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Bildschirm und Tastatur statt Stift und Heft

Digitales Lernen Bildschirm und Tastatur statt Stift und Heft

Lieber am Computer als mit der Hand schreiben: Hannover startet an sechs Pilotschulen ein Projekt zum digitalen Lernen. 4 Millionen Euro investiert die Stadt für die zweijährige Phase. An der IGS Mühlenberg läuft der Test schon.

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Lieber am Computer als mit der Hand schreiben: Die Fünftklässlerinnen Jamie-Lee (vorn) und Sedanur von der IGS Mühlenberg schätzen die neuen Medien.

Quelle: Kutter

Hannover. Paul lässt die Katze auf dem Bildschirm geschickt um die Ecke wandern. Stößt sie an den Straßenrand oder an eine Ölpfütze, ist das Spiel verloren. Der Zwölfjährige bewegt die Katze über einen Controller, den er aus Legosteinen selbst gebaut hat. Auch das Katzenspiel hat er allein programmiert – mithilfe der einfachen Programmiersprache Scratch, die am Massachusetts Institute of Technology (MIT) eigens für Kinder entwickelt wurde. Paul hat in der Robotik-Arbeitsgemeinschaft der Integrierten Gesamtschule (IGS) Mühlenberg nicht nur Spiele entwickelt, sondern auch kleine fahrende Maschinen und am 3-D-Drucker Schachfiguren hergestellt.

Lehrer Ralf Lürig, selbst studierter Maschinenbauingenieur, der erst als Quereinsteiger zum Schuljob kam, hat derzeit 18 Jungen in seiner Robotik-AG. „Wir versuchen, auch Mädchen für das Thema zu begeistern“, sagt er. Sein Ziel sei es, die Kinder zum Experimentieren zu bringen: „Die sollen nicht nur am Bildschirm sitzen, sondern auch technische Dinge praktisch ausprobieren.“ An der Schule arbeite er mitunter mehr als Ingenieur als früher in der Industrie, meint er. „Ich wollte endlich wissen, wie man programmiert und Roboter baut“, sagt AG-Mitglied Servet, 12. Und der gleichaltrige Eike findet, dass das alles „richtig viel Spaß macht“.

Lehrplan oft im Weg

Digital lernen die Schüler an der IGS Mühlenberg nicht nur in AGs, sondern auch generell. Die neue Technik in der frisch umgebauten neuen Schule mit WLAN-Anschluss und interaktiven Whiteboards in jedem Klassenraum macht es möglich. „Digitale Medien sollen selbstverständliche Lernwerkzeuge werden wie Bücher, Arbeitshefte, Papier und Stift“, heißt es in dem Konzept der Schule. Smartphones, Spielkonsolen und Tablets gehörten zum Alltag der Kinder, sie benutzten diese Geräte nahezu täglich.  Als Schule könne man diese Entwicklung nicht ignorieren, sondern sollte die Chance nutzen.

Der Lehrplan spricht allerdings oft dagegen: Unterricht am PC ist jetzt nur noch in Jahrgang 5 vorgesehen, früher immerhin zudem noch in den Klassen 6 und 7. „Ich muss den Schülern in der 5. Klasse etwas beibringen, was sie in der 13. noch wissen sollen“, sagt Lürig. „Schreiben am Computer ist gut“, sagt Sedanur, 10, und ihre Klassenkameradin Jamie-Lee findet, dass es viel besser sei, als mit der Hand zu schreiben: „Dann tut irgendwann das Handgelenk weh.“
Die Stadt Hannover will in diesem Jahr an sechs Schulen – an der IGS Linden, der Egestorffschule (Grundschule), der Gerhart-Hauptmann-Realschule sowie an der Helene-Lange-Schule, der Humboldtschule und der Käthe-Kollwitz-Schule (allesamt Gymnasien) – den Einsatz neuer Medien testen.

4 Millionen Euro investiert die Stadt für die zweijährige Pilotphase. An den Schulen sollen stabile Internetverbindungen und ein leistungsfähiges WLAN geschaffen werden. Die Schüler sollen Tablets erhalten, für die Eltern knapp 500 Euro bezahlen müssen, die Lehrer bekommen ihre Geräte von der Stadt gestellt. Bei der Opposition ist Empörung darüber groß, genauso wie über die Tatsache, dass die meisten der rund 100 anderen Schulen in der Stadt von neuer Technik erst mal weiterhin träumen müssen.

"Schüler fit machen für die Zukunft"

Die Stadt weist die Kritik zurück, ärmere Familien würden bei der Anschaffung unterstützt. „Wir müssen unsere Schulen fit machen für die Zukunft“, sagt Schuldezernentin Rita Maria Rzyski. Dazu gehöre auch eine groß angelegte Pilotphase, in der sich zeigen werde, was die Tablets tatsächlich im Unterricht leisteten.

Kann eine Stadt, an deren Schulen Toiletten und Chemieräume mitunter seit 50 Jahren nicht saniert worden sind, es sich leisten, ausgewählte Standorte mit neuer E-Learning-Technik auszustatten? Kann man großzügig Breitband verlegen, während anderswo Decken einsturzgefährdet sind? „Wir müssen beides machen“, sagt Rzyski. Man dürfe den technischen Fortschritt nicht verschlafen. „Wir versuchen, so viel Geld wie möglich in die Schulen zu stecken.“ Die Stadt sei dafür zuständig, die Voraussetzungen für digitalen Unterricht zu schaffen, den Netzanschluss und die Geräte. Die inhaltliche Ausgestaltung obliege den einzelnen Schulen.

600 Euro pro Gerät

Die IGS Mühlenberg gehört nicht zu den ausgewählten Pilotschulen. „Wir bedauern das ausdrücklich“, sagt der didaktische Leiter, Raimund Lehmann. Trotzdem sind zwei der acht Klassen des 5. Jahrgangs in diesem Schuljahr als explizite iPad-Klassen gestartet. Im nächsten Schuljahr, wenn die Kinder in der 6. Klasse sind, sollen alle Schüler in Zusammenarbeit mit dem Madsack Media Store mit Tablets ausgestattet werden. Der Preis pro Gerät liegt bei rund 600 Euro, inklusive Versicherung und Wartung. Wer sich dies nicht leisten kann, soll weniger oder sogar gar nichts bezahlen müssen. „Wir wollten aus sozialen Gründen niemanden ausschließen“, sagt Lehmann. Das Interesse an dieser neuen Form des Lernens war groß. Rund 90 Anmeldungen gab es, ein Drittel musste sogar abgelehnt werden.

Klassenlehrerin Larrisa Lehnert nutzt schon jetzt gern die digitalen Lernmöglichkeiten für ihre Englischstunde. „Man kann den Dialog mal eben als kleinen Film abspielen, es gibt Aufgaben für unterschiedliche Niveaus, kooperatives Lernen wird so unterstützt.“ Tablets seien in vielen Fächern nützlich, und Kinder würden auf diese Weise auch für ihre spätere berufliche Zukunft vorbereitet, sagt sie.

Im Fach Geografie könne man ganz anders mit Karten arbeiten als mit Atlas und Lineal, im Sportunterricht könne man Bewegungsabläufe aufzeichnen und später analysieren, Referate könnten als Powerpoint-Version gehalten werden. Werden die Eltern durch die neue Technik nicht irgendwann abgehängt? „Und wenn schon“, sagt Lehnert, „dann können Kinder eben mal mehr als die Großen.“

"Im Klassenzimmer ist digitales Lernen die Ausnahme"

Jörg Dräger ist seit 2008 Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung und hat gerade ein Buch zu den Chancen digitalen Lernens verfasst. Der 48-jährige Physiker arbeitete als Unternehmensberater, bevor er 2001 Wissensschaftssenator in Hamburg wurde.

Herr Dräger, welche Chancen birgt das digitale Lernen?
Insbesondere das persönlich zugeschnittene, individuelle Lernen für jeden. Bei kleineren Lerngruppen schaffen das gute Pädagogen auch ohne digitale Medien. Aber in großen Klassen oder Vorlesungen wird individuelle Förderung schwierig, da helfen Lernsoftware und -videos. Zudem können gerade schwächere Schüler vom spielerischen Lernen mit digitalen Lernprogrammen profitieren. Ich war gerade an einer Grundschule in Amsterdam, an der schon die Kleinsten mit iPads lernen. Natürlich nicht den ganzen Tag, sondern im Wechsel mit Büchern, Basteln und Spielen. Dort hat sich übrigens gezeigt, dass diese Kinder ihre Zeit nicht nur bewegungslos vor dem Computer verdaddeln, sondern sogar mehr Zeit in Bewegung verbringen als diejenigen, die herkömmlich und analog lernen.

Und welche Risiken gibt es?
Wir müssen auf die Datensicherheit achten. Beim digitalen Lernen entstehen Unmengen an Daten über persönliche Verhaltensmuster. Solche Daten gehören nur in die Hände des einzelnen Lerners und seiner Lehrer, nicht aber in die Hände von möglichen Arbeitgebern. Hier brauchen wir entsprechende Gesetze und Regulierung.

Es gibt ganz unterschiedliche Medien, mit denen man digital lernen kann. Was bevorzugen Sie, das Whiteboard, Tablets oder doch das private Smartphone, das Jugendliche ohnehin haben?
Die Technik ist letztendlich nur ein Hilfsmittel für die Pädagogik. Manche Schulen verfahren nach der Devise „Bring your own device“ („Bring dein eigenes Gerät mit“), andere wollen, dass alle Kinder das gleiche Gerät nutzen. Schritt eins beim digitalen Lernen ist das pädagogische Konzept: Dafür müssen auch die Lehrer entsprechend geschult werden. Wenn ein Lehrer nicht weiß, wie individuelle Förderung funktioniert, dann hilft auch das Tablet nicht. Schritt zwei ist der Netzanschluss: In der gesamten Schule muss leistungsfähiges WLAN zugänglich sein. Erst Schritt drei ist die Frage des Endgeräts.

Sie sagten eben, dass auch die Lehrer mit der neuen Technik umgehen können sollten.
Ja, aber sie müssen keine Systemadministratoren sein. Die Technik ist glücklicherweise einfacher geworden als früher. Es zeigt sich allerdings, dass gerade die deutschen Pädagogen noch recht zurückhaltend gegenüber digitalen Medien im Unterricht sind. Zwar nutzen fast alle Lehrer das Internet zur Unterrichtsvorbereitung, aber im Klassenzimmer setzen  bislang nur wenige auf digitale Hilfsmittel. Auch entsprechende Fortbildungen sind im internationalen Vergleich nicht sehr beliebt. Bislang ist digitales Lernen vor allem eine persönliche Initiative einzelner engagierter Pädagogen. Systematisch nutzen Schulen die Vorteile moderner Technik nur selten.

Welche zum Beispiel?
Digitale Endgeräte lassen sich für die Abläufe in der Schule nutzen, für die Kurswahl, Stundenpläne, Hausaufgabenkontrolle, Notenvergabe und so weiter. Es gibt aber auch viele Lernprogramme für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Fremdsprachen. Tablets sind auch hilfreich für gemeinsames Arbeiten an Texten oder Projekten: Statt des klassischen Referats in Geschichte lässt sich damit auch mal ein Film drehen.

Wie hilft das Tablet beim individuellen Lernen?
Schüler sind sehr unterschiedlich und lernen sehr vielfältig. Was soll ein Lehrer machen, wenn die Hälfte der Klasse den Lernstoff verstanden hat und die andere Hälfte nicht? Dann kann er entweder alles noch mal erklären und die eine Hälfte der Klasse langweilen, oder er geht weiter im Stoff und verliert die andere Hälfte der Kinder. Gerade in Fächern wie Mathematik, wo der Stoff aufeinander aufbaut, ist das problematisch: Wer die binomischen Formeln nicht versteht, kann auch den Satz des Pythagoras nicht beweisen. Mit einer guten Lernsoftware kann jeder in seinem eigenen Tempo alles noch mal wiederholen oder auch schon komplexere Aufgaben lösen.

Wird der Lehrer damit nicht auf Dauer überflüssig?
Im Gegenteil, der Lehrer kann sich auf seine Kernaufgabe besinnen: Er hat mehr Zeit fürs Wesentliche, nämlich den Schüler beim Lernen zu begleiten. Den reinen Stoff können Medien manchmal besser vermitteln, aber Kinder pädagogisch begleiten und beraten können nur Menschen. Lernen braucht auch die persönliche Bindung zum Lehrer; die besten Lernergebnisse bringt die Kombination von digitalem und analogem Unterricht. Humboldt, der große Bildungsreformer aus dem 19. Jahrhundert, wollte gute, gerecht verteilte Bildung für alle. Mit den neuen Medien können wir diesem Ideal endlich nahe kommen.

Interview: Saskia Döhner

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