Der ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbény schrieb Sprachgeschichte an jenem 6. Mai 1868 in Hannover. In einem Brief verwendete er zum ersten Mal das Wort „homosexual“. Den Begriff gab es zuvor nicht: Der Jurist Karl Heinrich Ulrichs, der lange in Burgdorf lebte und wie Kertbény ein Vorkämpfer der Homosexuellenbewegung war, hatte Schwulen und Lesben noch als „Urninge und Urninde“ bezeichnet – nach der antiken Göttin Aphrodite Urania.
Die Ausstellung „Vom anderen Ufer“, organisiert vom städtischen Gleichstellungsreferat, zeichnet im Historischen Museum jetzt die Geschichte der Homosexuellen in Hannover nach – immerhin schlossen hier Heinz Harre und Reinhard Lüschow am 1. August 2001, 8.20 Uhr, Deutschlands erste „Homoehe“. Die Ausstellung erzählt von Unterdrückung und Verfolgung, aber auch vom Kampf um Freiheiten – und sie erzählt ein Stück Sittengeschichte: So fuhren etwa in der Nachkriegszeit Schwule aus Berlin oder Hamburg busweise nach Hannover: Hier drückte die Polizei eher mal ein Auge zu, wenn Männer mit Männern tanzten. In der Stadt wehte ein vergleichsweise liberaler Geist.
Die Ausstellung zeigt Schaufensterpuppen mit Netzstrümpfen und rosa Federboa oder mit lila Latzhosen, um so Klischees gleichermaßen zu präsentieren und infrage zu stellen. Zu sehen sind auch heute eher bieder anmutende Schwulenheftchen wie „Dein Freund“ aus den Sechzigern oder „Heterosexuell? Nein Danke!“-Anstecker aus den Siebzigern, alte Streichholzbriefchen aus Schwulenlokalen oder die Leuchtreklame des „Home“, das in den achtziger Jahren ein wichtiger Szenetreff war. Vieles stammt von privaten Leihgebern, vor allem aus der Kollektion des Sammlers Rainer Hoffschildt.
Exponate zur Geschichte der Homosexualität sind rar: Früher vernichteten Erben solche Dinge schamvoll, wenn sie sie im Nachlass von Verwandten entdeckten. Gegenüber Lesben herrschte dabei oft mehr Toleranz als gegenüber Schwulen. Offen lud das Lokal „Eldorado“ in Zeitungsanzeigen Anfang der dreißiger Jahre „wirkliche Freundinnen“ zu „ungeniertem Aufenthalt“.
Selbst in der NS-Zeit blieben Hannovers lesbische Frauen vergleichsweise unbehelligt: Doris Reichmann, die eine Gymnastikschule betrieb, wurde 1933 von einer Konkurrentin als lesbisch denunziert. Doch mit aufrichtigem Bedauern konstatierten die Behörden, dass es für Frauen leider keinen Paragrafen 175 gebe – nur für Männer stand Homosexualität unter Strafe. Reichmann konnte ihre Schule fortführen. Eine Liste führt in der Ausstellung hingegen 31 Männer aus Hannover auf, die infolge von NS-Repressalien starben. Der Paragraf 175 wurde erst 1969 liberalisiert.
Einen bemerkenswerten Wandel illustrieren zwei Exponate: Die Polizeigeschichtliche Sammlung hat ein dickes Album aus der Kaiserzeit zur Verfügung gestellt. Es zeigt Fotos von nackigen Jünglingen in verfänglichen Posen – Polizisten hatten die Aufnahmen beschlagnahmt und auffallend liebevoll in das prachtvolle Buch geklebt. Daneben ist ein Teddy in Uniform zu sehen, der eine Regenbogenfahne schwingt. Er sitzt sonst im Café Konrad in der Knochenhauer Straße. Als Maskottchen des Stammtischs schwuler und lesbischer Polizeiangehöriger.
Die Ausstellung ist im Historischen Museum bis zum 27. September zu sehen. Eröffnung ist am Sonntag um 11 Uhr. Das Beiprogramm startet am 4. März, 19 Uhr, mit einem „Bunten Abend“ im Ballhof. Informationen: (0511) 16 84 30 52.
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