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Aus der Stadt Schloss Marienburg dient als Filmkulisse
Hannover Aus der Stadt Schloss Marienburg dient als Filmkulisse
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20:28 22.02.2012
Der NDR hat auf der Marienburg die Dreharbeiten zum Brüder-Grimm-Märchen „Allerleirauh“ fortgesetzt. Quelle: Rainer Surrey
Schulenburg

Nein, König Jakob und dessen Freund Rasmus sind nicht wirklich nett zu der Unbekannten mit dem rußgeschwärzten Gesicht und dem Fellmantel. Immer wieder fordern sie das zierliche, blonde Mädchen auf, ihnen die Stiefel im Schlosshof auszuziehen, sie lachen es aus, spotten, schikanieren sie. Erst als Koch Mathis einschreitet, hört die Quälerei auf. Den König sollte es freuen, schließlich verliebt er sich später in die Unbekannte, die in Wirklichkeit eine Prinzessin ist. Aber so weit sind die Dreharbeiten im Süden Hannovers noch nicht. Zunächst einmal bedankt sich Regisseur Christian Theede  bei den Schauspielern Henriette Confurius, Adrian Topol, André Kaczmarczyk und Fritz Karl, die sich dicke Jacken für den kalten Schlosshof holen. Die Szene ist im Kasten. Gleich komme die Presse. Man solle an die Essenspause denken.

Die jungen Darsteller sind die Stars der Märchenverfilmung von „Allerleihrauh“ der Brüder Grimm. Für die ARD-Reihe „Sechs auf einen Streich“ verwandeln sie das Schloss Marienburg neun Tage lang in einen historischen Märchenspielort, in dessen Hof Komparsen wie Unternehmensberater Christian Koschmieder Obsthändler spielen, die in Mittelaltergewändern ihre Waren auf Pritschenwagen feilbieten. Ein Tuchhändler preist derweilen zwischen Heuballen seine Waren an. Und Bauern holen Wasser noch mit Holzfässern aus dem Brunnen. Mittendrin stehen Beleuchter, Kameramänner und Requisiteure, die alte Schwerter in Plastiktüten transportieren und auf edle Blumenkübel Aufkleber mit der Aufschrift „Dies ist kein Aschenbecher“ kleben.

Die Zeit drängt, weitere Dreharbeiten auf dem Schloss Hämelschenburg und in Hamburg warten. Schlossverwalter Mauritz von Reden wirkt dennoch ganz entspannt und auch ein klein wenig stolz. Es ist der erste Fernsehfilm, für den auf dem Schloss gedreht und künstlich geheizt wird. „Es wurde nicht oft gefragt“, erklärt von Reden. Produzentin Elke Ried scheint nicht unglücklich darüber. So ist die Marienburg als Filmset noch unverbraucht.

Der NDR hat am Mittwoch auf der Marienburg bei Hannover die Dreharbeiten zum Brüder-Grimm-Märchen „Allerleirauh“ fortgesetzt.

Der Märchenfilm ist ein weiterer Beweis für die wachsende Attraktivität der Filmstadt Hannover. Immer mehr Musiker drehen hier ihre Videos, Unternehmer setzen bei Imagefilmen auf die Ideen aus der Leinestadt, und immer wieder laufen auf Festivals auch Kinofilme, die in Hannover spielen. Dabei sind es neben renommierten Unternehmen wie Ambient Entertainment mit seinen Animationsfilmen „Konferenz der Tiere“, „Urmel“ oder „Back to Gaya“ vor allem kleine Firmen, die große Ideen umsetzen. So drehte schon der erfolgreiche Rapper Kool Savas in den Herrenhäuser Gärten, Ex-Spice-Girl Mel C. sang auf der Hochbrücke, und der amerikanische Rapper Redman kam extra aus den USA, um das Neue Rathaus zur Videokulisse zu machen. „Hannover bietet spannende Drehorte und ein Netzwerk, das jede Idee umsetzen kann“, sagt Konstantin Kunze von The White Studios. Wenn Heinz Rudolf Kunze kurzfristig bei einem Italiener drehen möchte oder eine Schweizer Firma in Hannover eine Software für Rohrinspektionen in Szene setzen will, werde unkompliziert geholfen. „In Hannover können sich Filmemacher entwickeln, fast jede Firma, die hier einmal angefangen hat, gibt es heute noch“, sagt Kunze. Man wachse gemeinsam.

Das bestätigt auch Sebastian Riemen, Geschäftsführer von Ambient Entertainment, der gerade mit der neuen „Tarzan“-3-D-Produktion für Constantin Film beschäftigt ist. „Es werden eher mehr Unternehmen als weniger in Hannover, die sich im Filmbereich ansiedeln.“ Trotzdem sei es eine angenehme Zusammenarbeit. „Es freut uns, dass hier einfach viel passiert.“

Das Wachstum der Branche bemerkt auch Nicolaj Georgiew, der gerade aus Brasilien zurückgekehrt ist, um für den Musiker Mousse T. Aufnahmen für ein Video zu machen. Seit 22 Jahren ist er in Hannover als Fotograf und seit 14 Jahren als Filmer aktiv. „Früher gab es einen Hype um Berlin, dann drehten alle in Frankfurt  am Main, heute entdecken Produzenten die Vielfalt Hannovers.“ Es gibt Katakomben, alte Lagerhallen auf dem Hanomag-Gelände, und es gibt vor allem unkomplizierte Menschen. „Man kennt sich.“ Die Behörden seien zuvorkommend. Als er kürzlich die Genehmigung bekam, mit Schlagerstar Nicole am Expo-Bahnhof zu drehen, war sie schlichtweg von der Location begeistert.

Auch Jochen Coldewey, Chef der Filmfördergesellschaft Nordmedia, sieht die Entwicklung des Film- und Fernsehstandorts Hannover positiv. Man könne durchaus feststellen, dass immer häufiger Filme in der Region gedreht werden. „Wobei der Märchenfilm eher eine Ausnahme ist, weil für ihn der Drehort nach dem Motiv und nicht nach der Förderung ausgewählt wurde“, stellt Coldewey klar. Denn auch wenn Hannover mittlerweile viele Vorteile für die Filmindustrie biete, drehten Produzenten immer noch vor allem dort, wo sie gefördert würden. Darum produzierten einst auch Regisseure wie Dieter Wedel in Hannover. 

Entsprechend positiv fiel das Ergebnis in einigen vergangenen Produktionen für Hannover aus. Der leichte ARD-Krimi „Der Mann, der alles kann“ mit „Großstadtrevier“-Star Peter Heinrich Brix taucht vor allem die Altstadt rund um den Ballhof in mildes Licht. Der Film „Die Vermissten“ von Regisseur Jan Speckenbach, der gerade auf der Berlinale vorgestellt wurde, setzt die Hochstraße in Szene. Und der kommende Tatort mit Maria Furtwängler wird im kommenden Monat vor allem die hannoversche City abbilden. Mehr als 25 Produktionen wurden in den vergangenen zwei Jahren in Hannover gedreht. Mit dem „Up and Coming“-Festival und dem derzeit laufenden Kinderfilmfest „Seepferdchen“ fördere die Nordmedia zudem zwei Leuchttürme der Filmindustrie in Niedersachsen.

Bei aller Euphorie für den Standort wird Hannover, wenn es nach Coldewey geht, aber auch künftig kaum mit Filmhochburgen wie Berlin und Köln mithalten können. „Berlin ist mit den Filmstudios Babelsberg einfach zu groß, aber Hannover bietet Nischenqualitäten“, sagt Coldewey. Hier bekomme man schneller eine Drehgenehmigung, weil nicht jeden Tag eine Anfrage komme. Und Nachbarn seien einfach eher bereit dazu, auf ihren Parkplatz zu verzichten, wenn nicht täglich gesperrt werde. „Außerdem arbeitet man in Hannover nachhaltig, wenn Ambient Entertainment zum Beispiel mehrere Jahre einen Film produziert.“ So werden Arbeitsplätze langfristig gesichert. „Oft kommt doch der Filmtross so schnell, wie er wieder geht. Wir wollen nachhaltig fördern und setzen in Hannover darum auf Reihen und Serien.“

Und vielleicht kommen auf diese Weise noch weitere Märchenfilme in Hannover zustande. Der Schlossverwalter auf der Marienburg schien am Mittwoch nicht abgeneigt. Nur Horrorfilme müssten es nicht unbedingt sein.

Jan Sedelies

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