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Aus der Stadt Schützenfest: Wieder mehr so wie früher?
Hannover Aus der Stadt Schützenfest: Wieder mehr so wie früher?
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06:30 07.07.2017
Von Gunnar Menkens
„Heulende Kinder wären ja auch keine gute Werbung“: Maryline Schütze und Nichte Anni in der Geisterbahn. Foto: Schaarschmidt Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Früher war es so in der Geisterbahn: Man setzte sich in ein schienengebundenenes Fahrzeug, fuhr los in nachtschwarze Räume und bald sprang aus einem Hinterhalt ein Plastikgerippe vor. Grusel, Grusel.

Alle Texte und Fotos zum Schützenfest finden Sie auf unserer Themenseite.

Und heute? „Die Skelette sprechen jetzt“, sagt Maryline Schütze. Ihre Augen leuchten, wenn sie davon erzählt. Sie tut das lebhaft, begeistert und immer mit einem Lachen. Geisterbahn ist ihr Geschäft. Sie hat jetzt Werwölfe, Fledermäuse, Zombies und Horrorclowns, und inzwischen dürfen echte Menschen diese Gestalten spielen, was früher nicht erlaubt war. Ein Ausbildungsberuf ist so etwa nicht, das kann man nicht lernen. Aber echte Menschen können ihre Masken abnehmen und Kindern nach der Fahrt zeigen, dass nette Leute am Werk waren und alles nur Spaß. „Heulende Kinder“, sagt Frau Schütze, „wären ja auch keine gute Werbung.“

Am Mittwoch ist traditionell Familientag auf dem Schützenfest in Hannover. Viele Besucher sind mit ihren Kindern gekommen. 

30 Jahre im „Geister-Schloss“

Die Schaustellerin hat vor 30 Jahren sozusagen in ein Schloss eingeheiratet. Bei Adeligen geht es da sofort ans Eingemachte, beim „Geister-Schloss“, das Herr Schütze betrieb, lief die Hochzeit ohne Schwierigkeiten. Dieses Jahr steht das Geschäft der Familie im äußeren Ring auf dem Schützenfest. Er ist bestückt mit, wie es im Jargon heißt, Fahr- und Belustigungsgeschäften. Im inneren Kreis stehen die großen Zelte mit den langen Bänken, sie sind ein Angebot für Freundinnen und Freunde handfester flüssiger Belustigung. Es gibt genügend Besucher, für die Schützenfest heißt, morgens in der Firma zu erzählen, wie geil besoffen man im Festzelt war. Das ist nicht ganz die Welt von Maryline Schütze, bei allem Verständnis für unterschiedliche Interessen der Kundschaft. Ginge es nach ihr, sollte das Fest in Zukunft wieder mehr ein Ort für Familien sein, „so wie früher“.

Die Geschäftsfrau hat einen prominenten Fürsprecher: Oberbürgermeister Stefan Schostok. Der ist Chef des inneren wie äußeren Kreises im Rathaus und sprach als solcher bei einer Runde von Schaustellern. Sehr viele kamen nicht, mit Schostok erschien aber doch die gesellschaftlich relevante Gruppe der Oberbürgermeister.

Hannover feiert sein Schützenfest. Angesichts der langen Tradition lohnt sich ein Blick zurück auf die besten Bilder aus der Geschichte des Schützenfestes Hannover.

Sein Grußwort vor gut geschätzt 40 Anwesenden enthielt dem Sinn nach die Botschaft, das Schützenfest wieder groß zu machen. „Dieses Fest kann man sich leisten“, rief er in Sachen Familienfreundlichkeit und rührte die Werbetrommel für Schausteller, „die jedes Jahr mit neuen Fahrgeschäften begeistern“. In diesem Jahr leider ohne Achterbahn, was ein bisschen ist wie Baller ohne Kalle. Dass Schostok in einer Umsicht, die niemanden zurück lässt, auch den Pöttemarkt als hannoversche Knaller-Veranstaltung erwähnte, wunderte hinterher doch einen Zuhörer. Man sieht sich eben in einer anderen Liga. Schostok trat mit einer Bitte ab: „Machen Sie das Fest wieder zu dem, was es mal war.“

Es gibt ja Probleme. Im vergangenen Jahr kamen deutlich weniger Besucher auf den Schützenplatz. Man diskutierte über zu hohe Preise und darüber, dass sich immer weniger Menschen kurzlebige Belustigungen leisten wollten. Und es kriselte zwischen Schaustellern und dem damaligen Organisator Klaus Timaeus. Manche Geschäftsleute fühlten sich nicht ernst genommen, geduldet als Naschwerk zum Schützenausmarsch, der jedes Jahr der größter aller Zeiten ist. Ab 2017 soll alles besser werden. Dass es nun statt des traditionellen Ballerkalle mit auf den Bauch gepinselter Zielscheibe eine pinke Ballerina als Schwestermaskottchen gilt, soll den Neuanfang symbolisieren.

Maryline Schütze spricht über das angeblich teure Fest offensiv. Wenn eine Familie 50 oder 70 Euro für ein Fahren, Essen und Trinken ausgibt, findet sie das in Ordnung. „Das ist gut angelegtes Geld. Das verballert man nicht, das gibt man für sich und seine Kinder aus. Alles kostet Geld. Außer, man geht in den Wald.“ Einen Ponyhof wünscht sie sich fürs Volksfest, auch das zielt klar auf Familien.

Von A wie Ausmarsch bis Z wie Zapfenstreich. Am Freitag startet das 488. Schützenfest in Hannover. Damit sie für den Besuch gewappnet sind, gibt es das Schützenfest-ABC mit allerhand nützlichem Wissen rund um die Schützentradition und die Party.

Gedanken über nachlassende Attraktivität von Fahrgeschäften, Buden und Festzelten hat sich Ingo Vorlop noch nicht gemacht, jedenfalls sagt er das. Es könnte ja sein, dass das Publikum irgendwann alles gesehen hat und zu Hause bleibt. Vorlop stammt aus einer verzweigten und sieben Generationen zurück reichenden Schaustellerdynastie, er selbst schenkte seiner Tochter als Einstiegsgeschäft eine Créperie und ist auf dem Schützenplatz mit Automaten und „Gemüse-Imbiss“ am Start. In aller Ruhe fragt der 50-Jährige: „Verliert der Zoo an Attraktivität?“ Was wohl heißen soll, dass zum Beispiel ein Nilpferd praktisch immer ein Nilpferd bleibt, die Leute aber trotzdem wiederkommen. Thomas Meyer, Inhaber der Wildwasserbahn und Vize-Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, stimmt Vorlop zu: „Das Produkt hat an Reiz nichts verloren.“ Dennoch: Bei einer Zwischenbilanz zeigten sich Schausteller nur leidlich zufrieden mit Umsatz und Besucherzahlen.

Reisen ist teuer

Ist alles wieder abgebaut in Hannover, sind „Geister-Schloss“ und Wildwasserbahn verpackt, geht die Reise weiter. Reisen bedeutet: hohe Ausgaben. Meyers Geschäft muss in 40 Container verpackt werden, was bei ihm sechs bis acht Mitarbeiter übernehmen. Dann fahren Speditionen alles Material an den nächsten Ort, bald ist es Hamburg. Meyer sagt, ein Lastkilometer Autobahn schlage mit zwei bis drei Euro in die Bilanz.

Und weil Volksfeste ohne Sicherheitsdienst nicht mehr denkbar scheinen, kosten auch Wachleute Geld. Nichts deutet indes darauf hin, dass Menschen aus Angst zu Hause bleiben. Gleichgültig aber, wer was sagt und fragt, Vorlop sieht die Lage in hellstem Licht, jedenfalls sagt er das. „Das Schützenfest ist der Treffpunkt für Hannover.“ Und im Nachsatz, als gebe er eine vertrauliche Nachricht weiter: „Das können Sie ruhig so schreiben.“

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