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Neudeck fordert mehr Solidarität mit Flüchtlingen

Der knorrige Kämpfer Neudeck fordert mehr Solidarität mit Flüchtlingen

Die Rettung der Boatpeople im Jahr 1979 machte den Jesuiten und Journalisten Rupert Neudeck berühmt. In Hannover fordert er nun die Bevölkerung zu mehr Solidarität mit den Flüchtlingen von heute auf.

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„Enthusiastischer Aufbruch“: Rupert Neudeck im überfüllten Haus der Religionen in der Südstadt.

Quelle: Eberstein

Hannover. Eine passende Geschichte hat er eigentlich immer parat. Wie die von dem syrischen Zahnarzt, der zum deutschen Amt sogar seine Promotionsurkunde mitbrachte, fein säuberlich abgeheftet in einer Klarsichthülle – und trotzdem keine Arbeitserlaubnis bekam. „Die Sachbearbeiterin verlangte ernsthaft ein polizeiliches Führungszeugnis!“, ruft Rupert Neudeck. „Aus Damaskus!“ Er schüttelt den Kopf: „Das lässt mich an der Flexibilität der deutschen Behörden zweifeln“, sagt der 76-Jährige – und sein Publikum gnickert verstehend. Ein Führungszeugnis. Aus Damaskus. Was könnte besser die Probleme illustrieren, die deutsche Gründlichkeit den Flüchtlingen bereitet.

Das Haus der Religionen, in dem Neudeck zum Tag der Menschenrechte bei Amnesty International spricht, ist wegen Überfüllung geschlossen. Mehrere Hundert Menschen sind gekommen, um den Aktivisten zu erleben. Neudeck ist so etwas wie eine deutsche Legende: Mit Heinrich Böll gründete der frühere Jesuit und Journalist 1979 sein Hilfskomitee für vietnamesische Boatpeople. Mit dem Flüchtlingsschiff Cap Anamur rettete er mehr als 10 000 Menschen im chinesischen Meer. Später rief der promovierte Philosoph, der im Haus der Religionen stilecht eine Jutetasche am Handgelenk trägt, die Friedensinitiative „Grünhelme“ ins Leben.

Neudeck könnte Deutschlands Mutter Teresa sein, wenn er sich ein bisschen gepflegte Zurückhaltung auferlegen würde. Doch noch immer ist er zu kämpferisch, um den Weltweisen zu geben – und er eckt gern an, etwa mit seiner Kritik am israelischen Siedlungsbau.

In Hannover spricht er über Flüchtlinge: „Ich habe in Deutschland nie einen so enthusiastischen Aufbruch erlebt wie in den vergangenen Monaten“, sagt er zufrieden: Teils gebe es in den Unterkünften mehr Helfer als Flüchtlinge. „Die Vietnamesen sind heute ein Musterbeispiel fürs Totaleinleben geworden – und bei den oft gut ausgebildeten Syrern wird es ähnlich sein“, prophezeit er: „Viele Afghanen werden es schwerer haben, aber auch das ist machbar.“

Spritzig ist sein frei gehaltener Vortrag und anekdotenreich. Leidenschaftlich fordert Neudeck, afrikanischen Migranten eine Berufsausbildung in der Heimat zu bieten. Und er fordert, die Verfahren für Syrer zu beschleunigen, damit sie zügig eine Arbeit aufnehmen können: „Die Vietnamesen durften vom ersten Monat an arbeiten, sie steckten nicht im Asylverfahren“, sagt er: „Zu dieser Großzügigkeit sollten wir zurückkehren.“ Wichtiger als die bloße Versorgung sei es ohnehin, Flüchtlingen eine sinnvolle Beschäftigung zu geben: „Menschen wollen nicht still gestellt werden, sie wollen unbedingt tätig sein“, sagt er. „Ich würde nach zwei Monaten Herumsitzen verrückt werden.“

Das glaubt man ihm unbesehen. Knorrig wirkt der dünne Mann, der mit seinen langen Haaren und dem weißen Bart auch einer Bibelverfilmung entstiegen sein könnte. Doch zugleich ist er so umtriebig wie jemand, der eine Mission hat, die ihn nicht loslässt. In diesem Jahr war er auf Lesbos und in Marokko, in Ägypten und im Libanon. Nächste Woche reist er in den Nordirak, immer unermüdlich im Einsatz für Flüchtlinge. Sein Pensum sei schon weniger umfangreich als früher, sagt der 76-Jährige verlegen, wenn man ihn danach fragt. Und außerdem: „Ich habe ein Rückflugticket in der Tasche, Weihnachten werde ich bei meiner Familie sein – die Vertriebenen nicht.“

Bei jedem Wort wirkt Neudeck authentisch. Er weiß, wovon er spricht. In doppelter Hinsicht: Er kennt seine Materie – und er weiß, wie es ist, selbst Flüchtling zu sein. Als Kind floh er mit seiner Mutter und drei Geschwistern aus Danzig: „Ich war einer von zwölf Millionen“, sagt er. Er lebte in einem Lager, dann wurde die Familie „einquartiert“: „Es gab damals die Zwangsbewirtschaftung von Wohnraum, irgendwie sind wir alle aufgenommen worden“, sagt er: „Dort hatten wir einen klaren Status, wir wussten, dass wir in Sicherheit waren.“ Die schrecklichen Erlebnisse hätten sein Leben geprägt, bekennt er nach seinem Vortrag nachdenklich. Um dann gleich wieder kämpferisch zu werden: „Das ist die denkbar stärkste Motivation, etwas für die Flüchtlinge von heute zu tun.“

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