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Schütze von Anderten hatte gute Sicht

Ortstermin am Tatort Schütze von Anderten hatte gute Sicht

Unter welchen Umständen erschoss Kfz-Meister Bassam A. einen 18-jährigen Moldawier? Und was hatte der an der Werkstatt verloren? Das Gericht machte sich am Mittwochabend bei einem Ortstermin in Anderten auf Spurensuche.

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Um sich ein Bild von den Umständen und Lichtverhältnissen am Tatort zu machen, lud am Abend das Schwurgericht mit seinem Vorsitzenden Wolfgang Rosenbusch zum Ortstermin an die Tankstelle.

Quelle: Uwe Dillenberg

Hannover. Der 18-Jährige, auf den Bassam A. an der Lehrter Straße 47 einen tödlichen Schuss abfeuerte, war etwa drei Meter vom Schützen entfernt. Und: Das Opfer muss gut zu erkennen gewesen sein. Das hat ein Ortstermin in Anderten am gestrigen Abend gezeigt. Das Schwurgericht unter Vorsitz von Wolfgang Rosenbusch hatte das Treffen anberaumt um festzustellen, wie die Beleuchtungsverhältnisse in der Nacht des 9. Juni waren.

Im Prozess um die tödlichen Schüsse von Anderten hat das Gericht am Abend des zweiten Verhandlungstages einen Ortstermin am Autohandel von Bassam A. angesetzt.

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Auf dem Gelände der Autowerkstatt, die A.s Bruder gehört, drängelten sich der Angeklagte, zwei Verteidiger und das fünfköpfige Gericht, zudem die Nebenkläger-Anwälte der Eltern, die Freunde des getöteten Moldawiers – als Zeugen geladen – sowie Polizisten und Medienvertreter. Die Eltern des 18-jährigen Opfers waren nicht vor Ort. Sie wollten nicht hautnah miterleben, wie und wo die tödliche Kugel ihren Sohn traf.

Das Gericht ließ den Tathergang nachstellen, die Polizei sperrte eine Fahrbahn der Lehrter Straße ab. Die drei Freunde von Maxim A. nahmen die Positionen ein, die sie innehatten, als der tödliche Schuss fiel. Ein Ergebnis war offenkundig: Leuchtreklame, Neonröhre und Straßenlaterne tauchten das Areal vor Wohnhaus und Werkstatt in recht helles Licht.

Doch es gab noch einen anderen Bereich, der von Interesse war: die seitliche Fassade des Wohnhauses. Dort will der Angeklagte aus dem Fenster eine vermummte Gestalt gesehen haben, die eine Schusswaffe in der Hand hielt. Das Gericht ließ zwei Szenarien nachstellen, mit unterschiedlichen Resultaten. Sollte ein naher Bewegungsmelder ausgelöst und den Bereich in mattes Licht getaucht haben, hätte Bassam A. eine Pistole – deren Existenz allerdings sehr fraglich ist – erkennen können. Bei völliger Dunkelheit wären wohl nur Schemen zu sehen gewesen, aber keine Pistole; dieses Szenario würde die Glaubwürdigkeit von A. in einem weiteren Punkt erschüttern.

Deutschlandreise mit Einbruchswerkzeug

Spätestens seit Mittwoch hat der junge Mann, den der Anderter Kfz-Mechaniker Bassam A. in der Nacht des 9. Juni erschoss, für die fünf Richter des Schwurgerichts ein Gesicht. Ein Gesicht, das das aus Moldawien stammende Opfer zu Lebzeiten zeigt. In einer herzzerreißenden Szene überreichen der 54-jährige Vater und die 47 Jahre alte Mutter von Maxim A. dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Rosenbusch Fotos ihres Sohnes. Wie er vor wenigen Wochen aussah. Vor zwei Jahren. Mit Freundin, mit Jugendgruppe. Die Eltern schluchzen hemmungslos. Eine in Hannover lebende Tante von Maxim eilt hinaus, schreit ihren Schmerz auf dem Gang hinaus. Der Prozess, in dem sich Bassam A. wegen Totschlags verantworten muss, erlebt einen neuen, dramatischen Höhepunkt – neben dem Ortstermin am Tatort Lehrter Straße zu abendlicher Stunde.

Maxim A. befand sich in seiner Heimat Moldawien im dritten Jahr einer Fachoberschul-Ausbildung zum Computertechniker. Die Reise nach Deutschland war sein erster Ausflug in die große, weite Welt – und sein letzter. „Warum hast du nicht die Polizei gerufen?“, hält die wimmernde Mutter dem starr auf der Anklagebank sitzenden A. vor. Auch der Vater, am ersten Verhandlungstag noch recht beherrscht, schleudert dem 41-Jährigen Sportschützen etliche Sätze auf Moldawisch entgegen. Die Übersetzerin stellt ihre Arbeit ein.

Was hat die vier 18-Jährigen aus einem verschlafenen Dorf in Moldawien überhaupt nach Deutschland geführt? Eingereist sind sie zwei Wochen vor dem Unglück, wollen bei einer Hochzeit dabei sein, die die Schwester eines der jungen Männer in Bremen feiert. Einer hat 100 Euro in der Tasche, ein anderer 130. Dass sich damit keine Reise durch Deutschland finanzieren lässt, ob nun drei Tage oder drei Wochen, muss ihnen klar gewesen sein. Wahrscheinlich haben die Halbstarken schon eingeplant, sich mit ein paar Gaunereien über Wasser zu halten. Auf der Zugfahrt via Wien und Salzburg werden sie bereits in Würzburg aus dem Waggon geholt. Sie haben keine Fahrkarte dabei. Später geht die Reise weiter – wieder ohne Ticket.

Nach der Hochzeit fahren die vier nach Hannover, dort wohnt die Tante von Maxim A. Sie gewährt ihnen Unterschlupf in ihrer Gartenlaube, wo die „Jungs“ aber nur eine Nacht bleiben. Die nächsten Tage, bis zur verhängnisvollen Nacht in Anderten, verliert sich ihre Spur. Haben sie ihren Aufenthalt ungeplant verlängert? Oder hatten sie sich von vornherein auf eine längere Diebestour eingestellt? Anwalt Holger Nitz, der den Vater des Opfers vertritt, weist darauf hin, dass die Gruppe eine vierwöchige Reisekrankenversicherung abgeschlossen hatte: „Mir ist keine professionelle Diebesbande bekannt, die vor der Einreise nach Deutschland eine Krankenversicherung abschließt.“ Auf jeden Fall sollen Ordnung, Sauberkeit und Wohlstand in Deutschland die 18-Jährigen zutiefst beeindruckt haben.

Auf der anderen Seite findet die Polizei neben dem sterbenden 18-Jährigen einen Rucksack mit Gummihandschuhen, Wechselschuhen und Schraubenziehern – Diebeswerkzeug also. Vor Gericht sagen zwei Kumpane aus, sie hätten bei ihrem nächtlichen Spaziergang an der Anderter Autowerkstatt ein halb geöffnetes Fenster entdeckt. Hätten geglaubt, dass dort niemand wohnt. Und hätten sich – um Hunger und Durst zu stillen – zum Einbruchsversuch bei Bassam A. und seiner Familie verleiten lassen. Doch wie kann man sich in einer Werkstatt oder unbewohnten Wohnung Lebensmittel erhoffen?

Gegen 1.15 Uhr feuert Bassam A. auf dem Gelände der früheren Tankstelle auf Maxim A. Wenige Minuten später wird das Opfer auf der Motorhaube eines Autos gefunden, nahe einem Supermarkt am Ohefeldweg. Laut Zeugenaussagen schreit der unter der Schulter Getroffene vor Schmerzen, wälzt sich auf dem Boden. Bei ihm befindet sich ein anderer junger Mann, der „Ambulant, Ambulant“ ruft und auf den Verletzten einredet – wohl einer seiner Freunde. Als ein Streifenwagen auftaucht, läuft der Begleiter weg.

Bei der Befragung vor Gericht mag keiner der drei Moldawier zugeben, an der Seite von Maxim gewesen zu sein. Wer möchte schon mit dem Vorwurf konfrontiert werden, den Freund im Stich gelassen zu haben? Doch so schnell der Notarzt auch kommt – die inneren Blutungen des Opfers sind so heftig, dass man die ersten Reanimationsversuche bereits vor Ort einleiten muss. Die Bemühungen bleiben vergeblich. Morgens gegen 5 Uhr ist A. tot.

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Foto: Bei einem Ortstermin machte sich das Gericht ein Bild von der tödlichen Nacht.

Im Prozess um die tödlichen Schüsse von Anderten hat ein Gutachter den Angeklagten Bassam A. für schuldfähig erklärt. Ein Rechtsmediziner erklärte, dass die tödliche Pistolenkugel den jungen Mann aus Moldawien eindeutig von hinten traf. Das Opfer starb an inneren Blutungen.

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