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Aus der Stadt Die Verwandlung
Hannover Aus der Stadt Die Verwandlung
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00:15 17.02.2014
Von Simon Benne
Samuel Koch bei den Proben für seine Abschlussprüfung. Quelle: Wilde
Hannover

Ob er das kann? Ein Schauspieler ist ja immer jemand, der einen anderen verkörpert. Aber wie kann das gehen, wenn jemand so sehr an den eigenen Körper gebunden ist wie er? Wenn jemand so sehr Samuel Koch ist wie Samuel Koch? Der Name des 26-Jährigen ist ja für immer verknüpft mit einer der beklemmendsten Stunden der deutschen Fernsehgeschichte. Seit seinem Unfall vor einem Millionenpublikum bei „Wetten, dass …?“ im Dezember 2010 ist der Schauspielstudent gelähmt.

Der ehemalige „Wetten, dass ...?“-Kandidat Samuel Koch als Schauspieler

„Der Abend danach hat sich mir zutiefst eingeschrieben“, sagt Susanne Rode-Breymann, Präsidentin der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Geschockt waren Kochs Kommilitonen und Dozenten, die damals ratlos zusammensaßen. „Und doch geisterte an dem Abend die irreale Hoffnung herum, dass es irgendwie weitergehen könnte“, sagt Rode-Breymann. Tatsächlich ging es weiter: Nach der Reha in der Schweiz kehrte Koch an die Hochschule zurück. Die Dozenten entwickelten für ihn einen speziellen Studienplan, die Kommilitonen halfen ihm – und jetzt, nach vier Jahren Studium, ist es Zeit für sein Absolventenvorspiel, den praktischen Teil des Studienabschlusses.

Atemlose Stille herrscht im Studiotheater an der Expo-Plaza, als seine Mitstudentin Brigitte Middlemiss ihn im Rollstuhl auf die Bühne schiebt. Sie spielen Erwin und Hertha, zwei todkranke junge Leute, die in Wolfdietrich Schnurres „Der Ausflug“ aus einer Klinik türmen, um ein letztes Mal Spaß zu haben. Es ist eine berührende Geschichte darüber, wie der Tod die Sehnsucht nach dem Leben wachküsst. Leidend und glücklich zugleich wirkt dieser Erwin, handfest und zugleich zerbrechlich, wenn Koch ihn spielt. Einmal lässt er den schlaffen Arm effektvoll von der Rolli-Lehne fallen. Bald ist er kein behinderter Schauspieler mehr, sondern ein Schauspieler, der einen Behinderten spielt.

Fragt man ihn, wie der Unfall sein Leben als Bühnenmensch verändert habe, reagiert Samuel Koch mit feiner Ironie: „Meinen konservativen ästhetischen Vorstellungen hat es eigentlich nicht entsprochen, im Rollstuhl auf die Bühne zu kommen“, sagt er. Oft sei er bei Proben an seine Grenzen gestoßen, doch immer wieder hätten sich auch neue Wege eröffnet, erzählt er mit leiser, oft stockender Stimme. Auf der Bühne klingt diese immer laut und fest. „Vor dem Unfall war ich auf körperbetonte Rollen reduziert, Akrobatik war mein Kapital – das fällt jetzt weg“, sagt er. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dennoch so viel Reizvolles an der Schauspielerei finden würde.“

Beim Vorspiel an diesem Abend stehen diverse kleine Szenen auf dem Programm, theatrale Fingerübungen. Bei einem Monolog aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ liegt Koch mit halb abgedecktem Oberkörper auf einem Seziertisch. In einer Szene aus „Leonce und Lena“ fährt er nervös den Elektrorollstuhl vor und zurück und spuckt zornige Parolen ins Publikum. Koch hat da durchaus Rampensauqualitäten. Spricht man mit ihm abseits der Bühne, bittet er zwischendurch schon mal seine Schwester, ihm ein Glas Wasser an die Lippen zu setzen oder ihm beim Räuspern zu helfen, indem sie ihm auf den Bauch drückt. Während der Vorstellung aber, wenn er ganz in seiner Rolle aufgeht, wirkt nichts hilflos oder so, als wäre es nur seinem Handicap geschuldet. Theater erschafft ja eine eigene Realität – und verändert so die wirkliche. In Kochs Fall gilt das ganz besonders.

Sein Lehrer, Schauspielprofessor Jan Konieczny, kann eine Anekdote über ihn erzählen: „Anfangs, noch vor dem Unfall, wusste ich nicht recht, ob er in diesen Studienjahrgang passt, dieser Sportler, dieser Muskelprotz“, sagt er. Dann jedoch habe Koch bei einer Schauspielübung Brot gegessen: „So echt, so rührend, so glaubwürdig“, schwärmt Konieczny. Und als er ihn darauf ansprach, sagte Koch, dass er zur Vorbereitung einfach drei Tage lang nichts gegessen habe. „Er ist einer, der an Extreme gehen kann“, sagt sein Lehrer. „Das imponiert mir.“

Die letzte Szene des Abends, ein Monolog nach Kafkas „Bericht für eine Akademie“, beginnt im Dämmerdunkeln. Koch sitzt auf einem Stuhl. Plötzlich greift er nach einer Flasche, steht auf und geht herum – die Irritation im Saal ist groß. Dann sieht man: Ein dunkel gekleideter Freund – Robert Lang, der bei Kochs Unfall nur wenige Meter entfernt stand – hat sich Koch vor die Brust geschnallt, seine Hände hält er in seinen Händen. So gehen beide als Doppelwesen, abwechselnd den Text rezitierend, über die Bühne – und man weiß kaum, wer da wen bewegt. Ohne Kochs Behinderung wäre es zu diesem Regieeinfall wohl nie gekommen. Dabei passt das Marionettenhafte perfekt zu Kafkas Geschichte von dem Affen, der sich selbst zum Menschen dressiert.

Am Ende steht Koch da, gehalten von Robert Lang. Das applaudierende Publikum steht auch. Koch verbeugt sich, umarmt gratulierende Kollegen. Als er später gefragt wird, wie er sich jetzt fühlt, lächelt er müde: „Erleichtert“, sagt er.

Gemeinsam mit Samuel Harfst ist Samuel Koch derzeit auf „Konzertlesung“-Tour. Vom 27. März an spielt er in Elfriede Jelineks Stück „Bambiland“ im Kulturzentrum Faust.

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