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Aus der Stadt Warum hat keiner was gemerkt?
Hannover Aus der Stadt Warum hat keiner was gemerkt?
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00:16 21.03.2016
Von Jutta Rinas
Saleh, der Bruder von Safia S., zeigt sich im Internet kämpferisch und postet salafistische Inhalte. Quelle: Facebook
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Hannover

Auf seinem Facebook-Account ist Saleh S. im militaristischen Tarnanzug zu sehen. In den Händen hält der ältere Bruder von Safia S., die am hannoverschen Bahnhof einen Polizisten mit dem Messer angriff, eine Art Schwert. Wie ein junger Kämpfer, der in den Krieg ziehen wird, will der 17-Jährige wohl wirken. Salehs Gesichtsausdruck sieht allerdings lange nicht so Furcht einflößend aus wie seine Kleidung. Der Junge schaut seltsam bedrückt, mit fast leeren Augen in die Kamera.

„Das war alles nur Spaß“, sagen Freunde heute. Aber irgendwann wurde daraus bitterer Ernst. Saleh S. soll derzeit in der Türkei im Gefängnis sitzen. Er hat angeblich versucht, sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen. Gegen ihn ermittelt die hannoversche Staatsanwaltschaft wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Extreme Beispiele für angeworbene Jugend

Saleh S. ist ein Jugendlicher, dessen Träume von Anerkennung, Geltung und Macht offenbar eine religiös-extremistische Wendung nahmen. Sein Fall ist in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt, weil seine Schwester mit gerade einmal 15 Jahren im Verdacht steht, eine religiöse Fanatikerin zu sein. Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt gegen sie wegen Verdachts auf einen dschihadistisch motivierten Terroranschlag.

Die beiden hannoverschen Geschwister mögen extreme Beispiele für Jugendliche sein, die für den gewaltbereiten Islamismus angeworben wurden. Sie sind beileibe nicht die einzigen, die sich radikalisiert haben. In 80 Fällen haben Eltern, Angehörige oder Lehrer bei „beRATen“ um Hilfe gebeten, der in Hannover ansässigen, niedersächsischen Beratungsstelle gegen neo-salafistische Radikalisierung.

Und das in knapp einem Jahr: Die Beratungsstelle, die die Landesregierung und die islamischen Verbände Ditib und Schura ins Leben riefen, gibt es noch nicht allzu lange. „Wir merken, dass die Zahl der Anfragen weiter steigt“, sagt Christian Hantel, Teamleiter bei „beRATen“: 40 Fälle betreuten die vier Mitarbeiter derzeit. Fast 20 sind Hantel zufolge sogar „sicherheitsrelevant“. Das heißt, es stehen Reisen in Krisengebiete oder zu Terrorgruppen im Raum oder sie sind sogar schon erfolgt - und die Betroffenen wollen zurück.

Gefährliche Hilfsorganisationen

Manchmal wissen Eltern, die sich melden, gar nicht, wie weit ihr Kind sich schon radikalisiert hat. Selbst dann noch nicht, wenn einer der jungen, selbst ernannten Gotteskrieger bereits versucht hat, sich dem IS anzuschließen, sagt Hantel. Eine Mutter meldete sich bei der Präventionsstelle, weil ihr Sohn sich immer mehr in eine eigene Welt zurückzog. Immer mehr Zeit verbrachte der Junge in der Moschee. Mehrere Ausbildungen scheiterten daran, dass er auch im Job nicht auf seine Gebetsrituale verzichten wollte.

Stattdessen wollte er bei einer Hilfsorganisation mitmachen. Erst im Verlauf der Gespräche bei „beRATen“ wurde sie darauf aufmerksam, dass der karitative Verein des Sohnes dschihadistische Bezüge hatte. „Helfen in Not“, „Afrikabrunnen“ oder „Ansaar Düsseldorf“ oder „Ansaar International“ sind laut Hantel Organisationen, bei denen Eltern hellhörig werden sollten.

Zuletzt stellte sich sogar heraus, dass der Junge schon einen Ausreiseversuch unternommen hatte - und von der Polizei aufgehalten worden war. Selbst das hatte die Mutter verharmlost. „Manchmal müssen wir einen richtigen Weckruf starten, damit die Eltern merken, was los ist“, sagt Hantel.

Eltern sind das letzte Bindeglied

Eltern von Mädchen, die im Gottesstaat geheiratet haben und schwanger geworden sind, hat der Sozialpädagoge beraten. Eltern von Jugendlichen, die auf dem Weg nach Syrien oder in den Irak im Ausland verhaftet wurden. Es gehe in solchen Fällen zunächst darum, den Kontakt zu halten: zumeist übers Handy. „Die Eltern“, sagt Hantel, „sind in der Regel das letzte Bindeglied in die normale Gesellschaft“.

Manchmal sind religiös-extremistische Drohgebärden aber auch nur Fassade. Dahinter steckt Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, pubertärer Protest. „Mit nichts kann ein Mädchen heutzutage seine Eltern mehr provozieren als mit der Androhung, den Koran zu kaufen, zu konvertieren“, sagt Hantel: „Was früher das Piercing war, ist heute das Kopftuch.“ Da müsse man eher beruhigend wirken.

Was finden Jugendliche überhaupt am Salafismus? Warum schließen sie sich Gruppen an, die ihr Leben an einer strikten Auslegung des Koran und dem Leben von Mohammed und seinen frühen Anhängern ausrichten? Was finden sie an Männern, die lange Bärte und arabische Gewänder tragen, an Frauen, die verschleiert sind?

Eine Erklärung ist: So weltfern sie äußerlich wirken, so souverän bewegen die Salafisten sich im Internet. Wenn man die Worte „Sinn des Lebens“ und „Islam“ eingebe, finde man im Netz zunächst fast nur salafistische Angebote, sagt Hantel.

Anderes Beispiel: Salafistenprediger Pierre Vogel ködert Menschen in Youtube-Videos unter dem Titel „Islam erklärt in 30 Sekunden“ mit Einsichten, die fragwürdig, aber auch leicht konsumierbar sind.

Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt

Jugendlichen biete so etwas in einer immer komplexeren Welt Orientierung, sagt Hantel. Der Alltag werde durch klare Regeln wie das fünfmalige tägliche Gebet strukturiert. Jugendliche, deren Persönlichkeit sich aufgrund von familiären Problemen oder schulischen Misserfolgen nicht festigen konnte, sind für die einfachen Erklärungen des Salafismus ansprechbar.

Die Welt von Saleh S. war - so scheint es zumindest - mit der streng religiösen Mutter und dem getrennt, in chaotischen Verhältnissen lebenden Vater ohnehin nicht einfach.

Der Junge fiel schon auf dem Gymnasium auf: wegen Alkoholdelikten, schlechter Noten. Am Ende flog er zweimal. „Da ist viel für ihn zusammengebrochen“, sagt sein Vater später. Es kam zum Bruch mit der Mutter, Saleh zog zum Vater, versuchte erstmals, in die Türkei auszureisen, um sich dem IS anzuschließen, wurde von der Polizei gefasst.

Facebookaccount gibt noch mehr Rätsel auf

Er musste zur Mutter zurück, weil der Vater ihn rausschmiss: Der empfand das Verhalten des Sohnes als Vertrauensbruch. Und wie fühlte Saleh sich? Selbst Freunde bekamen angeblich nur mit, dass er sich immer weiter zurückzog. Sein Facebook-Account hinterlässt eher Fragen als Antworten.

Schulfreundinnen sieht man da genauso wie einen Muslim, der Videos der vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation „Siegel der Propheten“ hochlädt.

Ein anderer mit dem Fantasienamen „Victor Kalaschnikov“ brüstet sich mit bürgerschaftlichem Engagement bei der Bürgerwehr. Auffällig ist, dass die Fotos, die Saleh postet, bevor er zum zweiten Mal versucht, sich in Syrien dem IS anzuschließen, immer düsterer werden. „Akhir Zaman“ heißt es auf einem gelb umrandeten Schild in einer trostlosen Landschaft. Übersetzt bedeutet das so viel wie: Endzeit oder Ende der Welt.

Die Reise von Saleh S. in ein neues Leben im Terror endete offenbar im Gefängnis in der Türkei.

Die Hotline der Beratungsstelle zur Prävention neo-salafistischer Radikalisierung ist telefonisch unter der Nummer (05 11) 70 0 5 20 40 werktags von 9 bis 15 Uhr erreichbar.

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