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Ist Hannover 1000 Jahre älter als gedacht?

Scherbenfund am Marstall Ist Hannover 1000 Jahre älter als gedacht?

Archäologen suchen am Hohen Ufer nach Resten der mittelalterlichen Stadt mit ihrer Befestigung. Gefunden haben sie Alltagsgegenstände – und eine Scherbe aus der Zeit um Christi Geburt. Ist Hannover also viel älter als gedacht?

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Das kleine Stück Stadtmauer, das Grabungsmitarbeiter Robert Brosch genau dokumentiert, misst nur wenige Meter Länge.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Die kleine Tonscherbe mit dem Kerbenmuster wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Ein Töpfer hat das Gefäß in der Zeit um Christi Geburt geformt und mit einem Kammstrich-Muster verziert. Doch wie kommt eine so alte Scherbe auf das Ausgrabungsfeld am Marstall?  Seit Dezember legen Archäologen hier Schicht um Schicht Geschichte frei. Bis zur Anlage der Stadtbefestigung mit Wall und Wassergräben ab 1250 wollen sie vordringen. Einen Fund vom Beginn unserer Zeitrechnung hatten sie nicht auf dem Zettel.

„Die Scherbe kommt aus der unmittelbaren Umgebung. Sie ist in einer Siedlung hergestellt worden, die vielleicht ein paar Hundert Meter entfernt lag“, schätzt Friedrich-Wilhelm Wulf, Bezirksarchäologe vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Viel später, wohl im Mittelalter, schütteten Menschen das Leineufer großflächig auf. Dabei mag Schutt aus der lange aufgegebenen Siedlung ins Füllmaterial geraten sein. Auch bei anderen mittelalterlichen Städten an der Leine wurde der sumpfige Uferbereich künstlich erhöht und damit bewohnbar, berichtet Wulf. Es ist höchst wahrscheinlich, dass für diese Arbeiten Erdreich aus der direkten Umgebung genommen wurde – alles andere wäre unverhältnismäßig mühsam gewesen.

Archäologen machen Fortschritte bei den Ausgrabungen am Marstall. 

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Dafür, die Geschichte Hannovers neu zu schreiben, reicht eine einzelne Scherbe dennoch noch nicht. Belegt ist die Besiedlung des Stadtgebiets ab dem
10. Jahrhundert. Früher entdeckte Einzelfunde, wie eine römische Münze aus dem 3. Jahrhundert, Beile und Äxte aus der Jungsteinzeit, sind kein Beweis für ein Dorf. „Wir wissen nicht, wo die Siedlung lag, aus der unsere Tonscherbe stammt. Das ist das Problem.“ Deshalb gibt Wulf sich noch vorsichtig – und hofft nun auf weitere Funde. „Eine Scherbe kommt selten allein. Wir sind schon ein bisschen aufgeregt.“

Forschen bis in 4,50 Meter Tiefe

Handfester wirkt das kleine Stück Stadtmauer, das die Archäologen freilegen konnten. Da nur an wenigen Stellen in der Stadt Abschnitte erhalten sind, will Wulf mit dem Investor klären, ob die Mauer in das geplante Gebäude mit Tiefgarage integriert werden kann. Die Firma Hochtief baut nach Ende des Ausgrabungen an der Stelle ein fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus.

Am Donnerstag waren noch die massiven Grundmauern des Marstalls zu erkennen. Diese Reste des königlichen Pferdestalls vom Ende des 17. Jahrhunderts müssen weichen. Die Archäologen dokumentieren alles und forschen weiter bis auf 4,50 Meter Tiefe nach mittelalterlichen Resten wie Schutzwall und Wassergräben. Der innere Graben hatte mindestens zehn, der äußere 35 Meter Breite. „Sie wurden gern zur Abfallentsorgung genutzt“, sagt Grabungsleiter Markus Brückner von der Firma Archaeofirm aus Isernhagen. Die Mitarbeiter haben etliche Rinderkiefer und zerbrochene Keramik geborgen.

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