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„Ich habe noch so viele Fälle, die auf mich warten“

Schwer erkrankter Anwalt Fritz Willig „Ich habe noch so viele Fälle, die auf mich warten“

Blumen für ein Anwallts-Urgestein: Der Ex-96-Präsident, Gönner und Autor Fritz willig ist schwer krank. Er will nicht mehr an öffentlichkeitswirksamen Fällen mitwirken, aber weitermachen - wenn die Therapie anschlägt.

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„Kurz und sündig“: Fritz Willig hat zwölf Bücher geschrieben.

Quelle: Rainer Droese

Hannover. Es passiert nicht oft, dass der Vorsitzende des Schwurgerichts einem Strafverteidiger einen Blumenstrauß überreicht. Der 17. Dezember 2015 war so ein Tag. Der zu Tränen gerührte Empfänger war Fritz Willig, einer der prominentesten Anwälte, den Hannover in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Ein exzellenter Jurist und ein Hallodri. Präsident von Hannover 96, als der Fußball-Bundesligist 1992 Pokalsieger wurde, Verfasser von zwölf Büchern, Namensgeber der Sponsorenrunde „Fritz Willig & Freunde“. Die Blumen bekam der 74-Jährige, weil der Totschlagsprozess gegen den Anderter Werkstattbetreiber Bassam A. sein letzter öffentlichkeitswirksamer Fall war. Der Ur-Laatzener hat Krebs. Und nächste Woche beginnt die Strahlentherapie.

Der "Fiffi"-Verteidiger

Nein, mit Staranwälten in Nadel und Zwirn will Willig nicht verglichen werden. Der Bruder Metzger, die Mutter Kauffrau, eine raue Kindheit im Nachkriegsdeutschland: das prägt, das härtet ab. Leibniz- und Schillerschule, Jura studiert in Marburg, München, Münster. Als Student jobbt er in Gastronomie und Detektei. Und Willig boxt, Halbweltergewicht, gewinnt zwölf von 13 Kämpfen, besiegt gar den deutschen Hochschulmeister im Schwergewicht. „Weggeputzt“ habe er ihn, so der Anwalt. Es sind sogar Geschichten überliefert, dass dem hemdsärmlig auftretenden Juristen gegenüber Mandanten und Kollegen die Hand ausgerutscht sei. Willig lächelt in sich hinein, spricht von seiner wilden Zeit. Damals, vor 30 Jahren. Als er noch temperamentvoller war als heute.

Willig verteidigte 96-Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein, der seine Frau umgebracht haben sollte (und freigesprochen wurde). Die Sterbehilfe-Ärztin Mechthild Bach (die sich später das Leben nahm). Ex-Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke in einem Untreueprozess. Der Fachmann für Wirtschafts- und Familienrecht wirkte aber auch an rund 4000 Ehescheidungen mit und stand zahllosen Verkehrssündern zur Seite. Pro Jahr hatte Willig rund 1000 Verfahren am Wickel, im nächsten Jahr will er 50 Jahre Selbstständigkeit feiern. Wenn es sein Gesundheitszustand zulässt. Und was ist mit seiner Mitgliedschaft in 15 Vereinen? Ruhen lassen. Und jeden Tag schwimmen gehen, Fitnessübungen absolvieren, notfalls auch gegen den Rat der Ärzte.

"Glück braucht man halt im Leben"

Immer noch versucht der Mann mit dem weißen Haar, sein Gegenüber fix zu vereinnahmen. Jovial kommt er daher, ist mit dem Du schnell zur Hand und dabei stets hellwach. „Nur zu deinen Mandanten“, sagt er, „musst du immer Distanz halten.“ Stolz ist er auf seinen Freundeskreis, zu dem auch 96-Boss Martin Kind zählt. Willigs zweijährige Präsidentschaft bei 96 war durchaus erfolgreich, brachte er den verschuldeten Verein doch wieder auf Vordermann. „Es war auch viel Glück dabei, aber Glück braucht man halt im Leben.“ 1993 endete dieser Karriereabschnitt mit dem Krebstod des Vaters, damals Richter am Landgericht. Sohn Fritz entschied sich, seine ganze Energie in die Kanzlei zu stecken, mit großem Einsatz und dem Charme einer Dampfwalze. Bis zu zwölf Anwälte und an die 70 Mitarbeiter arbeiteten zu Spitzenzeiten in seiner Laatzener Praxis, bevor er sie im Jahr 2000 abgab - und nur noch als Vermieter und „freier Mitarbeiter“ agierte.

„Mensch, Fritze! Wider-Willig Staranwalt“ heißt eines seiner Bücher. Schon immer übte der 74-jährige den Spagat zwischen selbstlosem Gönner und Kämpfer für die Gerechtigkeit einerseits und nach Aufmerksamkeit heischendem Vermarkter der Marke Willig andererseits. Der gleichnamige Brunnen in Laatzen jedoch, Ehre wem Ehre gebührt, ist seinem Vater gewidmet. Mehrmals wurde der SPD-Mann gefragt, ob er nicht in die Politik gehen wolle. Seine Antwort: „Ich will mich nicht dressieren lassen.“ Neben Krimis und autobiografischen Werken wie „Kurz und sündig“ hat Fritz Willig auch drei Kinderbücher geschrieben, in denen sein - inzwischen verblichener - Weimaraner „Lucky“ die Hauptrolle spielt. Eigene Kinder hat der in Grasdorf lebende Anwalt nicht, seine ganz private Konstante, seit knapp vier Jahrzehnten, ist Ehefrau Petra. Lange war sie als Bürovorsteherin für ihn tätig, jetzt kümmert sie sich um seine Immobilienverwaltung. Auch das Restaurant Müllinger Tivoli gehört Willig.

Sollte die Krebstherapie anschlagen, will der leidenschaftliche Jurist weitermachen, zumindest am Schreibtisch: „Ich habe noch so viele Fälle, die auf mich warten.“ Wie sagte Willig doch? Man braucht halt Glück im Leben.

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