und gutes Essen. Spontane Zusammenkünfte an ungewöhnlichen Orten, sogenannte Pop-Up-Dinner, gibt es immer häufiger – warum nicht auch im Ihme-Zentrum? Eine Gruppe Hannoveraner hat genau das kürzlich gemacht – und schwärmte von der „Magie des Ortes“. Damit das Event nicht zu groß wird, laden die Macher die Gäste persönlich über Facebook ein – der nächste Termin wird im September sein.

Was ist Ihre Vision für das Ihme-Zentrum? Was könnte man hier machen? Welche Events sind vorstellbar? Was wünschen Sie sich für Hannovers Betonkomplex?

Schreiben Sie uns Ihre Idee an online@haz.de – oder via Facebook und Twitter.

Von Mario Moers

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