Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Satiriker Hartmut El Kurdi ist nach Hannover gezogen
Hannover Aus der Stadt Satiriker Hartmut El Kurdi ist nach Hannover gezogen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:32 02.01.2010
Kam von Braunschweig nach Hannover: Hartmut El Kurdi. Quelle: Dillenberg

Vor zwei Jahren erhielt der Autor und Satiriker Hartmut El Kurdi in einem Brief ein ungewöhnliches Angebot. Heinz Balzer, der damalige Leiter des Kulturbüros Hannover, lud den Braunschweiger ein, nach Hannover umzuziehen. „Hier herrscht Meinungsfreiheit, und weder meine Mitarbeiter noch ich würden es sich nehmen lassen, ihre Veranstaltungen zu besuchen“, schrieb Balzer. Ein Abwerbungsversuch eines erfolgreichen Autors? Eine persönliche Sympathiebekundung? Nein, eher das Ergebnis eines kleinen Skandals. In einem internen Schreiben wies der Braunschweiger Oberbürgermeister Gert Hoffmann (CDU) städtische Mitarbeiter an, Veranstaltungen von El Kurdi fern-zu-bleiben. El Kurdi hatte wiederholt auf Hoffmanns ehemalige NPD-Mitgliedschaft hingewiesen und den Politiker in Kolumnen kritisiert. Hoffmann zog Konsequenzen, auch wenn er die interne Anweisung nach Protesten und sogar einer Demonstration mit 200 Teilnehmern relativierte.

Zwei Jahre später sitzt El Kurdi in der „Bar“ in Linden-Nord und trinkt Milchkaffee. Er trägt Kapuzenpulli und ein Baseballcap, ohne das man ihn selten sieht. Seine goldenen Ohrringen glitzern im Winterlicht, und seine Stimme klingt ruhig und entspannt, er scheint sich wohlzufühlen in seiner neuen Heimat. Seit ein paar Monaten ist El Kurdi Hannoveraner. „Der Umzug steht mit der Bürgermeistergeschichte nicht im direkten Zusammenhang – aber die Auseinandersetzung hat es mir nicht einfacher gemacht, dort zu arbeiten“, sagt der 45-Jährige. Manche Veranstalter haben ihn nicht mehr eingeladen, insgesamt verspürte er eine gewissen Zurückhaltung ihm gegenüber. „Ich habe kein Interesse am politischen Märtyrertum“, sagt El Kurdi und rührt in seinem Kaffee. „Für mich ist das Thema durch, es hindert mich an meiner Arbeit.“ Davon habe er genug.

El Kurdi schreibt vor allem Kinderbücher, aber auch Kurzgeschichten und Kolumnen für Veranstaltungsmagazine und Tageszeitschriften. Der 1964 in Jordanien geborene Autor studierte Kulturpädagogik in Hildesheim und inszenierte und produzierte Theaterstücke am Staatstheater Braunschweig, am Kinder- und Jugendtheater Dortmund, dem Volkstheater Rostock und dem Stadttheater Hildesheim. Sein Kinderhörspiel „Angstmän“ wurde mit dem Deutschen Kinderhörspielpreis ausgezeichnet. Derzeit veröffentlicht er nacherzählte Ruhrpottsagen in der Wochenzeitung „Zeit“, die im Februar als Buch veröffentlicht werden.

„Aber eigentlich schaue ich mir gerade ganz entspannt Hannover an“, sagt der Neu-Lindener. „Wenn man in eine neue Stadt zieht, ist es doch wunderbar, dass man nicht gleich etwas ganz Großes auf die Beine stellen muss – man kann sich ganz gut entspannen“, sagt El Kurdi. Seine erste Lesung hat er trotzdem schon hinter sich gebracht. Ab Februar wird er Teil der Lesebühne „O.R.A.L.“ sein, weitere Auftritte sind in Planung. Er habe zudem endlich Zeit für Kindergeschichten, die er auch seiner zehnjährigen Tochter vorliest. „Ich halte nichts von Kinderliteratur, die das Publikum verfehlt“, sagt El Kurdi. Er möchte bei seinen Lesungen vor allem herausfinden, wie Kinder ticken und denken – und ihnen dann Geschichten schreiben, die ihnen auch gefallen.

Der Anspruch hat viel mit seiner eigenen Herkunft zu tun. El Kurdi wuchs in einer Kasseler Sozialwohnung auf. In seinem Elternhaus war die Bibel das einzige Buch. Literatur entdeckte er erst nach und nach in der Stadtbücherei. Er habe sich die Begeisterung fürs Lesen und Schreiben vor allem selbst erarbeitet. Diese Begeisterung möchte er nun bei seinen Lesungen in Schulen weitergeben, auch in Hannover.

Mit der Landeshauptstadt hat El Kurdi auch ein neues Kolumnenfeld betreten. Aber von gezielter, anlassloser Kritik an Stadtpolitikern oder Prominenten hält er nichts. „Ich bin kein Kabarettist oder auf der Suche nach politischen Themen“, sagt El Kurdi. Nur manchmal staue sich die Wut zum Beispiel über verfehlte Bildungspolitik auf – und dann müsse er es einfach aufschreiben. „Man hat keine Wahl“, sagt der 45-Jährige, und: „Man ist, wie man ist.“ Er sei eben ein Künstler, der gern Stellung bezieht. Satire sei Satire. Und plötzlich weicht der entspannte Gesichtsausdruck einem überzeugten, entschlossenen Blick.

Verspürt er Lust, nach zwei Jahren in Richtung der Braunschweiger Obrigkeit nachzutreten? Nein. „Es ging mir nie um persönliche Eitelkeiten, sondern um Inhalte“, sagt El Kurdi. Und dass er das Thema nun wirklich endlich abhaken möchte. Dann trinkt er seinen Milchkaffee aus, blinzelt durch die Café-Scheibe in die Wintersonne und verabschiedet sich mit einem Lächeln. Er müsse noch etwas arbeiten. Immerhin: In Hannover ist das schließlich noch möglich.

von Jan Sedelies

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Aus der Stadt Vereiste Oberleitungen - Winterchaos bei der Bahn

Zum Jahreswechsel gab es erneut Winterchaos bei der Bahn. Vereiste Oberleitungen sorgten für Verspätungen und lange Wartezeiten. Bei der Üstra gab es kaum Probleme. „Wir haben zusätzliche Bahnen eingesetzt und damit die Taktzeiten so erhöht, dass die Leitungen nicht einfrieren konnten“, sagte Unternehmenssprecherin Anke Vogt.

Tobias Morchner 01.01.2010

Hannovers Stadtrat Thomas Walter (CDU) fordert eine Freigabe von Bier und Wein erst ab 18 Jahren – und ein bundesweites Werbeverbot. Seit zwei Jahren
 wendet sich die Stadt
 mit einem eigenen 
Programm gegen den
 Alkoholkonsum von 
Jugendlichen.

Gunnar Menkens 01.01.2010

Das Aufräumen fällt aus: Der Schnee verhinderte am Neujahrstag, dass die professionellen Aufräumer die Straßen wie geplant von Knaller- und Raketenresten reinigten.

Thorsten Fuchs 01.01.2010