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Das ist der Schleuser aus dem Deutschen Pavillon

Mohamad A. vor Gericht Das ist der Schleuser aus dem Deutschen Pavillon

Zu Hunderten eingepfercht in führerlosen Frachtschiffen auf hoher See entgingen syrische Flüchtlinge nur knapp einer Katastrophe. Einer der mutmaßlichen Schleuser, die die "Blue Sky M" und die "Ezadeen" per Autopilot auf eine Odyssee schickten, steht jetzt in Hannover vor Gericht.

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Mohamad A. - im Vordergrund sein Verteidiger Wolfgang Rudolph - soll mit Helfershelfern in großem Stil Flüchtlinge nach Italien geschleust haben.

Quelle: Foto: Katrin Kutter

Hannover. Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex sprach im Dezember 2014 von einem „neuen Grad an Grausamkeit“ bei der Flüchtlings-Schleusung aus Nahost. Zwei alte Frachter mit Hunderten von Menschen an Bord waren im Mittelmeer unterwegs, irgendwann trieb einer führungslos auf die italienische Küste zu. Die Besatzung hatte die Geisterschiffe verlassen oder sich unter die Passagiere gemischt, die unter schauderhaften hygienischen Bedingungen auf den Decks zusammengepfercht waren. Auf der „Blue Sky M“ hausten 796 Migranten - die meisten von ihnen aus Syrien -, auf der „Ezadee“ 360; immerhin konnten alle gerettet werden. Seit gestern muss sich ein mutmaßliches Mitglied der Schlepperbande vor dem Landgericht Hannover verantworten. Die Polizei hatte ihn als Flüchtling im ehemaligen Deutschen Pavillon aufgegriffen.

Zu Hunderten eingepfercht in führerlosen Frachtschiffen auf hoher See entgingen syrische Flüchtlinge nur knapp einer Katastrophe. Einer der mutmaßlichen Schleuser, die die „Blue Sky M“ und die „Ezadeen“ per Autopilot auf eine Odyssee schickten, steht jetzt vor Gericht.

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Der 34-jährige Syrer Mohamad A. ist wegen verschiedener Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz angeklagt, unter anderem wegen des banden- und gewerbsmäßigen Einschleusens von Ausländern. Dieses Verbrechen kann mit einer Haftstrafe bis zu zehn Jahren geahndet werden. Die 19. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Stefan Joseph hat für den Prozess sieben Verhandlungstage angesetzt.

Die 82 Meter lange „Blue Sky M“ hatte am 25. Dezember 2014 im Hafen der türkischen Millionenstadt Mersin nahe der syrischen Grenze abgelegt. Gebaut worden war das Küstenmotorschiff 1976 in Hamburg, schipperte zunächst als „Seefalke“ über die Meere. Den „lieben Geschwistern“ aus Syrien, Palästina und dem Irak priesen es die Anwerber der Schleuserbande in November und Dezember 2014 als gut gewartetes Schiff an, mit einem Deck für Familien und einem Deck für Alleinstehende, mit einem syrischen Kapitän, mehreren Ärzten sowie guter Medikamentenversorgung. Doch die Wirklichkeit auf dem rostigen, überfüllten Seelenverkäufer sah anders aus.

Lebensmittel und Wasservorräte waren viel zu knapp bemessen. Weil es nur eine Toilette für knapp 800 Menschen gab, waren die Schiffsböden bald mit Fäkalien bedeckt, auch türmte sich der Müll in den Gängen. Die See war rau, die Passagiere versuchten, sich mit dünnen Decken vor der Kälte zu schützen. Dann wurde zwischen griechischer und italienischer Küste ein fingierter Notruf abgesetzt, es war die Rede von einem Motorschaden. Die Schleuser sollen sich mit einem Boot abgesetzt haben; schlussendlich schleppte die italienische Küstenwache den Frachter, der unter moldawischer Flagge fuhr, am Silvestertag in den Hafen der Stadt Gallipoli ein.

Ähnlich verlief das Flüchtlingsdrama auf dem Viehtransporter „Ezadeen“. Dieser Frachter war 1966 ebenfalls in Deutschland als Küstenmotorschiff gebaut worden, 2014 fuhr das Schiff unter der Flagge von Sierra Leone. Hier verbrachten 360 Passagiere die Tage vom 27. Dezember 2014 bis zum 2. Januar 2015 unter menschenunwürdigen Bedingungen an Bord - dabei hatten ihnen die Anwerber „Essen und Trinken kostenlos“ versprochen. 150 Kilometer vor der italienischen Küste verließ die Besatzung, die ihre Gesichter stets verhüllte, die Kommandobrücke und mischte sich unter die Flüchtlinge. Ein Patrouillenboot schleppte den führungslosen Kahn schließlich in einen kalabrischen Hafen.

Ins Rollen kamen die Ermittlungen, weil einige der Flüchtlinge Monate später in Deutschland aufgegriffen wurden und vor der Polizei aussagten. Demnach bezahlten sie für die Überfahrt zwischen 4400 und 6500 Euro. Wenn man davon ausgeht, dass Uralt-Frachter schon für sechsstellige Summen zu kaufen sind und dass 796 Flüchtlinge auf einem Schiff wie der „Blue Sky M“ den Schleusern mehr als 4 Millionen Euro in die Kassen gespült haben dürften, wird die enorme Gewinnspanne der Menschenschmuggler deutlich.

Die Staatsanwaltschaft Hannover spricht davon, dass es in der Schlepperorganisation von Mohamad A. drei Organisationsebenen gab. Die Anwerber lotsten die Asylsuchenden per Facebook in „Versicherungsbüros“ in der Türkei. Dort kümmerten sich die Vermittler um vorübergehende Unterkünfte und die Bezahlung. Die Ausreisewilligen mussten ihr Entgelt treuhänderisch hinterlegen und bekamen eine Codenummer; hatten sie ihr Ziel in Europa erreicht, gaben sie diese Nummer frei, sodass die Schleuser ihren Anteil des Fluchtgeldes ausgezahlt bekamen. Überlebte ein Passagier die Reise nicht, strich das Versicherungsbüro die ganze Summe ein. Die dritte Ebene der Organisation beschaffte die Schiffe und kümmerte sich um die Fahrt über das Mittelmeer. Mohamad A., so die Anklage, soll zur Gruppe der Vermittler gehören. Wie hoch sein Anteil am Erlös der Fluchthilfe war, ist offen.

Der Angeklagte stellte sich unter Mithilfe des Dresdner Anwalts Wolfgang Rudolph den Fragen des Gerichts. Demnach versuchte er seit 2011 selbst mehrfach, nach Europa zu kommen, pendelte zwischen Türkei und Griechenland. In der Türkei habe er zeitweise ums Überleben gekämpft und in seiner Not Rasen gegessen, dann sei er von einer Schlepperbande aufgegriffen worden. Er habe den Männern selbst Geld für eine Überfahrt gezahlt, sei aber getäuscht und nicht nach Europa gebracht worden. A. gab zu, den Schleusern gelegentlich sein Handy geborgt zu haben, bestritt aber, selbst zur Bande zu gehören; von diesem Telefon hatte die Polizei verräterische Nachrichten abgefangen. 2015, so der Angeklagte, habe er in Istanbul tatsächlich 16 Interessenten für eine Flucht über die Balkanroute angeworben. Ursprünglich habe man ihn unter Todesdrohungen gegen seine Frau und seine drei Kinder sogar aufgefordert, 30 Ausreisewillige zu rekrutieren. In Istanbul hätten ihm die Schleuser sein Handy schließlich entwendet - und damit unter seinem Namen um Flüchtlinge geworben.

Festnahme auf dem Expo-Gelände

Länderübergreifende Ermittlungen: Federführend bei der Verfolgung der Schleuserbande, der Mohamad A. angehören soll, war die Generalstaatsanwaltschaft Dresden. Länderübergreifend ermittelte sie gemeinsam mit türkischen und italienischen Behörden gegen mehr als 20 Verdächtige, darunter auch Besatzungsmitglieder der „Blue Sky M“ und der „Ezadeen“.

Die Polizei observierte etliche Personen und überwachte ihre Telefone, später gab es mehrere Durchsuchungen und Festnahmen. Dem 34-jährigen A. wird der Prozess in Hannover gemacht, weil er im Januar dieses Jahres in der Flüchtlingsunterkunft im Deutschen Pavillon festgenommen wurde; erst im Dezember 2015 hatte er sein Quartier in der Unterkunft auf der Expo-Plaza bezogen.

Nach Deutschland eingereist war A. im November über den Landweg; die 16 Flüchtlinge, die er nach eigenem Bekunden in Istanbul anwarb, sollen ihn auf seinem Weg über die Balkanroute begleitet haben.

Sieben Syrer, die die Dienste der Schlepperbande in Anspruch nahmen und für ihre Schiffspassage nach Deutschland viel Geld bezahlten, haben bei der Polizei ausgesagt; einige von ihnen werden am Landgericht Hannover noch als Zeugen gehört. Die Asylbewerber sind derzeit in verschiedenen deutschen Städten untergebracht, etwa in Dortmund und Bremen.

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