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Starb sie, weil sie eine Zwangshochzeit ablehnte?

Nach Schießerei in Vahrenheide Starb sie, weil sie eine Zwangshochzeit ablehnte?

Auch zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf eine 21-Jährige auf einer kurdischen Hochzeit ist der Täter weiter auf der Flucht. Die Polizei fahndet nach dem 22-jährigen Mann: Er soll gezielt deshalb auf die junge Frau geschossen haben, weil sie offenbar eine Zwangshochzeit mit ihm ablehnte.

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Polizisten stehen in der Nacht zum 14. März vor einem Veranstaltungszentrum in Vahrenheide, wo Shylan H. (kleines Bild) tödlich verwundet wurde.

Quelle: Dillenberg/privat

Hannover. Nach Informationen der HAZ handelt es sich um Sefin N., einen Kurden aus dem Irak und den Cousin des Opfers. Er ermordete Shylan H. offenbar, weil sie ihm als Ehefrau versprochen wurde, die Heirat aber ablehnte.

Zwar wollen sich Polizei und Staatsanwaltschaft weiterhin nicht zu den Hintergründen der Tat äußern, am Montag veröffentlichte der Vater des Opfers, Ghazi H., aber einen Nachruf auf seine Tochter bei Facebook. Dort drückt er seine tiefe Trauer und seinen Schmerz aus. „Mein Herz blutet“, heißt es dort. Und weiter: „Meine Tochter wurde ein Opfer von veralteten Bräuchen und Traditionen.“ Denn offenbar sollte die junge Frau, die an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden Architektur studierte, zwangsverheiratet werden.

Nach den Schilderungen des Vaters wollten seine beiden Brüder Shylan mit ihrem Cousin Sefin N. verheiraten. Offenbar passten sie Mitte vergangenen Jahres absichtlich einen Zeitpunkt ab, zu dem Ghazi H., der noch vier weitere Töchter hat, im Ausland war. „Als ich von meiner Reise zurückkehrte und mir meine Tochter davon berichtete und sagte, dass sie die Ehe nicht wolle, weigerte ich mich, der Hochzeit zuzustimmen“, schreibt er weiter. Das sollen seine Brüder und vor allem der Cousin nicht hingenommen haben. Am Sonntagabend nutzte Sefin N. dann die Hochzeit im Star Event Center an der Straße Alter Flughafen, bei der er und Shylan Gäste waren, um die junge Frau mit mehreren gezielten Schüssen zu ermorden.

Trotz eines Großaufgebotes der Polizei, schaffte er es zu flüchten. Ein Spezialeinsatzkommando durchsuchte am Montag eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Burgdorf, in der die Ermittler den Täter vermuteten. „Der Mann wurde dort aber nicht angetroffen“, sagt Staatsanwältin Kathrin Söfker, die sich zu den Ermittlungen nicht weiter äußern will. Unklar ist, ob Sefin N.s Vater und sein anderer Onkel ihn bei der Flucht unterstützten. Laut Shylans Vater wollten auch sie Rache für die abgesagte Zwangsheirat.

„Diese Tat ist ein Beispiel dafür, welche Konflikte entstehen können, wenn zwei unterschiedliche Kulturen oder Ansichten aufeinanderstoßen“, sagt Rauf Ceylan, Professor am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Er betont jedoch, dass arrangierte Hochzeiten nicht typisch für den Islam seien. „Die Ehe ist im Islam übrigens auch kein Sakrament. Das heißt, es ist auch möglich, sich jederzeit scheiden zu lassen.“

Sefin N. kränkte jedoch offenbar schon die Ablehnung von Shylan H. so sehr, dass er sie tötete. Für Religionswissenschaftler Ceylan ist das ein Hinweis darauf, dass der junge Mann in einer Gesellschaft mit archaischen Werten und Traditionen sozialisiert wurde (siehe Interview). Die Frau, die ihm versprochen wurde, lebte jedoch offenbar in einer Familie mit moderneren Ansichten, wie auch eine Bekannte des Opfers in einem Beitrag auf Facebook schildert. „Ich lernte sie im Herbst 2014 kennen, sie benötigte meine Unterstützung, weil sie in Holzminden Architektur studierte und dort hinziehen wollte“, schreibt sie. „Leider keine Selbstverständlichkeit in unserem Kulturkreis, weil sie noch nicht verheiratet war.“ Shylans Vater soll aber dennoch eingewilligt haben. „Ihm war egal, was die ,anderen‘ sagen, er wollte nur eins, dass seine Tochter glücklich wird und was aus ihrem Leben macht.“

Nachgefragt...

... bei Prof. Rauf Ceylan, Institut für Islamische Theologie, Uni Osnabrück.

Herr Ceylan, sind Ehrenmorde ein islamisches oder kurdisches Problem? Diese Frage hören wir immer wieder. Ich denke aber, dass man so eine Tat oder die Ursachen dafür, nicht einer Religion oder einer Ethnie zuschreiben kann. Viel mehr ist es ein gesellschaftliches Problem. Solche Beziehungskonflikte finden sich meist unter Menschen, die in archaischen, traditionellen Gesellschaftsformen sozialisiert wurden. Da ist es egal, ob es sich beispielsweise um Moslems oder Jesiden, Kurden oder Türken handelt. Wird die Tat aber von dem Mitglied einer dieser Gruppen begangen, werden alle anderen oft in Sippenhaft genommen.

Also sind Zwangsehen im Islam nicht an der Tagesordnung?
Die Ehe ist im Islam eine freiwillige Beziehung auf der Grundlage eines Vertrages, der absolute Rechtssicherheit für Frau und Mann gibt. In vielen traditionellen Gesellschaften dagegen ist es leider noch üblich, dass jemand, der vermögend ist, aber nur Töchter hat, mit einem Verwandten versucht, die Kinder miteinander zu verheiraten, damit der Wohlstand in der Familie bleibt. Die Liebeshochzeit ist auch in Europa eher eine neuere Erfindung.

Aber offenbar können sich Jesidinnen, Kurdinnen oder Muslima nicht gegen so einen Handel wehren.
Egal was in einem Vertrag steht, wenn die Frau nicht aus freien Stücken und aus Liebe heiratet, ist die Ehe im Islam ungültig. Daher sollten Frauen nicht alleingelassen werden, und die gesamte Gesellschaft sollte sich gegen Zwangsehen wehren.

Interview: Jörn Kießler

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