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Aus der Stadt Schuld und Scham: Frauennotruf Hannover wird 30
Hannover Aus der Stadt Schuld und Scham: Frauennotruf Hannover wird 30
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00:35 07.06.2018
Petra Klecina vom Frauennotruf spricht über ihre sensible Beratungsarbeit. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Seit 30 Jahren gibt es den Frauennotruf in Hannover unter der Nummer 0511-33 2112. Wer hier anruft, hat oft Traumatisches erfahren, berichtet Sozialpsychologin Petra Klecina.

Frau Klecina, der Name ’Frauennotruf’ sagt schon etwas über die Situation aus, in der Frauen bei Ihnen anrufen. Sie sind ’in Not’. Wie äußert sich das?

Unser Name suggeriert, dass wir eine Kriseneinrichtung sind. Aber wir sind nicht nur das. Manche Frauen rufen erst Monate, Jahre, nach einer Tat an. Sie wollten erst einmal vor allem eines: vergessen. Scham- und Schuldgefühle sind so groß, dass sie lange nicht über die Tat sprechen können. Manche Frauen, vor allem wenn sie bei der Polizei waren und Anzeige erstattet haben, melden sich aber sehr viel früher.

Sagen Sie mal ein Beispiel ...

Erst vor ein paar Tagen rief eine Frau an, weinend. Auf Nachfrage sagte sie, es sei vor kurzem etwas passiert. Sie könne nicht schlafen, ständig kämen Bilder hoch, sie komme alleine nicht klar. Aber sie schämte sich, wollte anonym bleiben.

Ist das bei Ihnen möglich?

Ja, und nicht nur am Telefon. Eine Frau kann auch zu uns in die Beratung kommen, ohne ihren Namen preiszugeben. Dann müssen wir nur gucken, wie wir Termine organisieren, so dass sie sich sicher fühlt.

Wieso schämen Frauen sich nach einer Vergewaltigung eigentlich? Immerhin ist ihnen großes Unrecht widerfahren. Warum empfinden sie nicht primär Wut?

Scham ist vor allem bei sexueller Gewalt in aller Regel tatsächlich das erste Gefühl, das uns begegnet. Wut kommt später, wenn überhaupt. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass Frauen häufiger als Männer dazu neigen, Schuld bei sich zu suchen. Sie fragen sich: Warum bist du mit dem Mann mitgegangen? Warum hast Du Alkohol getrunken? Hast Du Dich falsch gekleidet? Es hat aber auch viel mit unserem Bild von Vergewaltigungsopfern zu tun. Wir bekommen von klein auf vermittelt: Opfer zu sein bedeutet Schwäche. Dass eine Frau mitten im Leben steht, berufstätig ist, und zugleich ein Opfer sexueller Gewalt, passt zum Beispiel für viele nicht zusammen. Deshalb ist Metoo eine sehr gute Kampagne. Sie ermutigt Frauen dieses Gefühl von Schwäche zu überwinden, zu sagen, das und das ist mir passiert.

Scham ist also ein Begriff, der Ihnen auch bei Opfern als erstes einfällt, die um ihre Rechte wissen, die machtbewusst und durchsetzungsstark im Beruf sind?

Sie erleben als Opfer sexueller Gewalt das totale Gegenteil: Ohnmacht, absolutes Ausgeliefertsein. Ich erinnere mich an eine Karrierefrau aus dem Managementbereich. Auf einer Fachtagung mit vielen Kollegen aus dem Unternehmen trifft sie einen Mann, der ihr gefällt. Sie geht mit ihm ins Hotel, es ist Alkohol im Spiel, es ist klar, es soll Sex geben. Dann kommt es aber zu massivster Gewalt, zu Schlägen, Fesselungen, einer Vergewaltigung. Die Frau sagt sofort nein, als die Situation aus dem Ruder läuft. Es hilft nichts. Sie zeigt den Täter nicht an, weil sie sich total schämt.

Dabei war sie vermutlich nicht das erste und nicht das letzte Opfer dieses Mannes ...

Das empfinden die betroffenen Frauen auch, genau so. Eigentlich müsste ich ihn anzeigen. Ich werde nicht das letzte Opfer sein. Aber das sorgt nur für zusätzlichen Druck.

Das klingt alles so, als hätte sich die Frau in Ihrem Beispiel in einer Art Schockstarre befunden.

Schockstarre ist eher ein Wort, dass ich für den Zustand während der Tat brauchen würde. Sie hatte Todesangst, wusste nicht: Komme ich hier lebend ’raus? Es gibt hirnphysiologische Untersuchungen, die zeigen, dass es in solchen Situationen nur noch ums Überleben geht. Flucht, sich wehren, steht als Verhalten nicht mehr zur Verfügung. Viele Frauen versuchen das Geschehen innerlich abzuspalten. Es sei wie ein Film gewesen, sie hätten das Ganze gar nicht richtig erlebt, sagen sie später. Wenn eine Frau wegen posttraumatischer Belastungsstörungen eine Therapie macht, geht es auch darum, wieder eine Verbindung zu ihren Gefühlen zu bekommen.

Dennoch: Warum wollte die Frau in Ihrem Beispiel keine Anzeige erstatten?

Sie hatte Angst, dass man ihr nicht glaubt. Schließlich war sie freiwillig mitgegangen. Was wäre gewesen, wenn der Mann behauptet, sie wollte härteren Sex. Sie hatte Angst vor beruflichen Nachteilen, vor Stigmatisierung, weil sie ein Opfer ist, Angst davor, dass man denken könnte, sie sei als Frau leicht zu kriegen. Wir klären in unserer Beratung über eine Anzeige auf. Aber es ist die individuelle Entscheidung der Frau, ob sie das macht.

Erinnern Sie sich an ein Gerichtsverfahren, bei dem Sie im Nachhinein denken, die Frau hätte es besser nicht angestrengt?

Ich habe eine Frau in einem Strafprozess begleitet, in dem so ziemlich alles schief ging. Erst gab es einen Befangenheitsantrag gegen den Richter, dann platzte der Prozess, weil der Angeklagte und Schöffen erkrankten. Dann wurde im laufenden Verfahren noch ein Gutachten angefordert. Es zog sich über Jahre hin.

Und?

Am Schluss war die Frau nicht mehr vernehmungsfähig. Sie hatte drei- oder viermal aussagen müssen. Sie hielt dem Druck nicht mehr stand. Der Täter musste frei gesprochen werden.

War das der schlimmste Fall, den Sie beim ’Frauennotruf’ erlebt haben?

Ich erinnere mich auch an einen Fall, in dem die Mutter gemeinsam mit einem anderen Mann Täterin war. Die Frau kam mit Panikattacken, Schlafstörungen zu uns. Sie konnte erst nach sehr langer Zeit sagen, was passiert ist. Sie hat sehr oft in der Beratung unter einer Decke gesessen, um überhaupt sprechen zu können. Ich durfte sie nicht sehen.

Was hat die Mutter ihr angetan.

Sie hat die Tat ermöglicht und dabei zugesehen. Sie hat die Tochter festgehalten.

Was sagen Sie Frauen, die in der MeToo-Debatte fordern, Frauen müssten sich ändern, müssten wehrhafter sein?

Warum können Männer nicht aufhören, übergriffig zu sein? Nicht die Opfer müssen etwas tun. Männer müssen es. Sie müssen sich fragen: Was stimmt bei uns nicht, dass wir ein Nein nicht akzeptieren. Es gibt zudem viele Situationen, zum Beispiel im Bereich sexueller Belästigung, da können Männer konkret helfen.

Und: Erleben Sie männliche Hilfe im ’Frauennotruf’?

Wir bekommen auch viele Anrufe von Menschen aus dem Umfeld, die sich für ein Opfer informieren wollen. Darunter sind auch viele Männer: Freunde, Partner, Väter, die fragen, was kann ich tun.

Der Frauennotruf in Hannover wird 30 Jahre alt.

Von Jutta Rinas

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