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Aus der Stadt SPD rückt von Bauamtssanierung ab
Hannover Aus der Stadt SPD rückt von Bauamtssanierung ab
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00:15 26.01.2015
Von Andreas Schinkel
„Korrodierter Bewehrungsstahl, gegebenenfalls mit Auswirkungen auf die Tragfähigkeit“: Das marode Bauamt. Quelle: Surrey
Hannover

Während innerhalb der SPD auch Abriss und Neubau der Bauverwaltung erwogen werden, plädieren die Grünen für einen Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes. „Schnellschüsse in Richtung Abriss lassen wir mal links liegen“, sagt Grünen-Wirtschaftsexpertin Elisabeth Clausen-Muradian. Jetzt komme es darauf an, die weiteren Untersuchungen zu Reparaturbedarf und Kosten abzuwarten, dann lasse sich seriös über eine Variante zur Umsetzung reden.

Hinter den Kulissen werden die Grünen noch deutlicher. Die SPD sei vor einem Jahr vorgeprescht und habe eine „ganzheitliche Sanierung der Bauverwaltung unter Beachtung des Denkmalschutzes“ gefordert, sagt ein grüner Ratsherr. So steht es in einem gemeinsamen Antrag von SPD und Grünen, der im Januar 2014 beschlossen wurde. „Aber innerhalb von elf Monaten kann man seine Meinung schnell ändern“, lästert der Grüne über den Koalitionspartner. Folgt die Stadt Hannover dem rot-grünen Beschluss, müsste sie tief in die Tasche greifen. Denn SPD und Grüne verlangen in ihrem Antrag zugleich eine energetische Sanierung (Innendämmung, neue Fenster) sowie einen verbesserten Brandschutz, moderne Elektrik und neue Sanitäranlagen. Damit dürften die Kosten zwischen 35 und 45 Millionen Euro liegen, der höchsten von drei Kategorien, die ein Gutachten jetzt ermittelt hat. Eine Basissanierung (Fassaden und Dach) kostet zwischen 15 und 20 Millionen Euro.

SPD tritt auf die Kostenbremse

Die SPD verabschiedet sich jetzt von ihren eigenen Vorgaben und tritt auf die Kostenbremse. „45 Millionen Euro für 
ein Verwaltungsgebäude finde ich 
 unverhältnismäßig. Dafür können wir 
13 Schwimmbäder sanieren“, sagt eine Sozialdemokratin. Abriss und Neubau, 
so die Überlegung der SPD, wären günstiger, liefen aber dem Denkmalschutz zuwider. Die SPD sieht jetzt Wirtschaftsdezernentin Sabine Tegtmeyer-Dette in der Pflicht, eine Grüne. Sie ist Chefin der Abteilung Gebäudemanagement, die sich um den Unterhalt der städtischen 
Immobilien kümmert, also auch um die Bauverwaltung.

„Frau Tegtmeyer-Dette muss über den Sinn und Zweck des Denkmalschutzes mit dem Landesamt reden“, fordert SPD-Baupolitiker Ewald Nagel. Denkmalschutz sei kein Selbstzweck. Nagel sorgt sich, dass am Ende eine Lösung für die marode Bauverwaltung auf die lange Bank geschoben 
wird. „Wir müssen aufpassen, dass 
neben dem Rathaus keine zweite VHS entsteht.“

Bauamt soll keine zweite VHS werden

Das Haus der Volkshochschule am Theodor-Lessing-Platz war viele Jahre lang eingerüstet, weil Fassadenteile herunterfielen. Im August verlässt die VHS ihren Sitz, das marode Gebäude wird entkernt. Die Bauverwaltung ist seit vergangenem Jahr ebenfalls von Gerüsten umschlossen, weil die Fassade bröckelt. Feuchtigkeit ist in den Beton eingesickert und lässt Stahlteile korrodieren. In dem von der Stadt beauftragten Gutachten heißt es: „Zwei Drittel der untersuchten Bereiche weisen bereits korrodierten Bewehrungsstahl, gegebenenfalls mit Auswirkungen auf die Tragfähigkeit, auf.“

Kopfschütteln verursacht das marode Bauamt beim Bund der Steuerzahler. „Die Stadt hat den Unterhalt des Gebäudes sträflich vernachlässigt“, sagt der Haushaltsreferent des Verbands, Gerhard Lippert. Die Stadt investiere zu wenig Geld in den Erhalt ihrer Infrastruktur, „das fällt dem Steuerzahler vor die Füße“. Lippert wünscht sich ein Umdenken. Jetzt sei die Stadt aufgefordert, alle Möglichkeiten zu prüfen, um das Bauamt wieder in Schuss zu bringen – auch Abriss und Neubau.     

In Hannover stehen insgesamt 5480 Häuser unter Denkmalschutz. Der Abriss dieser Gebäude ist schwierig, teilweise sogar fast unmöglich. Vier Beispiele aus der Landeshauptstadt.

5480 Bauten stehen in Hannover unter Denkmalschutz

Der Titel ist auch Verpflichtung: In Hannover gelten genau 1234 einzelne Objekte als Denkmale. Außerdem stehen 244 „Gruppen baulicher Anlagen“ unter Denkmalschutz – beispielsweise Siedlungen, zu denen mehrere Häuser gehören. „Insgesamt sind 5480 Gebäude in der Stadt denkmalgeschützt“, sagt Stefan Winghart, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege: „Das sind schätzungsweise zwei bis drei Prozent aller Gebäude.“ Eigentümer dürfen beispielsweise die Dachform oder Fenster und Fassaden nicht ohne Weiteres verändern – Innenanstriche oder Elektrik hingegen schon.

Zu Hannovers Denkmalen zählen mittelalterliche Gebäude wie die Marktkirche ebenso wie klassizistische Laves-Bauten. Besonders stark auf der Denkmalliste vertreten sind Gebäude aus der Gründerzeit und aus den 50er-Jahren: „Diese Epoche spielte in Hannover eine wichtige Rolle“, sagt Winghart. So stehen unter anderem das Ministerium für Wissenschaft und Kultur und das Conti-Hochhaus, das bei seinem Bau 1953 als höchstes Hochhaus Deutschlands galt, unter Denkmalschutz – und eben die 1954 von Werner Dierschke errichtete Bauverwaltung.

Ein Abriss der Bauverwaltung ist aufgrund des Denkmalschutzgesetzes fast unmöglich. Der Status des geschützten Denkmals lässt sich praktisch kaum aufheben. Zwar können Privateigentümer ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude unter Umständen abreißen, wenn dessen Erhalt aus wirtschaftlichen Gründen unzumutbar ist. Doch für Kommunen gelten weit höhere Hürden: Finanzielle Gründe reichen hier nicht aus; es muss ein „öffentliches Interesse“ am Abriss nachgewiesen werden. Die Entscheidung, ob ein Denkmal abgerissen wird, liegt bei der unteren Denkmalschutzbehörde, im Fall der städtischen Bauverwaltung also bei der Stadt selbst. Doch auch in eigener Sache ist diese ans Denkmalschutzgesetz gebunden, sagt Winghart. „Und die Bauverwaltung ist eindeutig ein erhaltenswertes Gebäude.“     

be

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