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Was passierte auf der Klassenfahrt?

Schüler drei Monate suspendiert Was passierte auf der Klassenfahrt?

Zwei Elfjährige sollen  Mädchen belästigt, sie an den Brüsten und am Po angefasst haben. Nun sollen sie drei Monate lang vom Unterricht suspendiert werden. Doch ist die Strafe wirklich angemessen? Der Fall wirft viele Fragen auf. Einige werden nun juristisch geklärt.

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Derzeit wegen der Ferien verlassen: Die Schule in Langenhagen. Am Montag sollen sich Konferenzen erneut mit den Vorwürfen beschäftigen. 

Quelle: Foto: Katrin Kutter

Langenhagen. Die Klassenfahrt im sechsten Jahrgang habe „zusammengeschweißt“, heißt es auf der Homepage der Integrierten Gesamtschule Süd Langenhagen: „Die soziale Zusammengehörigkeit innerhalb der Klassen, aber auch klassenübergreifend, ist als sehr positiv zu manifestieren.“ So wohltuend können Klassenausflüge wirken. Doch in dem Bericht geht es um die gemeinsame Fahrt der Klassen 6.2 und 6.3 nach Langeoog. Schlagzeilen hingegen macht jetzt der Ausflug einer anderen sechsten Klasse der gleichen Schule: Mehrere Jungen sollen Mädchen belästigt, sie an den Brüsten und am Po angefasst haben. Zwei Jungen sind für drei Monate komplett vom Unterricht suspendiert, wogegen die Eltern vorgehen. Der HAZ-Bericht hat Diskussionen ausgelöst darüber, was unter Kindern erlaubt ist und was nicht, wo Lehrer Grenzen setzen sollen und wie hart Verstöße bestraft werden dürfen.

Auch am Dienstag waren viele Details unklar – die Vorkommnisse auf der Klassenfahrt sind durch die Eltern der beiden beschuldigten Jungen an die Öffentlichkeit gelangt, die ihre Kinder ungerechtfertigt an den Pranger gestellt sehen. Sie werfen der Schule vor, dass ihre Söhne als Sündenböcke herhalten sollen. Fünf andere Jungen aus der Klasse wurden mehr oder weniger entlastet, was die Eltern der beiden Elfjährigen misstrauisch stimmt. Doch die Gemengelage ist unübersichtlich - auch, weil bisher ausschließlich die Sicht der Eltern der Jungen bekannt ist, die Eltern der drei betroffenen Mädchen aber zunächst nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen.

IGS Süd in Langenhagen

Erst zum August 2014 ist die neue Integrierte Gesamtschule Süd Langenhagen, so der komplette Name, an den Start gegangen. Bei ihrer Gründung begann die Schule, die sich noch im Aufbau befindet, mit dem fünften Jahrgang. Seitdem kommt jedes Jahr ein neuer Jahrgang hinzu. Die IGS wird am Ende bis zur zehnten Klasse reichen.

Seit diesem Schuljahr gehört auch die benachbarte Brinker Grundschule zu der IGS. Die Schule umfasst deshalb seit August 2016 den ersten bis siebten Jahrgang. Aktuell lernen rund 550 Kinder und Jugendliche an der IGS Süd Langenhagen, die im Stadtteil Brink liegt. Das Anwachsen der Schule erfordert in Kürze eine Ausweitung der Räume. Vorläufer der IGS ist die Brinker Schule, eine Grund-, Haupt- und Realschule.

Relativ gesichert ist, dass es während der Klassenfahrt an mehreren Tagen zu sexuellen Übergriffen gekommen ist. Etwa ein halbes Dutzend Jungen soll drei Mädchen unangemessen mehrfach berührt haben, möglicherweise gegen deren Willen. Sie sollen die T-Shirts der Mädchen hochgezogen und ihre Brüste berührt haben, ihnen zudem auf den Po gehauen haben. Die Eltern der Jungen bringen vor, dass ihre Söhne von einem „einvernehmlichen Spiel“ ausgingen.

Völlig unklar ist auch nach einer Klassenkonferenz, warum die Lehrer die beschuldigten Schüler nicht bereits während der Klassenfahrt haben abholen lassen, wie sonst bei Regelverstößen üblich. Zumal die Übergriffe an drei aufeinanderfolgenden Tagen stattgefunden haben sollen. Die Landesschulbehörde nimmt zu dem konkreten Fall weiterhin keine Stellung. Auch Mascha Brandt, Leiterin der IGS Süd Langenhagen, will sich zurzeit öffentlich nicht äußern.

Maximalstrafe für die beiden Elfjährigen?

Die Familien der beiden Jungen dagegen haben mit ihrem Rechtsanwalt Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht. Sie wollen erreichen, dass ihre Kinder wieder den Unterricht besuchen können. Die Suspendierung würde andernfalls von Anfang September bis Ende November andauern - maximal erlaubte Dauer eines Ausschlusses vom Unterricht. Außerdem fordern die Eltern von der Schulleiterin die Herausgabe der Protokolle der Klassenkonferenz, in der die Strafe beschlossen wurde.

So diskutieren HAZ-Leser

Eine Auswahl der Zuschriften und Kommentare, die die Redaktion erreicht haben.

Diese Versammlung, zu der alle Lehrer der Klasse sowie die gewählten Eltern- und Schülersprecher gehören, hatte die Sanktion einstimmig beschlossen. Zumindest für einen der Jungen war es nicht die erste Klassenkonferenz, die sich mit seinem Verhalten beschäftigte. Am Montag, direkt nach den Ferien, berät eine „Abhilfekonferenz“ über die Strafe, denn die Eltern der beiden Elfjährigen haben auch einen Widerspruch gegen den Ausschluss vom Unterricht eingelegt. Danach werden die Eltern in einer weiteren Konferenz vom Ergebnis erfahren.

Der Ausschluss von Unterricht für drei Monate gehört zwar zu den härteren Strafen, die das niedersächsische Schulgesetz vorsieht. Genau definierte Richtlinien, in welchen Fällen welche Strafe verhängt werden soll, gibt es nicht. „Es hängt davon ab, was mit der jeweilige Strafe erreicht werden soll“, sagt Bianca Schöneich von der Landesschulbehörde.

Von Petra Zottl und Bärbel Hilbig

„Das Verhalten ist anders zu bewerten als bei Erwachsenen“

Nachgefragt bei Ursula Mathyl, Beraterin für Pädagogen bei der Fachberatung Violetta.

Mehrere Sechstklässler sollen Mitschülerinnen an Brüste und Po gefasst haben. Können Elfjährige schon sicher einschätzen, was Spiel ist und was Ernst?

Die Phase der sexuellen Rollenspiele, in der Kinder sich gegenseitig erkunden, ist ab dem achten Lebensjahr eigentlich vorbei. Das Verhalten von Elfjährigen ist aber trotzdem nicht zu vergleichen mit Erwachsenen, denen die Konsequenzen ihres sexuell übergriffigen Handelns klar sind. Wir sprechen deshalb nicht von Tätern, sondern von sexuell grenzverletzenden Kindern und Jugendlichen.

Wie wäre ein vergleichbares Verhalten denn dann zu bewerten?

Das hängt davon ab, mit welcher Motivation Kinder handeln. Jungen und Mädchen können die klare Intention haben, den anderen zu beschämen, indem sie ihn in den Penis oder sie in die Brust kneifen.

Wie sollten Lehrer und Betreuer sich verhalten, wenn sie das mitbekommen?

Sie sollten natürlich sofort einschreiten. Gerade Kinder, die so handeln, brauchen konsequente und sichere Erwachsene, damit sie merken, dass sie eine Grenze überschritten haben. Pädagogen müssen mit den Kindern über ihre Motive reden, damit sie die Situation bewerten können, und müssen klären, was die Betroffenen brauchen.

Was fällt alles unter sexuell grenzverletzendes Verhalten von Kindern?

Das kann sehr weit gehen, bis zum Einführen von Gegenständen in die Körperöffnungen. Manche Kinder drohen mit dem Entzug der Freundschaft, wenn die Opfer nicht mitmachen, oder sprechen Schweigegebote aus. Trotzdem ist das Verhalten anders zu bewerten als bei Erwachsenen.

Was kann das bei den betroffenen Kindern auslösen?

Nach massiven Handlungen können sie Schlafstörungen, Ängste oder Wutanfälle ohne konkreten Anlass entwickeln.

Werden Lehrer im Studium nicht ausreichend auf derartige Situationen vorbereitet?

Es wäre begrüßenswert, wenn das Thema als fester Bestandteil in die Ausbildung aufgenommen wird.

Was ist davon zu halten, wenn die betroffenen Kinder hinterher sagen, es sei nichts weiter vorgefallen?

Das kann etwas mit der Scham der Kinder zu tun haben oder auch mit der Angst vor Konsequenzen. Pädagogische Fachkräfte und Eltern sollten sich weiter als Ansprechpartner anbieten, ohne die Kinder zu bedrängen, und ihr Verhalten weiterhin beobachten.

Interview: Bärbel Hilbig 

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