Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Schütze von Anderten hatte gute Sicht
Hannover Aus der Stadt Schütze von Anderten hatte gute Sicht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 12.12.2015
Von Michael Zgoll
Um sich ein Bild von den Umständen und Lichtverhältnissen am Tatort zu machen, lud am Abend das Schwurgericht mit seinem Vorsitzenden Wolfgang Rosenbusch zum Ortstermin an die Tankstelle. Quelle: Uwe Dillenberg
Anzeige
Hannover

Der 18-Jährige, auf den Bassam A. an der Lehrter Straße 47 einen tödlichen Schuss abfeuerte, war etwa drei Meter vom Schützen entfernt. Und: Das Opfer muss gut zu erkennen gewesen sein. Das hat ein Ortstermin in Anderten am gestrigen Abend gezeigt. Das Schwurgericht unter Vorsitz von Wolfgang Rosenbusch hatte das Treffen anberaumt um festzustellen, wie die Beleuchtungsverhältnisse in der Nacht des 9. Juni waren.

Zur Galerie
Lokaltermin des Gerichts in Anderten: Etwa dort hielt sich das Opfer auf.

Auf dem Gelände der Autowerkstatt, die A.s Bruder gehört, drängelten sich der Angeklagte, zwei Verteidiger und das fünfköpfige Gericht, zudem die Nebenkläger-Anwälte der Eltern, die Freunde des getöteten Moldawiers – als Zeugen geladen – sowie Polizisten und Medienvertreter. Die Eltern des 18-jährigen Opfers waren nicht vor Ort. Sie wollten nicht hautnah miterleben, wie und wo die tödliche Kugel ihren Sohn traf.

Das Gericht ließ den Tathergang nachstellen, die Polizei sperrte eine Fahrbahn der Lehrter Straße ab. Die drei Freunde von Maxim A. nahmen die Positionen ein, die sie innehatten, als der tödliche Schuss fiel. Ein Ergebnis war offenkundig: Leuchtreklame, Neonröhre und Straßenlaterne tauchten das Areal vor Wohnhaus und Werkstatt in recht helles Licht.

Doch es gab noch einen anderen Bereich, der von Interesse war: die seitliche Fassade des Wohnhauses. Dort will der Angeklagte aus dem Fenster eine vermummte Gestalt gesehen haben, die eine Schusswaffe in der Hand hielt. Das Gericht ließ zwei Szenarien nachstellen, mit unterschiedlichen Resultaten. Sollte ein naher Bewegungsmelder ausgelöst und den Bereich in mattes Licht getaucht haben, hätte Bassam A. eine Pistole – deren Existenz allerdings sehr fraglich ist – erkennen können. Bei völliger Dunkelheit wären wohl nur Schemen zu sehen gewesen, aber keine Pistole; dieses Szenario würde die Glaubwürdigkeit von A. in einem weiteren Punkt erschüttern.

Deutschlandreise mit Einbruchswerkzeug

Spätestens seit Mittwoch hat der junge Mann, den der Anderter Kfz-Mechaniker Bassam A. in der Nacht des 9. Juni erschoss, für die fünf Richter des Schwurgerichts ein Gesicht. Ein Gesicht, das das aus Moldawien stammende Opfer zu Lebzeiten zeigt. In einer herzzerreißenden Szene überreichen der 54-jährige Vater und die 47 Jahre alte Mutter von Maxim A. dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Rosenbusch Fotos ihres Sohnes. Wie er vor wenigen Wochen aussah. Vor zwei Jahren. Mit Freundin, mit Jugendgruppe. Die Eltern schluchzen hemmungslos. Eine in Hannover lebende Tante von Maxim eilt hinaus, schreit ihren Schmerz auf dem Gang hinaus. Der Prozess, in dem sich Bassam A. wegen Totschlags verantworten muss, erlebt einen neuen, dramatischen Höhepunkt – neben dem Ortstermin am Tatort Lehrter Straße zu abendlicher Stunde.

Maxim A. befand sich in seiner Heimat Moldawien im dritten Jahr einer Fachoberschul-Ausbildung zum Computertechniker. Die Reise nach Deutschland war sein erster Ausflug in die große, weite Welt – und sein letzter. „Warum hast du nicht die Polizei gerufen?“, hält die wimmernde Mutter dem starr auf der Anklagebank sitzenden A. vor. Auch der Vater, am ersten Verhandlungstag noch recht beherrscht, schleudert dem 41-Jährigen Sportschützen etliche Sätze auf Moldawisch entgegen. Die Übersetzerin stellt ihre Arbeit ein.

Was hat die vier 18-Jährigen aus einem verschlafenen Dorf in Moldawien überhaupt nach Deutschland geführt? Eingereist sind sie zwei Wochen vor dem Unglück, wollen bei einer Hochzeit dabei sein, die die Schwester eines der jungen Männer in Bremen feiert. Einer hat 100 Euro in der Tasche, ein anderer 130. Dass sich damit keine Reise durch Deutschland finanzieren lässt, ob nun drei Tage oder drei Wochen, muss ihnen klar gewesen sein. Wahrscheinlich haben die Halbstarken schon eingeplant, sich mit ein paar Gaunereien über Wasser zu halten. Auf der Zugfahrt via Wien und Salzburg werden sie bereits in Würzburg aus dem Waggon geholt. Sie haben keine Fahrkarte dabei. Später geht die Reise weiter – wieder ohne Ticket.

Nach der Hochzeit fahren die vier nach Hannover, dort wohnt die Tante von Maxim A. Sie gewährt ihnen Unterschlupf in ihrer Gartenlaube, wo die „Jungs“ aber nur eine Nacht bleiben. Die nächsten Tage, bis zur verhängnisvollen Nacht in Anderten, verliert sich ihre Spur. Haben sie ihren Aufenthalt ungeplant verlängert? Oder hatten sie sich von vornherein auf eine längere Diebestour eingestellt? Anwalt Holger Nitz, der den Vater des Opfers vertritt, weist darauf hin, dass die Gruppe eine vierwöchige Reisekrankenversicherung abgeschlossen hatte: „Mir ist keine professionelle Diebesbande bekannt, die vor der Einreise nach Deutschland eine Krankenversicherung abschließt.“ Auf jeden Fall sollen Ordnung, Sauberkeit und Wohlstand in Deutschland die 18-Jährigen zutiefst beeindruckt haben.

Auf der anderen Seite findet die Polizei neben dem sterbenden 18-Jährigen einen Rucksack mit Gummihandschuhen, Wechselschuhen und Schraubenziehern – Diebeswerkzeug also. Vor Gericht sagen zwei Kumpane aus, sie hätten bei ihrem nächtlichen Spaziergang an der Anderter Autowerkstatt ein halb geöffnetes Fenster entdeckt. Hätten geglaubt, dass dort niemand wohnt. Und hätten sich – um Hunger und Durst zu stillen – zum Einbruchsversuch bei Bassam A. und seiner Familie verleiten lassen. Doch wie kann man sich in einer Werkstatt oder unbewohnten Wohnung Lebensmittel erhoffen?

Gegen 1.15 Uhr feuert Bassam A. auf dem Gelände der früheren Tankstelle auf Maxim A. Wenige Minuten später wird das Opfer auf der Motorhaube eines Autos gefunden, nahe einem Supermarkt am Ohefeldweg. Laut Zeugenaussagen schreit der unter der Schulter Getroffene vor Schmerzen, wälzt sich auf dem Boden. Bei ihm befindet sich ein anderer junger Mann, der „Ambulant, Ambulant“ ruft und auf den Verletzten einredet – wohl einer seiner Freunde. Als ein Streifenwagen auftaucht, läuft der Begleiter weg.

Bei der Befragung vor Gericht mag keiner der drei Moldawier zugeben, an der Seite von Maxim gewesen zu sein. Wer möchte schon mit dem Vorwurf konfrontiert werden, den Freund im Stich gelassen zu haben? Doch so schnell der Notarzt auch kommt – die inneren Blutungen des Opfers sind so heftig, dass man die ersten Reanimationsversuche bereits vor Ort einleiten muss. Die Bemühungen bleiben vergeblich. Morgens gegen 5 Uhr ist A. tot.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Aus der Stadt Umwandlung in Stadtteilschule - Die Hauptschulen
 sind Geschichte

Immer weniger Eltern schicken ihre Kinder auf eine Haupt- oder Realschule – in diesem Schuljahr nur zwei Prozent. Der Schulausschuss hat nun am Mittwoch beschlossen, mehrere Hauptschulen in "Stadtteilschulen" umzuwandeln. Dabei handelt es sich um teilgebundene Ganztagsschulen in der Rechtsform einer Oberschule.

Saskia Döhner 12.12.2015
Aus der Stadt Filmreifer Fluchtversuch im Amtsgericht - „Wir sind ja nicht in Hollywood“

Es war eine filmreife Aktion: Im Sommer dieses Jahres versuchte der wegen Einbruch und Beleidigung angeklagte Eray A. mit der Hilfe seines Bruders aus dem Amtsgericht auszubrechen. Am Mittwoch wurden die beiden nun verurteilt – und zeigten ein überraschendes Maß an Reue für die Tat.

12.12.2015
Aus der Stadt Kooperation von Sealife und Nabu - Rettungsaktion für einen Froschlurch

Die Gelbbauchunke würden die meisten Menschen in freier Natur nicht wahrnehmen. Zum einen, weil sie nur 4,5 Zentimeter lang ist. Zum anderen, weil sie vom Aussterben bedroht ist. Sealife und Naturschutzbund Deutschland versuchen nun in einer Kooperation zu retten, was noch zu retten ist.

Bernd Haase 09.12.2015
Anzeige